Nr. 06/2008 vom 07.02.2008

Jenseits von Frida und Folklore

Nicht viele Filme aus Mexiko schaffen es in die hiesigen Kinos, und auch im eigenen Land haben sie einen schwierigen Stand. Aber was macht einen Film überhaupt mexikanisch?

Von Anne Huffschmid

Ein Mann in Latzhosen, mit wasserblauen Augen und roten Wangen sitzt am Küchentisch, um ihn herum ein halbes Dutzend blonde Kinder, eine Frau. Die Minuten vergehen, Teller klappern, leises Gemurmel. Die Kinder gehen hinaus, die Frau im dunkel geblümten Kleid bleibt noch einen Moment. «Ich liebe dich», sagt der Mann, als auch sie aufsteht, sie lächelt. «Ich weiss.»

Von den Abgründen der Liebe handelt «Luz silenciosa» («Stellet Licht» auf Plattdeutsch, der Sprache der ProtagonistInnen), der neue Film des Mexikaners Carlos Reygadas. Die Geschichte spielt in einer Mennonitengemeinde im kargen Norden Mexikos. Sie ist schnörkellos und in einem Satz erzählt: Johan, ein freundlicher Familienvater, verliebt sich in eine andere Frau, beide Frauen wissen voneinander, die Ehefrau zerbricht am Schmerz.

Klares Licht flutet die Bilder, kein Kunstlicht und kein Geschwätz, eine riesige Stille zieht durch den Film, nur der Wind rauscht über die Felder, das Land ist weiter, als das Auge reicht. Alle Bewegungen, alle Bilder sind bedächtig, es gibt nichts Schnelles, Schrilles, Schwülstiges, nur diese unglaubliche Klarheit und uralte Fragen, die einem die Luft abschneiden.

«Wie musst du dich verhalten, wenn du aufhörst, einen Menschen zu lieben, und dich in einen anderen verliebst?» Reygadas, ein junger Mann in rabaukiger Lederjacke und Sonnenbrille, nippt an seinem Bier und sieht an diesem Vormittag auf der Dachterrasse eines Luxushotels einer hippen Gegend in Mexiko-Stadt eigentlich nicht aus wie einer, der sich solche Fragen stellt. Wie auch sein Film nicht aussieht, als wäre er ausgerechnet in Mexiko gedreht worden.

Doch zählt der 36-Jährige, der zuvor mit «Japón» (2002) und «Batalla en el Cielo» (2005) Furore gemacht hat, zu den eindrücklichsten BildermacherInnen des neuen mexikanischen Kinos. An den MennonitInnen, die seit den zwanziger Jahren in Nordmexiko beheimatet sind, interessiert ihn weniger das frömmelnde Setting als die Klassenlosigkeit und der Verzicht auf allen äusserlichen Tand. Nur ganz am Ende kippt die klare Linie ins Mystische: Die Ehefrau liegt tot aufgebahrt, Johan bricht unter der Schuld fast zusammen, da tritt die Geliebte an das Totenbett - der Rest ist pure Magie. Und leider auch Moral. Warum nur hadern so viele mexikanische Filme, auch die Meisterwerke, so oft mit ihrem Ende?

Gute Zeiten für mexikanisches Kino

Marina Stavenhagen, die neue Chefin der mexikanischen Filmförderung Imcine, lacht: «Das hat wohl mit unserer Kultur zu tun, am Ende steht der Glauben, nicht die Ratio.» Ein solches Finale sei doch allemal grosszügiger und liebenswerter, als in der Tragik und der Schuld zu verharren. So wie die ArgentinierInnen der Psychoanalyse frönen, kultivieren die MexikanerInnen eben den Glauben an die grossen und kleinen Wunder. «Stellet Licht» hat Ende 2007 den Filmpreis auf dem renommierten Havanna-Festival gewonnen, zuvor den Jurypreis in Cannes eingeheimst.

Es sei «eine gute Zeit für das mexikanische Kino», sagt Stavenhagen. Schon dass sie als unabhängige Filmerin und profilierte Drehbuchautorin, zuletzt für eine grandiose Dokumentation über eine Guerillabewegung der sechziger Jahre («La guerrilla y la esperanza: Lucio Cabañas»), nun zur obersten Filmförderin aufgestiegen ist, gilt als gutes Zeichen. Für einen der grössten Erfolge des mexikanischen Kinos hält Stavenhagen, dass es als solches nach den gängigen Stereotypen gar nicht mehr erkennbar ist. Lange Zeit wurden einige wenige filmische, nicht selten klischeedurchtränkte Sujets variiert: die Misere in Stadt und Land, die indigene Folklore, die Armen und die Campesinos, die unheilvollen urbanen Unterwelten zwischen Cantinas, Bettlern und Pistoleros. Heute hat sich die Vision aufgefächert. Mittelschichten geraten in den Blick, MigrantInnen - auch Indigene in New York - , Multikulturalität meint nicht mehr nur Indiovölker, sondern auch jüdische Urbanität oder eben MennonitInnen. Ob es in einer globalisierten Bilderwelt noch so etwas wie eine mexikanische Bildsprache gibt, bleibt eine komplizierte Frage.

Mehr als Edelkitsch

Im derzeit blühenden Dokumentarflm stellt sie sich kaum. Was hier an Bildern gefunden wird, erzählt ohne ethnisches Pathos von fraglos mexikanischen Lebenswelten. Ein Beispiel ist Juan Carlos Rulfo, der in seinem dritten abendfüllenden Film «En el Hoyo» («Im Loch», 2006) monatelang eine Gruppe von Arbeitern begleitet, die bei Tag und Nacht mitten im Moloch Mexiko-Stadt die neue Stadtautobahn bauen. Dabei befördert der Sohn des Schriftstellers Juan Rulfo so nie Gesehenes ans Tageslicht, in einer kitschfreien Leichtigkeit und urbanen Melancholie, wie sie selten auf Leinwänden zu sehen ist.

Im Spielfilm wird es schon schwieriger. Ist «Pan's Labyrinth», die fantastische Kinosaga vom spanischen Franquismus - wohl eine der gelungensten filmischen Übersetzungen von Tyrannei und Widerspenstigkeit - schon deshalb mexikanisches Kino, weil sein Regisseur Guillermo del Toro einen mexikanischen Pass besitzt? Was genau an «Stellet Licht» wäre mexikanisch zu nennen? Ist die beklemmend schöne, in schwarz-weiss gefilmte Geschichte vom greisen Violinspieler, der seine Familie in einem nie näher benannten Bürgerkrieg verliert und auf eigenwillige Art Widerstand leistet («El Violín», 2005, Francisco Vargas) nicht eher eine universelle Geschichte? Und schliesslich der weltumspannende Episodenfilm «Babel» (2006) des mexikanischen Starregisseurs Alejandro González Iñárritu, der nur zu einem Fünftel in Mexiko spielt - und dort zudem zwiespältig aufgenommen wurde. «Lauter Klischeebilder» moniert Stavenhagen an der Mexiko-Episode. Kaum einer würde jedoch bestreiten, dass der Erstling des ehemaligen Werbefilmers, «Amores Perros» (1999) - eine raue, komplex verwobene Parabel auf Liebe und Gewalt in den Eingeweiden der mexikanischen Hauptstadt - , wohl zu den herausragendsten mexikanischen Filmen aller Zeiten zählt.

Nach einer goldenen Ära des mexikanischen Films in den fünfziger Jahren, mit glamourösen Leinwandstars wie María Félix und Pedro Infante, war es mit der Produktion erst ästhetisch und mit der Wirtschaftskrise 1995 auch ökonomisch bergab gegangen. International verschwand Mexiko ganz in der Versenkung und tauchte erst Anfang der neunziger Jahre mit dem Film «Como agua para chocolate» («Bittersüsse Schokolade»), nach dem Bestseller von Laura Esquivel, wieder auf. Seit Ende der Neunziger wird nun in der heimischen und auch der internationalen Öffentlichkeit deutlich, dass Kino aus Mexiko mehr und Anderes kann als Edelkitsch wie der Esquivel-Film. Oder Salma Hayek mit ihrer bilderbuchbunten Hollywood-Frida-Kahlo, die den Mythos glatt bürstet und die komplexe, kulturpolitische Geschichte des Landes zur malerischen Kulisse reduziert.

Gael García Bernals Sex-Appeal

Eine neue Welle rollt seit der Jahrtausendwende durchs Land, rauer Realismus statt melodramatische Folklore, kantig statt kitschig, nicht selten mit Low Budget, zuweilen mit LaienschauspielerInnen. Auf Kinoleinwände ausserhalb Mexikos schaffte es jedoch erst «Amores Perros», der sogar für den Oscar für den besten ausländischen Film nominiert wurde. Ein grosses, begeistertes Staunen ging seinerzeit durch die internationale Filmkritik, man lobte die Bilderwucht und Poetik, mit der die raffiniert verwobenen Episoden erzählt werden. Ein ähnlicher Auslandserfolg wurde, wenn auch um einiges simpler gestrickt, «Y tu mamá también» (2001) von Alfonso Cuarón, ein deftiges Road- und Sexmovie, in dem zwei Halbwüchsige ihr Land und zugleich ihren geschwätzigen Jungmänner-Machismo durchqueren und dabei, buchstäblich, an neue Ufer geraten. Beide Filme, wie auch der skandalumwitterte «El crimen del Padre Amaro» («Die Versuchung des Padre Amaro», 2002) von Carlos Carrera - gegen den der mexikanische Klerus Sturm gelaufen war - , haben ihre internationale Ausstrahlung in nicht unbeträchtlichem Masse dem Können und Sex-Appeal des Gael García Bernal zu verdanken. Der eher klein gewachsene, als überaus charmant geltende 29-Jährige ist das neue markante Gesicht des mexikanischen Kinos - und mittlerweile einer der begehrtesten Jungschauspieler der Welt.

Dass der durch SponsorInnen finanzierte «Amores Perros», der García Bernal schlagartig weltberühmt machte, ganz ohne staatliche Gelder auskam, gilt als grosse Ausnahme. Denn zweifellos hat die mexikanische Filmförderung den gegenwärtigen Boom kräftig mitbefördert. Waren es in den neunziger Jahren im Schnitt gerade mal 15 Filme im Jahr, so wurden 2007 in Mexiko schon 70 produziert, ein Zehntel mehr als noch im Vorjahr, immerhin 41 davon haben staatliche Zuschüsse bekommen. Seit Ende 2006 gibt es zudem ein neuartiges Förderinstrument, nämlich gezielte Steueranreize für Investition in die Kinoproduktion, auch für filmferne InvestorInnen. Filmschaffende wie die Drehbuchautorin Bertha Navarro («Pan's Labyrinth») befürchten allerdings, dass auf diese Weise nur cleanes, familienfreundliches Kino gefördert würde, «ohne Gewalt, Sexszenen, Sozialkritik oder schmutzige Sprache».

Raubkopien auf den Bürgersteigen

Ansonsten aber bleiben die Bedingungen prekär. Das liegt vor allem an der Konkurrenz zum übermächtigen Nachbarn im Norden, der wie alle anderen auch den mexikanischen Kinomarkt dominiert. Zwar ist gesetzlich eine Leinwandquote von 10 Prozent für heimisches Kino vorgeschrieben. Real aber laufen auf 95 Prozent der Leinwände ausländische Filme, 90 Prozent davon made in USA. «Spiderman» war zuletzt auf 1400 von insgesamt 4000 Kinoleinwänden angelaufen. Um einen solchen Tsunami-Effekt zu kontrollieren, wird die Forderung immer lauter, das Kulturgut Kino aus dem Freihandelsabkommen mit den USA herauszunehmen. Nur so könnten kino- und kulturpolitischer Spielraum gewonnen und die US-Vertriebe in Mexiko - etwa durch ein Limit der Startkopien - stärker an die Kandare genommen werden.

Hinzu kommt, dass Kino trotz Boom bislang kein gutes Geschäft ist. Gerade sechs Prozent der MexikanerInnen gehen der Statistik zufolge regelmässig ins Kino, die Kinokarte kostet mit fünfzig Pesos, gut drei Euro, einen Mindesttageslohn. Die allermeisten Filme liegen schon zum Kinostart als Raubkopie auf den Bürgersteigen zum Verkauf aus, und nur fünfzehn Prozent der Erlöse an den Kinokassen fliessen zurück an die ProduzentInnen. Im Kongress diskutiert werden daher neue Initiativen zur Kinoförderung, etwa eine Sondersteuer auf die Eintrittskarten, die der Produktion zugute kommen soll. «So was gibt es schliesslich auch in den Branchen Tabak oder Tourismus», meint die Schauspielerin und Abgeordnete der mexikanischen Linkspartei PRD (Partido de la Revolución Democrática), María Rojo.

Von Hollywood zurück nach Mexiko

Nicht zuletzt daran liegt es, dass die erfolgreichsten MacherInnen Glück und Gelder regelmässig im Ausland suchen, vor allem im Norden wie Alejandro González Iñárritu («21 Grams», «Babel») oder Alfonso Cuarón («Harry Potter», «Children of Men»), aber zunehmend auch in Europa wie Guillermo del Toro. Die Imcine-Chefin Stavenhagen hat mit den AuswanderInnen kein Problem, Superproduktionen wie «Pan's Labyrinth» könnten im Lande eben nicht finanziert werden. Und es gibt durchaus eine Art Rückfluss: Stars wie del Toro, aber auch Gael García Bernal oder sein Kollege Diego Luna mit ihrer Dokumentarfilmfirma Ambulantes, finanzieren bislang noch regelmässig kleinere Independent-Produktionen in Mexiko.

Zurückgekommen ist Luis Mandoki, der in Hollywood schon lange und recht erfolgreich im Mainstream schwimmt. Sein neuester Film «Mexico 2006: Fraude» («Mexiko 2006: Betrug») ist jedoch ausnahmsweise kein Melodrama, sondern die Dokumentation eines politischen Skandals: die Schmutzkampagne des konservativen Establishments gegen seinen populären Herausforderer, den Linkspolitiker Andrés Manuel López Obrador. Ästhetisch konventionell bis fragwürdig, da streckenweise in TV-Manier voller «talking heads», ist «Fraude» dennoch von grosser politischer Wucht: Ende 2007 ist der Film mit 200 Kopien landesweit an den Start gegangen - und damit eine der erfolgreichsten Premieren des mexikanischen Kinos.

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