Nr. 33/2005 vom 18.08.2005

Vom Leben und vom Sterben

Das lateinamerikanische Land ist im Griff der Gewalt. Kein Wunder, dass es in Kolumbien auch in den Romanen brutal zugeht - Gott sei Dank nicht in allen.

Von Valentin Schönherr

Eigentümlicherweise beginnt jeder Artikel über kolumbianische Literatur mit einem Verweis auf die gewaltsame Realität dieses Landes. Das hat seinen Grund. Nicht nur unser von Medien gelenkter Tunnelblick richtet sich ganz auf die vielfältigen Formen der violencia - Entführungen, Drogenkriminalität, Bürgerkrieg, Strassenkiller, Korruption, Flüchtlingselend - und übersieht alles andere. Auch die Literatur Kolumbiens scheint sich seit je bevorzugt mit Gewalt zu beschäftigen.

Der erste Satz des kolumbianischen Klassikers «Der Strudel» (1924) von José Eustasio Rivera gab die Linie vor: «Bevor noch irgendeine Frau meine Leidenschaft gefesselt hatte, setzte ich aufs Geratewohl mein Herz und verspielte es an die Gewalt.» Gabriel García Márquez liess sich in «Hundert Jahre Einsamkeit» nicht lumpen und jagte das Dorf Macondo durch mehrere Bürgerkriege und ein Massaker, bevor es schliesslich apokalyptisch von der Erde getilgt wurde. Und ein Kolumbiendossier in «Babelia», der Literaturbeilage der spanischen Zeitung «El País», minderte 2003 diesen Eindruck kaum. Héctor Abad Faciolince schrieb dort: «Die Realität ist unvermeidbar, auch wenn man ihr ausweicht. Die Gewalt, von der man in den Büchern liest, ist selbstverständlich eine Tochter der uns umgebenden Gewalt.» Nur - ist diese Gewalt denn tatsächlich das Element, das «die Realität» allein bestimmt?

Gewalt und Grausamkeit

Binnen eines Jahres sind sieben neue kolumbianische Romane ins Deutsche übersetzt worden - ohne Buchmessenschwerpunkt oder andere Literaturbetriebsmotoren eine ganz erstaunliche Anzahl und eine günstige Gelegenheit, gewohnte Bilder zu überprüfen. Wobei man eines der Bücher, García Márquez’ «Erinnerung an meine traurigen Huren», gleich wieder beiseite legen kann: Diese Rechtfertigung der senilen «Liebe» eines Neunzigjährigen zu einer wehrlosen Minderjährigen weckt eher traurige Erinnerungen an einen einstmals brillanten Schriftsteller, dessen Höhepunkte lange zurückliegen.

Die verbleibenden sechs Romane - darunter drei von Autoren, die dem deutschsprachigen Publikum zum ersten Mal vorgestellt werden - ergeben zufälligerweise drei Paare, die jeweils in ihrer thematischen Anlage Gemeinsamkeiten aufweisen.

«Das Blut der anderen» von Arturo Alape und «Der Abgrund» von Fernando Vallejo spielen in der kolumbianischen Gegenwart und befassen sich eingehend mit der überbordenden Gewalt im Lande. In Alapes Text hört ein Autor in langen Sitzungen einem jugendlichen Exauftragskiller zu und notiert, als Zeuge, dessen Lebensgeschichte. Der Junge ist knapp neunjährig in die Fänge einer regelrechten Mörderschule geraten - und gelangt, nachdem er eine Menge vom «Blut der anderen» vergossen hat, wieder heraus. Am Ende lebt er rechtschaffen, vom Müllsammeln und mit einem Berg an belastenden Erinnerungen. Der Blick ins Innere eines solchen Lebens ist durchaus aufregend. Der enorme Erfolg, den dieses Buch in Kolumbien erlebte, verwundert dennoch: Inhaltlich wird das reproduziert, was dem dortigen Publikum durch Reportagen längst hätte bekannt sein dürfen - und was den Stil betrifft, hat Alape den Redefluss seiner Figur so autoritär umgestaltet, dass diese nicht mehr glaubhaft wirkt. Den sprachlich schwachen Eindruck verstärkt die auf Kraftausdrücke bauende Übersetzung sogar noch.

Der verfeinerte Stil ist nun ganz das Element Fernando Vallejos: ein Hochgenuss, allerdings nur im Konjunktiv. Wie schon in «Die Madonna der Mörder» (2001) erweist sich der grammatische Ästhet Vallejo als Schöpfer rücksichtsloser Hassgesänge, die vor nichts Halt machen. Ein verbitterter Mann pflegt seinen aidskranken Bruder-Freund bis zum Tod und verdammt dabei alle: seine Mutter, den Papst, Kolumbien, die Zeitung, Schwangere, Arme. Sie hätten das reine Land seiner Kindheit zerstört und mit ihrer Dummheit und Schlechtigkeit in den Abgrund geführt. Das ist nicht gerade scharf analysiert, sondern eher der Auswurf einer gekränkten Seele. Einer Seele, die jedoch zuzuschlagen bereit ist: «Der Tick mit den Schwangeren war meiner, hätte aber ebenso gut seiner sein können, denn wenn ich eine sah und sagte: ‹Gib Gas, Darío, sieh zu, dass du sie kriegst›, gab er Gas und sah zu, dass er sie kriegte.» Vallejo bekennt sich in Interviews gern dazu, dass er das, was er seinen Ich-Erzählern in den Mund legt, persönlich genauso meint. Das scheint der Literaturbetrieb nicht recht zur Kenntnis nehmen zu wollen. «Der Abgrund» wurde mit einem hohen lateinamerikanischen Preis ausgezeichnet, und für die deutschsprachige Literaturkritik und den Verlag scheint Kolumbien ausreichend weit weg zu sein, dass man sich wegen menschenverachtender Passagen keine Gedanken zu machen braucht, solange sie denn geschliffen formuliert sind.

Trotz ganz unterschiedlicher Haltungen stimmen Vallejo und Alape in ihrer Intention doch überein: Sie versuchen die Verhältnisse zu überwältigen, indem sie sie sprachlich an Grausamkeit noch übertrumpfen. Sie ästhetisieren sie, statt sie zu denunzieren, und setzen sie damit fort, statt sie zu unterbrechen.

Flucht und Fernweh

Zwei weitere Autoren gehen ganz andere Wege: Sie suchen das Heil weit weg, Santiago Gamboa mit «Die Blender» im exotischen Beijing, Jorge Franco mit «Paraíso Travel» im gelobten New York. Beide Autoren haben sich in früheren Büchern (Gamboa 1997 mit «Verlieren ist eine Frage der Methode», Franco 1999 mit «Die Scherenfrau») drastisch durch die Gewaltkriminalität kolumbianischer Grossstädte gearbeitet und bemerkenswerte Verkaufserfolge erzielt. Der Blick auf die Bestsellerlisten scheint auch ihre neuen Bücher beeinflusst zu haben. Mit klaren Charakteren und einer mit Händen zu greifenden «Moral von der Geschicht» (Löse dich von deinen Illusionen! Such dich nicht in der Ferne!) folgen sie konsequent den Regeln guter Verkäuflichkeit, und der kurzschnittige Spannungsaufbau, der schliesslich genau aufgeht, tut ein Übriges dazu. Ob man nun Gamboas reichlich konstruierter Jagd nach einem begehrten chinesischen Manuskript folgt oder Francos gut ausgeleuchteter Odyssee eines Jugendlichen, der mit seiner Geliebten illegal in die Vereinigten Staaten reist und sie dort verliert - unterhalten wird man ganz gut. Beide Autoren stehen für einen ausgesprochen vitalen kolumbianischen Buchmarkt, der offenbar gar nicht so sehr darauf setzt, die Kugeln durch die Gassen pfeifen zu lassen. Vielmehr löst sich Santiago Gamboa vom kolumbianischen Kontext und übt Normalität beim freien Spiel mit historischen Verwicklungen und literarischen Querverweisen. Und Jorge Franco wertet Kolumbien dadurch auf, dass er die Träumereien von einem besseren Leben anderswo scheitern lässt. Die titelgebende «Paraíso Travel» führt über die Illusion der gelobten USA in die Realität eines eigenverantwortlichen Lebens.

Alltag und Abschied

Die interessantesten Romane kommen jedoch von zwei Autoren, denen bislang grössere Beachtung versagt geblieben ist. Und auch sie haben etwas gemein: José Guillermo (Memo) Anjel und Tomás González erzählen vom Kolumbien der fünfziger und sechziger Jahre, als die violencia noch längst nicht ihr heutiges, allgegenwärtiges Ausmass erreicht hatte. Memo Anjels Roman «Das meschuggene Jahr» handelt von einer jüdischen Familie in Medellín, die ganz in ihren Alltagsgeschäften aufgeht. Ein leicht verrückter Vater (Anjel legt mit dieser Figur seinem eigenen, früh verstorbenen Vater einen Stein aufs Grab) verausgabt sich an merkwürdigen technischen Erfindungen wie einer Brotbackmaschine, die Mutter verhindert, dass das Chaos über die Sippe hereinbricht, und alle gemeinsam erfüllen sie sich auf ihre Weise den traditionellen Pessach-Wunsch der Juden: eine Reise nach Jerusalem. Erzählt in einem warmherzigen, geradezu arglosen Ton, fehlen in «Das meschuggene Jahr» alle Anklänge an die die violencia, die auch damals schon eine lange, wenn auch sporadischere und begrenzte Geschichte hatte. Memo Anjel hat, als er sein Buch im Mai in Zürich vorstellte (siehe Interview WOZ Nr. 19/05), dies als eine ganz bewusste Entscheidung erklärt: Er wolle sich an einer «morbiden» Literatur nicht beteiligen, die die alltagsbestimmende Angst der Leserinnen und Leser vor Gewalt dazu missbraucht, Spannung zu erzeugen. Positiv gewendet hiesse das: Hier schreibt einer abseits der Erwartungen und Gewohnheiten, aber mit dem Wunsch, erzählend vor dem Vergessen zu retten, was noch nicht verloren ist.

So unverschämt freundlich das «Meschuggene Jahr» ausgeht, so tödlich endet «Horacios Geschichte» von Tomás González: Horacio stirbt, er tut das eigentlich das ganze Buch hindurch. Also alles wie gehabt: Kolumbien heisst Gewalt, Entsetzen, Tod? Nein, Tomás González erzählt die Geschichte eines Sterbens - wohl auch im bewussten Kontrast zur Gewaltliteratur seiner Kollegen - als den genau beobachteten Abschied eines Menschen vom Leben, das er heiss geliebt und liebevoll geführt hat. Horacio ist Rinderzüchter und Antiquitätenhändler in der Provinz. Mit seinen Kindern, seiner Frau, seinen Brüdern spricht, scherzt, leidet er, er lebt eigensinnig, anders als die Ärzte ihm empfehlen, mit albernen Vorlieben und grosser Aufmerksamkeit für die Details seiner Umgebung. All das wäre nicht weiter bedeutsam, wenn es nicht so ausgesprochen stimmig und klug erzählt und ganz unabhängig von allem Kontext einfach eine gute Geschichte wäre, vor allem aber, wenn es sich nicht von den bekannten Bildern über Kolumbien so krass unterscheiden würde. Kann man in einem Land, in dem die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Gewalttat, einer Entführung zu werden, so hoch ist wie sonst kaum irgendwo auf der Welt, noch von einem Leben erzählen, dessen Tod mehr wert ist als eine kurze Zeitungsnotiz? Man kann, sagt González.

Interessanterweise spielt auch sein Roman in der Vergangenheit: Horacio muss 1960 noch nicht befürchten, dass sein Dorf von Paramilitärs oder Guerilleros überfallen wird. Die Gewalt im Lande spielt durchaus in Horacios Geschichte hinein, durch Radiomeldungen etwa. Einmal werden ihm sogar zwei Kühe von der Weide gestohlen, die Diebesbande wird später von der Polizei erschossen. Aber das ist damals noch ein aufsehenerregendes Ereignis, von dem Horacio Nacht für Nacht träumen wird. Wie aber würde er vierzig Jahre später auf den Vorfall reagieren?

Dass unter den erwähnten sechs Büchern kein qualitätsvoller Gegenwartsroman ist, mag man als Lücke bemängeln. Dabei sollte nicht übersehen werden: Uns erreicht nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was im Buchland Kolumbien jährlich erscheint. Von Laura Restrepo, der Alfaguara-Preisträgerin des Jahres 2004 (für «Delirio») und von Héctor Abad Faciolince sind bereits Bücher auf Deutsch erschienen und weitere zu erwarten. Andere - Pedro Badrán, Saúl Álvarez, Darío Jaramillo Agudelo - warten noch auf ihre Entdeckung. Aber die unterhaltsamen Neuerscheinungen von Jorge Franco und Santiago Gamboa selbst sprechen ebenso für eine lebendige Buchkultur wie die anspruchsvolleren Romane von Memo Anjel und Tomás González. Diese verweisen, indem sie das Gewaltthema zur Leerstelle machen, umso eindringlicher auf Übersehenes, Bedrohtes und Verlorenes.

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