Nr. 26/2005 vom 30.06.2005

«C’est tour»

Von Philipp Anz

Ab dem 2. Juli rollt es wieder, das grösste Freiluftspektakel der Welt: die Tour de France, kurz «le tour». Radfans hierzulande vergessen für drei Wochen den Sommer und die Badi, lassen die Rollläden runter und schauen TV. Wenn möglich jeden Tag, denn nur wer von Anfang an dabei ist, entwickelt ein Auge für den Formstand der Pédaleurs und die taktischen Ausrichtungen der Teams. Oder man trifft sich mit KollegInnen in einer Bar, trinkt einen Pastis und verfolgt zusammen die Übertragungen: In den letzten Jahren ist die Tour vermehrt zu einem sozialen Anlass geworden, selbst wenn sie noch lange nicht die trendy Dimension von Fussballspielen erreicht hat.

Wirklich Angefressene aber zieht es im Juli nach Frankreich. Nicht nur das halbe Land steht dann am Strassenrand, sondern auch TouristInnen aus ganz Europa folgen mit Auto, Camper oder Velo dem Tour-Tross. Das mag für Nichtradfans leicht spinnert wirken, schliesslich ist «Liveradsport» meist eine Sache von Sekunden - dann sind die Fahrer schon wieder vorbei. Für die Tourreisenden ist es aber viel mehr: das «Aufwärmen» in einer Kneipe, der hysterische Kampf um Werbeartikel (auch wenn man sie nicht gebrauchen kann), die kurze Euphorie bei der Passage du peloton, ein ganzes Dorf auf den Beinen, ein Leben, das sich über Tage nur auf der Strasse abspielt, an Orten, wo man sonst vielleicht nie hinkommen würde. «C’est tour», sagen die Einheimischen augenzwinkernd zu diesem Fieber.

Dieses Fieber befiel auch die deutsche Journalistin Bürte Hoppe, die regelmässig zur Tour de France reist. In ihrem «Reiseführer Tour de France» stellt sie nun 150 Städte als mögliche Etappenorte und über 50 Berge in allen 22 Regionen Frankreichs vor - was das Buch auch noch für kommende Rundfahrten aktuell macht. Dazu kombiniert sie Streckentipps und Wissenswertes aus der Tour-Geschichte mit Informationen zu touristischen Sehenswürdigkeiten, Unterkunft (mit besonderem Augenmerk auf Campingplätze) und Küche.

Hoppes Buch ersetzt keinen «normalen» Reiseführer, trotzdem kann man damit quasi im Vorbeifahren auch noch die Invasion in der Normandie, bretonische Traditionen oder Paris-Roubaix mitnehmen. Vor allem aber sind die Streckentipps nützlich: Wo man sich in einem Ort, an einer Strasse oder am Berg am besten hinstellt, um sowohl einen guten Einblick ins Renngeschehen wie auch einen schönen Ausblick auf die Umgebung zu bekommen; wo man eher auf ein kleines Volksfest trifft und wo auf die Hektik eines internationalen Zeltlagers. Und natürlich die Anekdoten und Heldenporträts - von Jacques Anquetil bis Bernard Hinault - aus 101 Jahren Tour de France, damit das Fachsimpeln beim Warten auf das Maillot jaune leichter fällt.

So erfährt man, dass Nancy (6. Etappe 2005) vor hundert Jahren zum ersten Mal Tour-Ort war. Dass es auf dem «König der Berge», dem Col du Galibier (11. Etappe), wo Marco Pantani 1998 Jan Ullrich in Grund und Boden fuhr, im Vergleich zur Alpe d’Huez eher familiär zu und her geht. Oder dass der Col du Portet d’Aspet (15. Etappe) zwar nicht mit einer beeindruckenden Höhe, dafür mit den steilsten Rampen Südfrankreichs aufwartet.

Punkto Details und Leidensgeschichten kann Bürte Hoppes Reiseführer andern Büchern zur Tour nicht den Bidon reichen, der Fokus ist zudem stark auf Jan Ullrich und andere deutsche Fahrer gerichtet. Aber in seiner Kompaktheit ist er ein sehr nützlicher Begleiter durch einen fiebrigen Juli in Frankreich. Dabei sollte man, empfiehlt Hoppe, wenn immer möglich auch in kleinen Orten entlang einer Etappe Halt machen: «Es wird vielleicht kein grosser Radsport geboten. Aber es wird ein grosses Erlebnis sein.»

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