Nr. 08/2014 vom 20.02.2014

Ortlose Schwermut

Von Klaus Walter

1989, im Jahr des Mauerfalls, tun sich im oberbayerischen Weilheim The Notwist zusammen, «Close to the Glass» ist nun ihr siebtes Album. «Ihre Musik ist für viele zu einem vertrauten Begleiter geworden», heisst es in der Bandinfo. Ein fragwürdiges Kompliment: Wartet irgendjemand freudig erregt auf die neue Platte eines vertrauten Begleiters? Tatsächlich ist die Band nie stehen geblieben, und sie hat sich nie so schlagartig verändert, dass sie ihre BegleiterInnen vor den Kopf gestossen hätte.

The Notwist sind wie ein Container, sie haben die bedeutenden musikalischen Neuerungen ihrer Lebenszeit mit der bandeigenen Behutsamkeit inkorporiert. Hip-Hop, zunächst die Beats, dann leibhaftige Rapper im deutsch-amerikanischen Projekt 13 oder Techno, nicht «four to the floor», eher als Erweiterung der sonischen Möglichkeiten: «Analoge Schwermut, verbunden mit digitalem Knistern», meinte die «Süddeutsche Zeitung». Na ja.

Eine gewisse ortlose Schwermut umwölkt auch das neue Album, ohne dass man der Sache auf den Grund gehen möchte, wer hört da schon auf Texte? Markus Achers unvirile, wenn nicht antivirile Stimme ist ein markantes Instrument im reichen Notwist-Sound, sie verleiht selbst angriffslustigem Punkrock eine friedfertige Müdigkeit, da kommt die alte Dinosaur-jr.-Schule durch – die US-Band hat die jungen Notwist geprägt. Antriebsschwäche, Prokrastination, Schlaffheit – heute Symptome der Burn-out-Gesellschaft – waren zu Dinosaur-jr.-Zeiten Ausdruck einer sich selbst nicht bewussten Stilpolitik, der die Bezeichnung «Slacker» mehr zugewiesen wurde, als dass ihre ProtagonistInnen sich diese selbst angeeignet hätten. Der Slacker verschwand bald im Warenkreislauf, in der Weilheimer Nische hat er überlebt. Ironischerweise ist das notwistsche Fortschritts- und Differenzierungsparadigma Bestandteil ihrer wertkonservativen Politics. Die Band will künstlerisch weiter, und sie will Distanz wahren zum Betrieb. Beides funktioniert mit «Close to the Glass», behutsam «as usual».

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