Nr. 38/2005 vom 22.09.2005

Tamiflu für alle

Ein vorzeitiges Generikum zum Roche-Medikament Tamiflu und Gratispillen für Länder der Dritten Welt: Dies verlangt der Genfer Nationalrat Pierre Vanek.

Von Helen Brügger

Mit einer Motion fordert «Solidarités»-Nationalrat Pierre Vanek (Genf) den Bundesrat auf, rund zehn Millionen Packungen des Grippemittels Tamiflu zu kaufen, um sie armen Ländern im Notfall zur Verfügung zu stellen. Ein solcher Kauf würde eine Erhöhung des Schweizer Entwicklungshilfebudgets von zehn Prozent bedeuten. Weiter soll sich der Bundesrat dafür einsetzen, dass günstige Generika von Tamiflu hergestellt werden können, obwohl das Medikament patentgeschützt ist. Eine WTO-Klausel erlaube die Aufhebung eines Patents in Fällen von nationalem Notstand, sagt Vanek, doch die industrialisierten Länder hätten bisher immer Druck gegen eine solche Massnahme gemacht. Die Motion wird in der laufenden Nationalratssession eingereicht.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO erwartet eine weltweite Grippe-Pandemie, eine Epidemie grossen Ausmasses. Die im Moment wahrscheinlichste Hypothese lautet, dass sie durch das berüchtigte Vogelgrippe-Virus H5N1 ausgelöst werden könnte. «Wir hatten seit vierzig Jahren keine Grippe-Pandemie mehr. Die Frage ist deshalb nicht, ob sie kommt, sondern wann sie kommt», sagt WHO-Sprecherin Maria Cheng: «Vielleicht kommt sie diesen Winter, vielleicht in den nächsten Jahren, das ist schwer zu sagen.» Das Vogelgrippe-Virus wurde bisher nur in einzelnen Fällen von Mensch zu Mensch übertragen. Falls es jedoch mutiert und leicht übertragbar wird, könnte weltweit ein Notstand eintreten. Denn bisher gibt es keinen Impfstoff gegen den Erreger. Die Arbeiten daran sind in mehreren Ländern im Gang. Laut Maria Cheng dürfte es jedoch «mehrere Monate bis ein Jahr» gehen, bis ein Impfstoff gefunden ist, der gegen H5N1 und mutierte Viren des gleichen Stamms wirksam wäre. In der Zwischenzeit ist Tamiflu von Roche das einzige Medikament, das zwar nicht vor der Grippe schützt, den Verlauf der Krankheit jedoch abzuschwächen vermag (siehe WOZ Nr. 33/05).

Die Forderung nach einer Erlaubnis zur Herstellung von Generika zu Tamiflu stösst deshalb sowohl bei der WHO wie auch beim Bundesamt für Gesundheit auf offensichtliches Interesse. Die Antwort von WHO-Generalsekretär Dr. Jong-wook Lee bleibt jedoch streng diplomatisch: «Im Prinzip wäre das eine gute Sache», es sei jedoch nicht die Rolle der WHO, in dieser Angelegenheit Druck auf Roche auszuüben. Roche hat der WHO drei Millionen Packungen Tamiflu gratis zur Verfügung gestellt. Zurückhaltung auch beim Bundesamt für Gesundheit: Pressesprecher Jean-Louis Zürcher will auf die Frage nach der Herstellung von Generika nicht eintreten, bevor der Bundesrat nicht auf die Motion geantwortet habe. «Wir haben Tamiflu gekauft, weil es das einzige wirksame Medikament ist, falls die Epidemie wirklich kommt.» Bis Ende Jahr werde die Schweiz genügend Dosen des Medikaments zur Verfügung haben, um 25 Prozent der Bevölkerung damit zu versorgen: «Mit dieser Zahl beziehen wir uns auf die Spanische-Grippe-Katastrophe von 1918. Damals erkrankte rund ein Viertel der Bevölkerung an der Grippe.»

Der Aktienkurs von Roche ist seit Jahresbeginn von 120 auf 183 Franken gestiegen, Roche rechnet laut dem von «Le Temps» befragten Finanzexperten Karl Heinz Koch mit Tamiflu-Umsatzzahlen von 800 Millionen Franken für 2005, 1100 Millionen Franken für das Jahr 2006. Die Marge von Roche auf das patentgeschützte Tamiflu ist saftig: «Le Temps» schätzt sie auf rund fünfzig Prozent - Zahlen, die Roche-Mediensprecherin Martina Rupp nicht kommentiert. Sie weist hingegen darauf hin, dass Roche eng mit der WHO zusammenarbeite: «Als verantwortungsvoller Partner der WHO haben wir der Organisation drei Millionen Packungen zur Verfügung gestellt. Damit könnte eine Epidemie möglicherweise schon am Ort ihres Ausbrechens eingedämmt werden.» Die Herstellung von Tamiflu sei ein sehr komplexer Prozess, der rund zwölf Monate dauere und bei dem Roche mit anderen Firmen zusammenarbeite. Bis eine andere Firma Generika herstellen könnte, würde es drei Jahre und grosse Investitionen brauchen. «Wir geben das Medikament in Kapselform zu einem substanziell reduzierten Preis ab, wenn Länder im Rahmen der Pandemieplanung Tamiflu bestellen.» Ausserdem gebe es noch die Möglichkeit, den Wirkstoff in Pulverform zu einem nochmals reduzierten Preis zu kaufen. Ob es deshalb sinnvoll sei, Generika herzustellen, müsse ein allfälliger Hersteller selbst beurteilen. Roche sei in der Lage, genügend Tamiflu für alle herzustellen: «Wir haben auf eigenes Risiko sehr früh begonnen, unsere Produktionskapazitäten auszubauen - bis Mitte 2006 werden wir unsere Kapazitäten auf das Acht- bis Zehnfache ausgebaut haben.»

Pierre Vanek ist erfreut, dass Roche Tamiflu mit einer substanziellen Preisreduktion anbiete: «Das Unternehmen ist unter Druck, sein Monopol bringt es in eine heikle politische und moralische Lage.» Seine Motion sei jedoch grundsätzlicher Natur und verlange die Aufhebung dieses Monopols: «Für die internationale Ausstrahlung der Schweiz wäre das eine ausgezeichnete Sache.»

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