Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Zur Abwechslung das gleiche Lied!

In Mexiko ist der PRI zurück an der Macht – jene Partei, die von 1929 bis 2000 mit Korruption und Autoritarismus regierte. Die WOZ sprach mit den Autoren Juan Villoro und Sergio González Rodríguez über die Widersprüche ihres Landes.

Von Michael Pfister (Text und Foto), Mexiko-Stadt

«La misma canción» in der Cantina des «Carlton», Mexiko-Stadt: Der Schriftsteller Sergio González Rodríguez (rechts) ist von seinem Land entsetzt – und doch darin verliebt.

Wie kann ich ein solches Land bloss so sehr lieben? Ein Land, in dem in den letzten sechs Jahren zwischen 60 000  und 90 000  Menschen einem erfolglosen Krieg gegen den Drogenhandel zum Opfer gefallen sind. Ein Land, das den reichsten Mann der Welt (den Unternehmer Carlos Slim mit einem geschätzten Vermögen von umgerechnet über 70 Milliarden Franken) stellt, während LehrerInnen oder PolizistInnen für 150 bis 300 Franken im Monat arbeiten. Ein Land, in dem rund 95 Prozent aller Verbrechen ungestraft bleiben und die Drogenkartelle, um ihre Macht zu beweisen, die abgehackten Köpfe ihrer Opfer in Diskotheken werfen oder mehrere Dutzend Leichen vor einem Monument aufschichten, als wäre es eine Kunstinstallation.

Zwei parallele Realitäten

Und trotzdem liebe ich Mexiko nach zwei Jahren in der Hauptstadt mehr denn je – nur manchmal mit schlechtem Gewissen, weil ich mich frage, was ich dafür alles verdränge. Die Sensationsmeldungen der europäischen Medien sind freilich reiner Gruselvoyeurismus. Es tut so gut, ein weit entferntes Monster in blutigsten Farben zu malen. Das Böse wohnt in Mexiko, und zum Glück gibt es ja auch anderswo Sandstrände. Warum sich da Gedanken über globale Zusammenhänge machen? Der US-amerikanische Journalist John Gibler zitiert in seinem Buch «To Die in Mexico» einen Uno-Bericht, demzufolge 2009 rund 350 Milliarden Dollar aus dem Drogengeschäft gewaschen und in den internationalen Geldfluss gespeist wurden. Geld, das zur Linderung der mottenden Finanzkrisen willkommen ist.

Der Kontrast zwischen der Grausamkeit des sogenannten Drogenkriegs und der so liebenswürdigen Lebendigkeit des mexikanischen Alltags könnte kaum grösser sein. Auf Märkten und Strassen, an Festen oder in Geschäften entfaltet sich eine bunte Mischung aus Tradition und Überraschung. Alles ereignet sich überall. Beeindruckend, mit wie viel Stoizismus und unverwüstlich guter Laune MexikanerInnen ihr Land selbst in der Krise feiern. An der städtischen Uni treffe ich StudentInnen, die Feuer und Flamme für die erst Mitte Mai entstandene Protestbewegung #YoSoy132 (siehe WOZ Nr. 23/12 und 26/12) sind. Sie sehen sich schon als MärtyrerInnen im Kampf gegen die Macht – wie 1968, als die Regierung im Stadtteil Tlatelolco Hunderte von jungen DemonstrantInnen massakrieren liess. Ein Politologiestudent erzählt mir, wie in seinem Heimatort Valle de Chalco – im Estado de México, wo Peña Nieto von 2005 bis 2011 Gouverneur war – Wahlbetrug funktioniert: Wenn eine Familie ihre Wahlausweise abgebe, erhalte sie, je nach Bedarf, eine Tonne Zement oder eine Tonne Sand. Doch nach all den Schauergeschichten lachen die jungen Leute und sagen: «Aber vergiss nicht, Mexiko ist ein wunderschönes Land!»

«Ich mag die patriotische Folklore, denn der mexikanische Patriotismus ist ein Nationalismus der Besiegten», erklärt mir der Schriftsteller Juan Villoro, «der friedliche Nationalismus eines Landes, in dem die Illusionen viel stärker sind als die Wirklichkeit. Wir haben die Hälfte unseres Territoriums erst vor gut eineinhalb Jahrhunderten verloren. Aber niemand spricht von der Rückeroberung von Texas.»

Villoro ist mein Nachbar im Stadtteil Coyoacán, früher ein Künstlerdorf, in dem das «blaue Haus» der Malerin Frida Kahlo steht, heute ein privilegiertes, aber recht durchmischtes Wohn- und Ausgehviertel. Villoro hat sich als Romancier, Kolumnist, Lichtenberg-Übersetzer, Kinderbuchautor und Fussballanalytiker einen Namen gemacht. Er gehört nicht zur Kulturmafia, die sich von Parteien oder monopolistischen Fernsehmogulen bezahlen lässt. In den frühen Achtzigern hat er als Botschaftsangestellter in Ostberlin, später in Barcelona gelebt.

Kürzlich war Villoro ein Semester lang Gastprofessor in Princeton: «Wenn man sich dort nach der besten Zugverbindung erkundigt, gibt einem niemand Auskunft. Aus Angst, auf eine falsche Angabe behaftet zu werden, verweisen alle aufs Internet. Eine hocheffiziente, aber völlig entpersonalisierte Gesellschaft.» Dass das in Mexiko nicht so ist, weiss Villoro zu schätzen. Aber er sieht auch die «geradezu schizophrene» Widersprüchlichkeit seines Landes: «Mexiko lebt gleichzeitig in zwei parallelen Realitäten: in einer scheinbar ausweglosen Apokalypse und in einem Karneval, der das Leben feiert.» Diese Spaltung erklärt er mit einer vom Soziologen Max Weber geprägten Begrifflichkeit: «Alles, was ‹Gesellschaft› ist, scheitert in Mexiko. Dafür triumphiert die ‹Gemeinschaft›. Gefühle sind wichtig, aber objektive Normen und Gesetze werden nicht eingehalten.»

Das «geringste Übel»

Der Nobelpreisträger Octavio Paz war der Meinung, Mexiko habe – ebenso wie Spanien und ganz Lateinamerika – keine eigentliche Aufklärung durchlebt. In der Tat ist es fast unmöglich, auf eigene Faust in einen anderen Stadtteil zu fahren. Die Wegweiser taugen nichts – man bräuchte jemanden, der einen einweiht: eine Initiation. «Für einen Mexikaner ist es schlimmer, einen Fehler zuzugeben, als ihn zu begehen», sagt Villoro, «niemand übernimmt Verantwortung, denn wer Verantwortung übernimmt, individualisiert sich und tritt aus dem Stamm aus.»

Ob deshalb keineR der vier KandidatInnen für die Präsidentschaft überzeugte? Die meisten WählerInnen suchten das «geringste Übel», liessen sich aber auch vom Bürgerrechtler und Dichter Javier Sicilia nicht überreden, leer einzulegen, um gegen das Wahlsystem als Ganzes zu protestieren. Für Villoro wäre trotz seiner Lügen und seiner Unfähigkeit zur Selbstkritik Andrés Manuel López Obrador das «geringste Übel», doch der Linkskandidat scheiterte an der Angst der Menschen vor einem «zweiten Chávez» und daran, dass man es ihm nicht verzeiht, dass er sich nach seiner knappen Niederlage vor sechs Jahren zum «rechtmässigen Präsidenten» krönen liess. Und so gibt es eben «más de lo mismo» – «mehr vom Gleichen». Die Wahl Peña Nietos erklärt Villoro mit dem Wunsch der Menschen, zu einer gewissen Ordnung zurückzufinden – und sei es zu einer, die auf mafiösen Pakten zwischen Regierung und organisiertem Verbrechen beruht. «Schlimmer als unter Felipe Calderón kann es kaum werden», meint er und zitiert ein Graffito, das es auf den Punkt bringt: «Auf dass die Unfähigen gehen und die Korrupten zurückkehren.»

Unweit des Denkmals für die Revolution liegt ein winziges, von urbaner Modernisierung noch verschontes Rotlichtviertel. In der Cantina, die zum Stundenhotel Carlton gehört, treffe ich einen anderen Autor. Sergio González Rodríguez hat als Jugendlicher gut zehn Jahre lang sein Geld als Rockmusiker verdient. Heute sieht er aus wie ein Schamane oder ein Erfinder, ist aber belesener Kulturjournalist, Politreporter, Romanautor und Romanfigur – in Roberto Bolaños Jahrhundertwerk «2666». Nach seinem Buch über die Frauenmorde von Ciudad Juárez, das verbrecherische Unternehmer und korrupte Politiker beim Namen nennt, wurde er entführt, verprügelt und mit dem Tod bedroht.

Dass Peña Nieto das Land beruhigen wird, glaubt Sergio González nicht: «Instabilität und Krise nützen vielen, die reich werden oder es bleiben wollen. Nicht zuletzt schmieren sie die Kriegsmaschinerie der USA, die die Narcos mit ihrem Drogenkonsum nicht nur finanzieren, sondern ihnen auch Waffen verkaufen.» Die schrittweise Legalisierung der Drogen, die von den Präsidenten Guatemalas und Kolumbiens, aber auch vom kürzlich verstorbenen mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes (siehe WOZ Nr. 21/12) vorgeschlagen wurde, hält González Rodríguez für sinnvoll, aber aufgrund der Weigerung der USA für wenig realistisch: «In einer Zeit, wo alle den freien Markt anpreisen, beschränkt der Staat die Freiheit des Drogenkonsums. Das ist heuchlerische Doppelmoral.»

Wie schlimm muss es werden?

Der mexikanische Staat ist in González’ Augen «ein Simulakrum, dessen bürokratische Regeln nur den Umstand verbergen sollen, dass er sich längst in einen Nichtstaat verwandelt hat. Der Mexikaner ist heute im Sinn des italienischen Philosophen Giorgio Agamben ein ‹Homo sacer›, dessen ‹nacktes Leben› völlig ungeschützt der Willkür von Kriminellen wie Polizisten preisgegeben ist.»

Wie schlimm muss es werden, damit die kritischen Intellektuellen das Land aus Protest verlassen und ins Exil gehen? «Ach», lächelt González, «in einem mexikanischen Lied heisst es: ‹Wo willst du hin? Wo wirst du mehr geliebt?› Nein, wir müssen hierbleiben, sonst verpassen wir, was hier geschieht. Jeden Tag stehst du auf und denkst: Das kann doch nicht sein! Aber du bleibst, um es zu bezeugen und vielleicht zu verändern.»

Kurz vor den Wahlen kam der Dokumentarfilm «Gimme the Power» über die Band Molotov in die Kinos – gleichsam als subkulturelle Geschichtslektion und als Porträt der vier Musiker, die schon Mitte der neunziger Jahre mit der Gitarre in der Hand Mexiko ändern wollten. Das sei zwar nicht ganz gelungen, sagt Villoro im Film, aber Molotov sei der «Soundtrack unseres Unbehagens».

Und was können Feder oder Computer ausrichten? Für Schriftsteller sei ein gewalttätiges, chaotisches Land ein guter Nährboden, meint Villoro und erinnert an Orson Welles im Film «Der Dritte Mann», in dem er sagt, Italien habe mit Krieg, Mord und Totschlag Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance hervorgebracht, die Schweiz mit Frieden und Demokratie nur die Kuckucksuhr. «Ich würde aber lieber in einem langweiligen und dafür gerechten und friedlichen Land leben», setzt Villoro hinzu.

Die kriminelle Mentalität verstehen

In seinen Romanen liefern die Narcos den finster grollenden Hintergrund. «Für viele mexikanische Schriftsteller ist die Drogenmafia eine Art letzte Ursache, eine unsichtbare Hand, ja fast schon eine Theodizee», erklärt Villoro, der es sich nicht zutraut, sich in den Kopf eines Verbrechers zu versetzen. Genau das tut hingegen Sergio González Rodríguez, dessen Roman «El Vuelo» («Der Flug») sich um einen Drogenhändler dreht. Beide Autoren setzen auf kulturelle Erziehung als Immunisierung der Jugend gegen Korruption, aber moralisch-didaktische Literatur, die wie einst Charles Dickens oder «Onkel Toms Hütte» gesellschaftliche Missstände mit melodramatischem Druck auf die Tränendrüsen denunziert, halten sie für überholt. «Es reicht nicht, zu sagen: Das darf man nicht», meint González, «ich finde es wichtig, sich in die teuflische Seite des Menschen hineinzufantasieren, um die Banalität des Bösen zu verstehen. Unter welchen Umständen gehst du aus Machtgier über Leichen? Wenn wir die kriminelle Mentalität nicht verstehen, werden wir auch die Welt nicht verstehen.»

Vier Mariachis betreten die Cantina des «Carlton». Sergio González Rodríguez bestellt mehr Tequila und dazu ein Lied nach dem anderen. Am besten gefällt mir «La misma canción» von Vicente Fernández. Es handelt von einem Seelenwunden, der seit zwei Tagen in der Cantina sitzt und immer «das gleiche Lied» bestellt. Der Kellner will kassieren, die Musiker sind erschöpft, aber der Unglückliche bittet um einen letzten Gefallen: «Pa’ variar un poco toquenme la misma canción – Spielt mir zur Abwechslung nochmals das gleiche Lied!» Sergio González Rodríguez, von seinem Land entsetzt, in sein Land verliebt, hat Tränen in den Augen.

Michael Pfister (44), Autor, Übersetzer und Lehrer aus Zürich, lebt seit 2010 in Mexiko-Stadt.

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