Nr. 06/2011 vom 10.02.2011

Die leere Wiese von Sambir

Mitten in einer Provinzstadt nahe der Grenze zu Polen liegt ein grosses leeres Feld. Nun will ein kanadischer Anwalt den verwüsteten alten jüdischen Friedhof restaurieren. Doch in der Ukraine ist die herrschende Wahrnehmung der Geschichte nach wie vor von nationalen Mythen getrübt.

Von Johanna Lier, Sambir und Lviv

Der Anruf kommt mitten in der Nacht. Mark J. Freiman erwartet mich zu solch später Stunde, da er schon am nächsten Morgen zurück nach Kanada fliegen muss. Ich eile durch das nächtliche Lviv zu unserem Treffpunkt, dem jüdischen Gemeindezentrum in der Ivana-Fedorova-Strasse.

Ein uraltes Haus. Ein vollgestellter Eingang, eine vollgestopfte Wohnung, ein Büro. Der Chef der Schule erscheint laut telefonierend, den Tallit um die Hüfte gebunden, und lacht immer wieder los. Mark J. Freiman lässt sich davon nicht stören. Mit leiser Stimme beginnt der Anwalt aus Toronto die Geschichte seiner Eltern zu erzählen; grosse blaue Augen beherrschen das kleine, runde Gesicht.

Bis 1941 lebten Freimans Eltern in Sambir, einer Kleinstadt siebzig Kilometer südwestlich von Lviv und vierzig Kilometer östlich der polnischen Grenze: «Zu Beginn des Kriegs lebten in Sambir 12 000 Juden», erzählt Freiman. «1941 begannen die Deutschen mit der systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Zuerst wurden die Leute in die nahe gelegenen Konzentrationslager Belzec und Sobibor deportiert, ab 1942 setzte die SS den Holocaust durch Erschiessungen fort. Auf dem jüdischen Friedhof mussten die Opfer Gruben ausheben, bevor sie selbst hingerichtet wurden. Andere trieb man in die umliegenden Wälder, wo man sie umbrachte. Meine Eltern überlebten. Sie waren Teil einer Gruppe von 26 Leuten, die sich achtzehn Monate lang in den Kellern eines alten Kornspeichers versteckten – bis die Russen kamen und sie befreiten.»

Mark J. Freiman hält inne, um dann in leiser Monotonie fortzufahren. «Nach dem Krieg wanderten die rund hundert Juden, die überlebt hatten, aus. Der Friedhof verwilderte, niemand kümmerte sich darum.»

Ein zerstörter Friedhof

Es vergingen fast sechzig Jahre, bis ein anderer Kanadier, Jack Gardner, dessen Eltern in Sambir getötet worden waren, beschloss, den Friedhof zu retten. Im Jahr 2000 liess er ein erstes Mahnmal errichten. Wenig später, so Freiman, drangen katholische Anhänger der Ukrainischen Nationalisten nachts in den Friedhof, zerstörten alles und richteten drei zehn Meter hohe Metallkreuze auf.

Am nächsten Tag stehe ich mitten in der Provinzstadt Sambir vor einer grossen Wiese. Tannen, Gebüsch, hüfthohes Gras. Ziegen stecken ihre Nasen in das Gras und recken ihre pelzgesäumten Hintern in den Himmel. Kinder spielen Fussball. Überall zerdrückte Pet-Flaschen und Tetrapaks, Schokoladen- und Toilettenpapiere. Die Metallkreuze, die die Nationalisten vor Jahren aufgerichtet haben, ragen noch immer in die Höhe. Sie stehen auf künstlich aufgeschütteten Hügeln. Im Gras liegen vier umgestürzte Grabsteine mit hebräischen Inschriften. So also sieht er heute aus: der alte jüdische Friedhof.

Im 19. Jahrhundert wurde in Sambir Salz abgebaut und mit Holz gehandelt. Dafür war die Stadt bekannt. Im Winter kauften die Bauern von den JüdInnen Garn und webten Tücher, die sie im Frühjahr wiederum den jüdischen Händlern verkauften. Die Stadt lag abwechselnd in polnischer, russischer, österreichischer, ungarischer, deutscher und ukrainischer Hand.

Nach dem Krieg flüchteten die Eltern von Freiman nach Krakau, von dort weiter nach Wien, wo Mark geboren wurde. Mitte der fünfziger Jahre kehrten sie Europa endgültig den Rücken und emigrierten nach Kanada. Mark J. Freiman musste lange warten, bis er endlich den Mut fand, an den Ort zurückzukehren, der seinen Eltern Heimat und Hölle war. 2003 fuhr er erstmals in die Ukraine, um eine Ahnung von den Geschehnissen zu erhalten, von denen seine Eltern nie zu erzählen vermochten. Seiner Mutter hat er nie verraten, was ihn umtreibt – noch heute bekommt sie Angstzustände, wenn ihr einziges Kind nach Europa fliegt.

Beim Anblick des verwahrlosten Friedhofs und der drei Kreuze sei eine Erschütterung durch ihn gegangen. Und so hat er in Angriff genommen, was er heute als sein Lebenswerk bezeichnet. Der Bürgermeister von Sambir weigerte sich zunächst zu kooperieren und verlangte stattdessen eine Unsumme für eigene Projekte. Dann stellte sich heraus, dass es unmöglich ist, die Kreuze zu entfernen, da sie von Priestern der Ukrainisch-Katholischen Kirche geweiht worden waren.

«Sagt dir Stepan Bandera etwas?» Freiman lächelt mich erwartungsvoll an. «Sein Enkel, der ebenfalls Stepan Bandera heisst, lebt heute in Kanada. Er will sich an unserem Projekt beteiligen, die Kreuze zu entfernen und den Friedhof zu restaurieren.»

Seit Stepan Bandera junior, Enkel eines der führenden Häupter der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), seine Hilfe zugesagt hat, geht es voran: Der Bürgermeister ist plötzlich kooperativ, das ukrainische Fernsehen produziert eine Dokumentation, HistorikerInnen forschen – und auch ein Konzept für die Friedhofsrenovation wird erarbeitet.

Schmerzhafte Tatsachen

In Lviv, soeben aus dem altmodischen Tram ausgestiegen, das durch die Stepan-Bandera-Strasse ruckelte, stehe ich unvermittelt vor einem grossen, beinahe leeren Platz. In der Mitte eine bronzene Skulptur. Blumenkränze, vereinzelt Menschen, die vorbeispazieren und stehen bleiben. Stepan Bandera senior posiert pathetisch, die eine Hand auf dem Herzen, die andere zur Faust geballt, das Gesicht in den Himmel gereckt. Nachdem er bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eine führende Rolle bei den Nationalisten eingenommen hatte, war er ab 1940 der Kopf der OUN-B (Organisation Ukrainischer Nationalisten, Bandera-Flügel), die 1942 die Kontrolle über die Ukrainische Aufstandsarmee UPA übernahm und für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpfte. Die OUN-B bot den Deutschen an, zu kollaborieren, falls sie eine unabhängige Ukraine unter deutscher Hegemonie anerkennen würden, was diese aber ablehnten. Danach war das Verhältnis zu den Deutschen von einer Mischung aus Widerstand und partieller Zusammenarbeit geprägt. Während des Kriegs wurde Stepan Bandera von den Deutschen inhaftiert. Nach dem Krieg blieb er in Deutschland und wurde in den fünfziger Jahren in München von Agenten des KGB getötet.

Tarik Cyril Amar, der Leiter des Zentrums für Stadtgeschichte in Lviv, bezweifelt, dass Stepan Bandera junior ein kritisches Verhältnis zum ukrainischen Nationalismus hat: «Wenn er Freiman dabei unterstützt, den jüdischen Friedhof in Sambir zu restaurieren, dann wohl, um der Welt zu zeigen, dass die OUN, später die UPA, nichts mit Antisemitismus und Judenverfolgung zu tun gehabt haben. Das aber wäre eine grobe Verzerrung der historischen Wirklichkeit.» Dabei gehe es auch um die heutige Politik: Die nationale und teilweise nationalistische Geschichtspolitik des früheren Präsidenten Wiktor Juschtschenko stehe im Konflikt mit der von sowjetischen Mythen geprägten Geschichtsauffassung des aktuellen Präsidenten Wiktor Janukowitsch.

«Das nationalistisch verengte Geschichtsverständnis beschränkt sich darauf, die Widerstandskämpfer für eine unabhängige Ukraine zu heroisieren. Alles andere – partielle Zusammenarbeit mit den Deutschen, systematische Ermordung von Polen, Antisemitismus – wird verdrängt. Jetzt aber stehen wichtige Veröffentlichungen von kanadischen und polnischen Historikern zur Rolle der Ukrainischen Nationalisten während des Zweiten Weltkriegs an, die schmerzhafte Tatsachen untersuchen. Das könnte nun endlich zu öffentlichen Debatten führen. Wesentlich wird sein, wie – und ob – die Medien und Intellektuelle in der Ukraine darauf reagieren.»

Blass und müde wirkt Tarik Cyril Amar – aber auch stolz: Endlich scheint es möglich, ein Projekt zu realisieren, das drei Erinnerungs- und Informationsorte schaffen soll, um die jüdische Vergangenheit der Stadt und ihr schreckliches Ende in der Schoah im Stadtraum sichtbar zu machen. Ein internationaler Wettbewerb wurde bereits ausgeschrieben.

Im pseudojüdischen Restaurant

Abends führt mich meine russische Freundin Natascha im alten jüdischen Viertel von Lviv in ein jüdisches Restaurant aus. Junge Leute in ukrainischer Tracht begrüssen uns, der Preis für Essen und Trinken wird ausgehandelt wie auf einem Basar. Wer das Spiel müde ist, bekommt eine Standardrechnung. Man darf sich Hüte mit künstlichen Schläfenlocken aufsetzen, um sich dergestalt fotografieren zu lassen. An den Wänden hängen Kopien von Fresken des berühmten polnisch-jüdischen Künstlers Bruno Schulz (1892–1942). Umhüllt von Klezmermusik trinken wir Tee und essen Käsekuchen. Am Nachbartisch wird lauthals bestellt: Tzimmes, Hummus und Borschtsch.

Nein, sie seien keine Jüdinnen, sie seien Ukrainerinnen, sagt Olanka, eine der Bediensteten. Dann legt sie los: «Ich liebe den Kontakt und die Gespräche mit den Gästen. In der Westukraine reden viele Leute schlecht über die Juden. Es ist unsere Aufgabe, den Gästen Geschichten über die Juden und ihre Kultur zu erzählen. Obwohl, ich selber weiss nicht sehr viel über die Juden. Und die meisten unserer Gäste wissen gar nichts. Das Feilschen ist zwar nicht wirklich eine jüdische Tradition. Es ist einfach ein Spiel, das uns und unseren Gästen Spass macht. Wir wollen eine lustige Stimmung schaffen.»

Sie habe gelernt, dass die Juden wüssten, wie man Geld mache – und dass sie schlau und clever seien. So sei der Job eine gute Gelegenheit, zu schauen, wie man sich in der neuen Marktwirtschaft durchsetzen könne. Der Besitzer sei zwar nicht jüdisch, hier arbeiteten überhaupt keine Juden, das Restaurant gehöre einer Kette, die Erlebnisgastronomie zu den Themen Schtetl und Schoah, Mafiabusiness, Leopold Sacher-Masoch und Stepan Bandera konzipiere.

Natascha runzelt die Stirn: «Schau sie dir an, diese Olanka. Sie sieht total jüdisch aus!» In Familien, in denen die eigene jüdische Herkunft verleugnet werde, sei der Antisemitismus besonders verbreitet. Den Kindern hämmere man ein, sie müssten patriotische UkrainerInnen werden. Olanka schüttelt den Kopf: «Njet!»

«Njet.» Das sagt auch Bogdan aus Arizona. Nachdem seine US-amerikanische Mutter gestorben war, stellte sich heraus, dass sein ukrainischer Vater in Sambir eine erste Frau und Kinder gehabt hatte, die er während des Kriegs verliess. Seither hält sich der Fünfzigjährige in Lviv und Sambir auf und unterstützt seine wiedergefundenen Neffen und Nichten. Sein Vater sei zeitlebens ein Ukrainischer Nationalist gewesen, auch habe er gewisse ukrainische Bauernbräuche beibehalten. So zum Beispiel das Beschneiden der Knaben acht Tage nach der Geburt. Hinweise von Bekannten, es handle sich hierbei um einen jüdischen Brauch, weist er zurück.

Das Geschäft mit dem Schoah-Tourismus

Später, an einer Sabbat-Feier in der Beit-Aaron-we-Israel-Synagoge von Lviv, sitze ich an einem Tisch mit Gästen aus Israel. Es wird gesungen, getrunken (Wasser, Cola, Saft) und gegessen (Challa, Fische, Salate, Kuchen). Rabbi Mordechai Shlomo Bald beginnt auf Ivrit, Jiddisch und Englisch zu erzählen: von den Segnungen durch den legendären Bal Schem Tow und einer Segnung, die ihm selbst widerfahren sei. Es geht um die Arbeit eines New Yorker Rabbis hier in Lviv. Die Geschichten brechen mit Gewalt aus dem kleinen, dicken Mann heraus, die älteren Frauen und Männer werden ungeduldig, stehen auf, gehen herum und nutzen jede kleinste Redepause, um zu klatschen oder einen neuen Gesang anzustimmen. Doch der Rabbi hebt beschwörend die Hände: «Warten Sie! Das muss ich noch hinzufügen!»

Mir gegenüber sitzt ein Paar, der Mann blass, rothaarig und voller Sommersprossen, die Frau klein, zierlich, mit dunkelbraunen Haaren. Er lebe mitten im Herzen des heiligen Erez Israel, sagt der Mann. Die internationale Gemeinschaft jedoch nenne das Gebiet Westbank, fügt er bitter an. Er sei Tourist Guide für StudentInnen aus Osteuropa, mindestens dreimal im Jahr. Er kommt in Fahrt: Geschichten von Konzentrationslagern und Erschiessungsstätten, von Belzec, wohin die meisten Jüdinnen und Juden aus Polen und der Westukraine verschleppt wurden – und von Sobibor, im Süden, wo es einen Aufstand gegeben haben soll. «Warum wissen Sie das nicht? Interessieren Sie sich nicht für die Geschichte?», fragt er mich vorwurfsvoll und wendet sich ab.

Dem Rabbi behagt es nicht, dass die Schoah-Pilgerreisen boomen. Man müsse das Werk derjenigen, die getötet wurden, fortsetzen. Das sei viel besser, als die Stätten der Gräueltaten zu besuchen. Gute Taten anstelle der Depression.

Eine Mauer quer durch den Innenhof

Eine, die das tut, ist Ada Dyanova. Die ehemalige Schauspielerin leitet die reformjüdische Wohltätigkeitsstiftung Hesed-Arieh, die in einem Haus mitten in einem Lviver Villenviertel Kurse anbietet und dort auch einen Kindergarten und ein Museum betreibt. «In diesem Haus hat es sonst nur Wohnungen. Während der ersten zwei Jahre setzten die Nachbarn alle Hebel in Bewegung, um uns rauszuwerfen. Sie griffen uns sogar körperlich an. Im Innenhof untersagten sie ihren Kindern, mit unseren Kindern zu spielen, unsere Grossmütter durften sich nicht auf die Bänke zu den anderen setzen. Ich organisierte eine Versammlung und fragte: ‹Warum weist ihr uns zurück? Wir leben doch in derselben Stadt, unsere Organisation kümmert sich um Arme und Bedürftige.› Sie antworteten: ‹Erzähl uns keine Märchen. Gebt ihr euer Geld auch den Armen, die in den Strassen sitzen? Wir wollen nichts mit euch zu tun haben!› Da schlug ich vor: ‹Lass uns eine Mauer quer durch den Innenhof bauen.› Das haben wir dann auch gemacht, seither sind die Beziehungen besser.»

Am nötigsten sei die Unterstützung für alte Leute. Eine staatliche Rente beträgt knapp hundert Dollar. Davon müssen Steuern, Wohnungsmiete, Medizin, Kleider und der Haushalt- und Pflegebedarf bezahlt werden. Da bleibe fast nichts mehr fürs Essen, viele ernährten sich von Buchweizengrütze und Milch.

Bis die Organisation 1980 ihre Arbeit aufgenommen habe, seien immer wieder alte Leute verhungert. Ada verzieht den Mund: «Stell dir vor, ein Haus mit fünf Babuschkas, eine davon ist jüdisch. Eines Tages kommen wir, bringen Essen, Medikamente und einen Kühlschrank, die anderen vier werden losschimpfen: ‹Ah, schaut mal hin, sie hat es gut, sie hat ein besseres Leben.›»

Das lange Schweigen

Was sind denn die schmerzhaften Tatsachen, von denen Tarik Cyril Amar gesprochen hat? Er selbst sieht es so: «Neben den Deutschen, die die Haupttäter der Schoah waren, gab es auch lokale Mittäter. Ihre Motive lagen neben der Habsucht auch im traditionellen Antisemitismus. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Tatsache, dass JüdInnen als KommunistInnen verketzert wurden. So ergaben sich gemeinsame Interessen und Vorurteile zwischen Ukrainischen Nationalisten, Teilen der nichtjüdischen Bevölkerung und den deutschen Besatzern.»

Und warum ist es so schwer, sich diesen Tatsachen zu stellen? Warum dieses Schweigen? Natalka Sniadanko, eine junge ukrainische Schriftstellerin, deren erster Roman «Sammlung der Leidenschaften» ins Deutsche übersetzt worden ist, rekapituliert die lange Leidensgeschichte am Beispiel ihrer Familie: Hungersnot durch die stalinistische Zwangskollektivierung; Deportationen; Terror durch die UPA, die den Bauern Kollaboration mit den Sowjets vorwarf; Terror durch die Sowjets, die den Bauern Kollaboration mit der UPA und den Deutschen vorwarfen – und dann die kommunistische Diktatur.

Und heute? Die ostukrainische Politik pflegt noch immer den Mythos der Befreiung der Bauern durch die Sowjets, die westukrainische jenen der Befreiung der Bauern durch die UPA. «Jeder, der eine dieser Versionen vertritt, hat einen Dachschaden», sagt Tarik Cyril Amar.

Und warum das Festhalten an den Mythen? Natalka Sniadanko reagiert emotional auf diese Frage: «Weltliteratur ins Ukrainische zu übersetzen, ist für viele hiesige Verleger keine Selbstverständlichkeit, die Hauptsprache vieler TV-Sender ist immer noch das Russische. Ich weiss nicht, ob mein Sohn später in russischer oder ukrainischer Sprache studieren wird. Wir wollen ein normales Land mit einer normalen Sprache. Die Historiker müssen die nationale Geschichte endlich durcharbeiten. Ich wünsche mir, dass sich die Literatur bei der Verarbeitung der nationalen Mythen nicht auf der national-historischen Ebene bewegt und dass dabei interessante und moderne Texte ent-stehen.»

Die langen Schatten, welche die Bäume werfen, fressen sich gegenseitig die Sonne weg. Weisse Wolken schlieren über den hellblauen Himmel. Der Abend senkt sich langsam auf die leere Wiese. Diese Leere könnte für das Unvermögen des Erinnerns stehen – und auch für das Unvermögen des Vergessens.

Eine Gruppe junger Männer nähert sich mit der aggressiven Vehemenz, die junge Körper oft nicht zu bändigen wissen. Ihre Köpfe sind kahl geschoren; auf den T-Shirts prangen Zeichen, martialisch und schwarz. Ich habe Angst, gehe ihnen aber entgegen, denn in der Gegenrichtung würden wir uns gemeinsam auf den Wald zubewegen. Als wir uns kreuzen, verändert sich das Bild. Die jungen Männer lachen und schäkern. Ich sehe, dass die Zeichen auf ihren T-Shirts chinesisch oder japanisch sind, Judo, Karate oder so was. Die aus der Ferne registrierte Stärke verliert sich in der schlabbrigen Weite ihrer löchrigen Trainerhosen.

Die Geschichte der heutigen Westukraine

Das geteilte Land

Als Gebiet der heutigen Westukraine wird Ostgalizien mit Lviv (polnisch: Lwów; deutsch: Lemberg) als Zentrum bezeichnet. Während im Osten und Süden der Ukraine die atheistische oder russisch-orthodoxe russische Bevölkerung dominiert, bilden im Westen katholische und ukrainisch-orthodoxe UkrainerInnen die Mehrheit.

Ab dem 14. Jahrhundert setzte durch die litauische und polnische Bevölkerung eine Katholisierung auf dem Gebiet der heutigen Ukraine ein. Nach dem Zusammenbruch der tatarischen und litauischen Herrschaft erhoben sich die orthodoxen Kosaken der östlichen Teile des heutigen Landes gegen die katholischen Polen. Ab 1668 blieb allein Ostgalizien noch bei Polen – der Grossteil des übrigen Gebiets der heutigen Ukraine fiel ans russische Zarenreich.

Bei den Teilungen Polens 1772 und 1795 fiel Galizien an Österreich. Im Lauf des 19. Jahrhunderts führte die Region einen erbitterten Selbstbehauptungskampf gegen Polen, Österreich, KatholikInnen und die AnhängerInnen der papsttreuen Unierten Ostkirche: Galizien wurde zur Hochburg des ukrainischen Nationalismus. Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns, dem polnisch-ukrainischen Krieg 1918/19 und dem Krieg zwischen Polen und Sowjetrussland (1919–1921) wurde Ostgalizien polnisch.

Im Zug des Hitler-Stalin-Pakts 1939 fiel Galizien an die Sowjetunion. Im Juni 1941 führte der deutsche Angriff auf die Sowjetunion zunächst in die Gebiete, die Deutschland 1939 von Polen annektiert hatte. Schon in den ersten Tagen kam es zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung, angeleitet durch SS-Verbände – und (mit)ausgeübt von ukrainischen und polnischen BewohnerInnen. Ab 1943 tobte nicht nur ein Partisanenkrieg gegen die deutschen Besatzer – es gab auch eine starke nationalistische Unabhängigkeitsbewegung gegen die Sowjets. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ostgalizien Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik.

Auch seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 hält die Teilung des Landes an. Der Konflikt mündete 2004 in die «Orange Revolution» und den Sieg des westlich orientierten Präsidentschaftskandidaten Wiktor Juschtschenko über den russlandnahen Regierungschef Wiktor Janukowitsch. Letzterer wurde 2010 zum Präsidenten gewählt.

Während prowestliche Parteien eine EU- und Nato-Mitgliedschaft anstreben, ist die südliche und östliche Bevölkerung für eine Annäherung an Russland. Bei den Präsidentschaftswahlen 2010 sprachen sich erstmals alle führenden Kandidaten für eine Annäherung an die EU aus und für gleichzeitige gutnachbarschaftliche Beziehungen zu Russland.

Adrian Riklin

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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