Nr. 33/2005 vom 18.08.2005

Ärger vor der Ranch

Die Soldatenmutter Cindy Sheehan will wissen, weshalb ihr Sohn im Irak sterben musste. Die Kriegsbegeisterung der US-Bevölkerung sinkt immer weiter.

Von Max Böhnel, New York

Die simple Frage der 48-jährigen Cindy Sheehan schlägt seit zwei Wochen bis in die abgelegensten Ortschaften der USA hinein hohe Wellen: «Warum musste mein Sohn im Irak sterben?» Cindy Sheehan will US-Präsident George Bush diese Frage direkt stellen. Zu diesem Zweck hat sie mit ein paar dutzend FriedensaktivistInnen Zelte im Staub der texanischen Prärie aufgeschlagen, unweit der Ranch in Crawford, auf der Präsident George Bush seine Sommerferien verbringt. Die ungewöhnlichen Bilder, die zurzeit über die US-amerikanischen Bildschirme flimmern, zeigen eine Kalifornierin mit zerbrechlicher Stimme, die innerhalb weniger Tage zur Galionsfigur der US-Friedensbewegung geworden ist. Sie hat gelobt, erst dann wieder wegzugehen, wenn Bush ihr Rede und Antwort steht. Sheehans 24-jähriger Sohn Casey, ein Fahrzeugmechaniker, war am 4. April 2004 bei den Kämpfen um den Bagdader Stadtteil Sadr City getötet worden. Ihm zum Gedenken heisst die kleine Zeltstadt an der einzigen Zufahrtsstrasse zur Bush-Ranch denn auch Camp Casey.

Friedensbewegung im Aufwind

Die öffentlich vorgetragene Trauer der Soldatenmutter wäre dem Weissen Haus nicht der Rede wert, wären da nicht die unterbeschäftigten Presseleute. Diese müssen fünf Wochen in Crawford ausharren, weil George Bush dort seinen unerhört langen Urlaub verbringt. Bush beim Holzfällen und Mountainbikefahren zu zeigen - das liefert keinen Stoff mehr. Aber eine uramerikanische «Mom», die mit ihrem Ansinnen «I want to speak to Mister President» seit Tagen die Strapazen von Sonnenbrand und Durst auf sich nimmt und noch dazu wegen des Todes ihres Sohnes die «human story» schlechthin verkörpert, kommt den Medien wie gerufen. Die Öffentlichkeit, zunehmend beunruhigt über die täglich eintreffenden Todeszahlen aus dem Irak, konzentriert sich momentan auf die Mutter und ihren toten Sohn.

Für die seit der Wiederwahl Bushs im vergangenen Spätherbst paralysierte Antikriegsbewegung bringt das Phänomen Cindy Sheehan dagegen einen unerwarteten neuen Schub. Sheehan lässt die Verratsvorwürfe der rechten KommentatorInnen in Talkradios, auf Fernsehsendern und in Internet-Blogs bislang erfolgreich an ihrer stoischen Haltung abprallen. Diese Woche bildeten sich im ganzen Land fast tausend Solidaritätsmahnwachen für die AntikriegscamperInnen in Texas.

Halten Cindy Sheehan und ihre UnterstützerInnen in Crawford wenige Wochen durch, so wird die neu konstituierte Bewegung noch mehr Auftrieb erhalten. Denn bis zur traurig-magischen Zahl von 2000 getöteten GIs ist es nicht mehr weit, und Anfang September, nach Abschluss der Schulsommerferien, werden verängstigte und verärgerte Eltern ihren Unmut über die Militärrekrutierer an Colleges und High Schools ausdrücken. Beides sind Momente, die die Massenmedien in Ton und Bild nicht übergehen werden. Sheehan und die organisierte Friedensbewegung wissen, wie die US-amerikanische Kulturindustrie funktioniert. Die naiv wirkende Soldatenmutter lässt sich seit einigen Tagen von der millionenschweren PR-Firma Fenton Communications beraten.

Bush will nicht reden

Dem Weissen Haus, dem mit Abstand grössten Public-Relations-Unternehmen im Land, ist die Sprengkraft des möglichen Zusammentreffens «A mother and the president» (so der Titel eines ausführlichen Berichts des Fernsehsenders CNN) bewusst. Bush äusserte kurz nach Eröffnung von Camp Casey seine «Sympathie» für die um ihre Söhne trauernden Mütter. Grund für seine Entscheidung, Sheehan nicht zu treffen, sei aber sein Wunsch, «mein Leben weiterzuleben, ein ausgeglichenes Leben zu führen», sagte er im typischen verqueren Bush-Speak. Dass der Präsident Sheehans Einladung nachkommen wird, einer sonntäglichen Gebetsandacht in Crawford zu Ehren der gefallenen Soldaten beizuwohnen, gilt jedenfalls als ausgeschlossen. Diese Art von präsidialer Coolness, mit der Bushs Vorgänger Bill Clinton Protest und Widerspruch gekontert und mit einer schlichten Geste eingemeindet hätte, fehlt den amerikanischen Rechten. Diese Unfähigkeit ist auch der Gradmesser für das von anderen Konservativen bereits jetzt vorhergesehene Scheitern im Irak.

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