Nr. 42/2005 vom 20.10.2005

Die Grippe und das Ei

Vor einer Grippepandemie schützt nur eine rechtzeitige Impfung. Der Bund sollte deshalb die Impfstoffherstellung zur öffentlichen Aufgabe machen.

Von Susan Boos

Im Moment macht das Bundesamt für Gesundheit alles falsch - weil es gar nicht anders kann. Die Medien schimpfen, es stifte nur Verwirrung und schüre die Hysterie. Das hat aber weniger mit dem BAG als vielmehr mit den Medien, den KonsumentInnen und der komplexen Materie zu tun.

Die neuste Entwicklung: Am Montag wird berichtet, in der Schweiz könnte der Grippeimpfstoff ausgehen. Am Dienstag registrieren die Hausärzte, dass es bereits schwierig wird, Impfstoff zu ordern, und sich überdurchschnittlich viele Leute sofort impfen lassen wollen. Am selben Tag reagiert die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF): «Aufgrund der Befürchtung, dass ein übermässiger und nicht gerechtfertigter Einsatz der Grippeimpfstoffe die Verfügbarkeit für die tatsächlichen Risikogruppen gefährden könnte», empfehle die EKIF und das BAG den ÄrztInnen, «vorzugsweise Personen mit erhöhtem Komplikationsrisiko zu impfen». Wer nicht über sechzig oder chronisch krank ist, nicht als Krankenpfleger oder Ärztin arbeitet und auch nicht Geflügel züchtet, soll es also bleiben lassen.

Das BAG ist Opfer seines eigenen Erfolges geworden. Seit Jahren versucht es, die breite Bevölkerung zur Grippeimpfung zu motivieren. Unterstützt von Impfstoffherstellern wie der Berna Biotech AG, auf deren Webseite Firmen ausrechnen können, wie viel Geld sie sparen, wenn sie ihre Belegschaft impfen lassen. Zurzeit wiederholen BAG wie EKIF unablässig: «Die Grippeimpfung schützt nicht gegen Vogelgrippe.» Trotzdem hat beides miteinander zu tun - nicht medizinisch, sondern technisch und ökonomisch. Das Grippeimpfstoffgeschäft hat nämlich seine Eigenheiten: Es gibt verschiedene Grippeviren, die auf der Welt zirkulieren, zudem mutieren die Viren ständig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestimmt im Frühling die drei derzeit aktivsten Virenstämme, aus denen dann der Impfstoff für den nächsten Winter hergestellt wird. Alle Impfstoffhersteller produzieren faktisch denselben Impfstoff.

Hat die WHO die Virenstämme definiert, müssen die Viren gezüchtet werden. Das geschieht heute vor allem mithilfe befruchteter Hühnereier. Für eine Impfstoffdosis braucht man ein unter speziellen Bedingungen produziertes Ei, die Eier müssen schon ein Jahr im Voraus bestellt werden. Berna Biotech ist die einzige Schweizer Firma, die hierzulande noch Grippeimpfstoff herstellt. Die benötigten Viren kauft sie allerdings im Ausland ein, stellt daraus den Impfstoff her, der dann in Spanien abgefüllt wird. Das Prozedere dauert bei der ordentlichen Produktion sechs Monate, wie Patrik Richard von der Berna Biotech sagt. Stellt man nun im Oktober fest, dass es zu wenig Impfstoff gibt, kann man keinen zusätzlich produzieren, weil die Eier und damit die Basis für die Virenvermehrung fehlen. Laut Richard sind die Kapazitäten beschränkt: Es lassen sich weltweit bei der gegenwärtigen Herstellungsweise nur etwa 300 Millionen Dosen produzieren. Als letzten Winter in den USA der Impfstoff knapp wurde, weil eine Anlage in Britannien unbrauchbaren Impfstoff lieferte, kam es zu absurden Situationen. Vor den Apotheken bildeten sich lange Schlangen, man begann sogar, Impfstoff zu verlosen.

Für die Schweiz werden jährlich etwa 1,26 Millionen Dosen bereitgestellt. Für normale Jahre reiche das sehr gut, sagt Patrick Mathys, Epidemiologe beim Bundesamt für Gesundheit. Er gesteht offen ein, dass das BAG die gewöhnliche Grippeimpfung bis anhin nicht nur zum Schutz der Risikogruppen propagierte: «Wenn in Normalzeiten der Impfstoff in grösseren Mengen verkauft werden kann, stehen dann auch die Produktionskapazitäten zur Verfügung, wenn es zu einer Pandemie kommt.» Die Impfstoffhersteller seien keine karitativen Organisationen, sie würden nur produzieren, wenn sich der Impfstoff auch absetzen lasse.

Das BAG hat nun eine Ausschreibung gemacht für 100 000 Dosen Impfstoff, der gegen das Vogelgrippevirus (H5N1) wirken soll. Bislang ist dieses Virus kaum eine Bedrohung, da es nur vom Tier auf den Menschen überspringt. Dramatisch wird es, wenn ein Virus wie H5N1 so mutiert, dass sich die Menschen gegenseitig anstecken. Dann könnte eine Grippepandemie ausgelöst werden wie 1918/1919, an deren Folgen zwischen vierzig und fünfzig Millionen Menschen starben.

Hat man das für die Pandemie verantwortliche Virus isoliert, braucht es etwa ein halbes Jahr, bis in grossem Stil Impfstoff produziert werden kann. Doch bei den weltweit beschränkten Produktionskapazitäten wird man den grössten Teil der Weltbevölkerung nicht impfen können. Der Stoff wird knapp, die Länder, die produzieren, dürften ihn für die eigene Bevölkerung horten.

Berna Biotech hat bei der BAG-Ausschreibung mitgemacht. Die Firma könnte nach eigenen Angaben innert nützlicher Frist 100 000 Impfdosen liefern. Falls der Bund zehn bis zwölf Millionen Franken investiert, könnte sie die nötige Infrastruktur aufbauen und wäre dann in der Lage, in der Schweiz jederzeit einen beliebigen Pandemieimpfstoff für die ganze Bevölkerung zu produzieren. «Wir können zum Verfahren im Moment nichts sagen, weil die Ausschreibung nach WTO-Richtlinien läuft und wir sonst rechtliche Probleme bekommen», sagt Patrick Mathys vom BAG. Der Bundesrat wird in den nächsten Wochen entscheiden: Er hat es jetzt in der Hand, die Bevölkerung vor einer Pandemie wirksam zu schützen, indem er die Impfstoffherstellung zu einer öffentlichen Aufgabe macht.

Doch was geschieht mit den armen Ländern? Sie dürften kaum rechtzeitig an den Impfstoff kommen. Und das Grippemittel Tamiflu ist eine schlechte Alternative zur Impfung: Niemand weiss, ob es bei einer Pandemie überhaupt wirken wird.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch