Pop : In der globalen Szene zu Hause

Nr.  9 –

Es drängt sich förmlich auf, das neue Album von The Notwist im Kontext der Pandemie zu hören. Wie die deutsche Band auf «Vertigo Days» bisherige Konstanten aufbricht und sich zusammen mit GastmusikerInnen kollektiven Songwritingprozessen öffnet, wie sie thematisch die Fragilität des Selbstverständlichen umkreist, liefert sie eine Projektionsfläche für Sehnsüchte in Zeiten der Vereinzelung.

Gewohnt schluffig-melancholische Indiepop-Songs wie «Where You Find Me» und «Loose Ends» sind auf dem Album Teil eines konstanten Stroms von Stimmungen und Sounds, zusammengehalten von luftiger Perkussion und sanften elektronischen Elementen. Verantwortlich dafür ist der Schlagwerker Cico Beck, der nach dem letzten Album, «Close to the Glass» vor sieben Jahren, die Rolle des stilprägenden Martin Gretschmann übernommen hat.

Die eigentlichen Highlights auf «Vertigo Days» sind die internationalen Kollaborationen. Während «Into the Ice Age» mit Angel Bat Dawids Klarinette fast zu einem Free-Jazz-Stück mutiert, bildet Ben LaMar Gays Stimme auf «Oh Sweet Fire» einen warmen Kontrast zum schüchternen Gesang von Notwist‑Sänger Markus Acher. Mit pulsierendem Rhythmus und entrückten Synthesizern fügt die mit der japanischen Musikerin Saya entstandene Single «Ship» dem Klang der Gruppe eine neue Facette hinzu, genauso wie das hibbelig-aufgekratzte «Al Sur», das die Band zusammen mit der argentinischen Songwriterin Juana Molina produzierte.

Vor fast zwanzig Jahren schafften The Notwist mit «Neon Golden» den internationalen Durchbruch: Die melancholischen Ohrwurmsongs, unterfüttert von Gretschmanns reduzierter Electronica, provozierten damals Vergleiche mit Radiohead. Sie brachten der Gruppe Aufmerksamkeit in Grossbritannien, und den USA, in Deutschland den Ruf als Indie-Erneuerer des Landes. Mit «Vertigo Days» setzen sie dieser von ihnen verabscheuten Nationalperspektive eine eigene Erzählung entgegen: Zu Hause sind The Notwist in einer global vernetzten Szene zwischen Tokio, Buenos Aires, Chicago und Weilheim in Oberbayern.

The Notwist: Vertigo Days. Morr/Indigo. 2020