16.12.2004

Sanitäter an der Front

Bisher haben nur wenige ehemalige Soldaten aus dem Irakkrieg öffentlich von ihren Erfahrungen im Krieg berichtet. Jim Talib ist einer von ihnen.

Von Max Böhnel, New York

«Ja, die sieben Monate im Irak haben mich verändert», sagt Jim Talib, und ein bitterer Zug in seinem Gesicht ist dabei nicht zu übersehen. Bei knapp über null Grad steht er vor seinem Hauseingang und lässt merklich bibbernd den Blick über die Nachbarhäuser schweifen. «Ich bin froh, den Irak unversehrt überstanden zu haben. Aber glücklich bin ich nicht», murmelt er. Talib lebt im 18 000-Seelen-Ort Iselin im Bundesstaat New Jersey, einem jener typisch amerikanischen Suburbs, die mangels öffentlicher Transportmittel nur mit dem Auto zu erreichen sind. Kilometerweit ziehen sich die Strassen an eintönigen Behausungen entlang. Ein Stadtzentrum mit Geschäften ist nicht auszumachen, ebenso wenig gemeinschaftlich genutzter öffentlicher Raum.

Jim Talib ist einer der wenigen Irakkriegsveteranen, die sich Fremden gegenüber öffnen. Es habe tagelang gedauert, bis er nach seiner Rückkehr im September nur schon gegenüber Mutter, Bruder, den beiden Schwestern und engen Freunden überhaupt den Mund aufmachen konnte.

«Der Irakkrieg hat sich in unsere Hirne eingebrannt», sagt der 31-Jährige. Traumatisiert sei er nicht, und von Albträumen, die etliche seiner zurückgekehrten Soldatenkollegen plagen, werde er zum Glück verschont. Was er auf den Umstand zurückführt, niemanden erschossen oder verletzt zu haben und damit nicht von Gewissensbissen heimgesucht zu werden. Unruhe, Nervosität, extreme Sensibilität auf Lärm sowie Depressionszustände, etwa wenn im Fernsehen Gewaltszenen gezeigt werden, kennt Talib aber auch. «Was für eine andere Welt», blickt er plötzlich auf und deutet auf den kitschigen Vorgartenteich mit einem Gartenzwerg und zwei Weihnachtslichterskulpturen vor dem bescheidenen Einfamilienhaus seiner Mutter, das sie mit ihm und seinem Bruder teilt. Bei aller Unterstützung, die ihm, dem Rückkehrer, seitens der Familie und der engsten Freunde zuteil werde, könne niemand richtig verstehen, was der Irakkrieg mental bedeute, erläutert er – «ausser die, die dabei waren».

Jim Talibs Eintritt ins Militär war ökonomisch begründet. Mit neunzehn wollte er – in einem weissen Unterschichtsviertel aufgewachsen – höher hinaus als seine Mutter und Schwestern, die noch heute als Serviererinnen in Restaurants arbeiten, und sein Bruder, ein Müllmann. Er schloss sich deshalb der National Guard an, die als Lohn für ein Arbeitswochenende pro Monat und einen sommerlichen Trainingsmonat im Jahr den kostenlosen Collegebesuch und weitere Vergünstigungen im Bildungsbereich verspricht. Dass die National Guard für einen künftigen Angriffskrieg mobilisiert werden würde, war damals nicht vorauszusehen. Im Jahr 2002 wechselte Jim Talib während der Afghanistaninvasion, bereits Schlimmes ahnend, in den Krankenpflegebereich der Navy. Er wollte nicht weiter mit der Waffe Dienst tun. Doch zu seinem grossen Schrecken wurde er schliesslich – bei nur vier Tagen Vorankündigung – in den Irak geflogen. Talib fand sich so im Februar dieses Jahres im Camp Falluja wieder, als Sanitäter den Marines ganz vorne an der Front zugeordnet. Zeit, um über Dienstverweigerung nachzudenken, hatte er keine mehr. Er musste in den Vorstädten Falludschas zusammen mit den Marines auf Patrouillengänge, Fahrzeuge durchsuchen und Hinterhalte aufspüren. Er trug dieselbe Uniform wie die Marines und musste sich zusätzlich zu seinem Sanitätsgepäck auch die gleichen Waffen umschnallen.

Seine Zweifel an der Irakbesatzung hätten sich verhärtet, als er «unglaubliche Brutalitäten» seiner Kollegen erlebte. Einmal, erzählt Talib, habe er einen Truppentransportkonvoi gesehen, angeführt von einem Fahrzeug, auf dessen Kühlerhaube weithin sichtbar wie mittelalterliche Trophäen die Leichenteile zweier Iraker festgezurrt waren. Schockiert ist Talib bis heute auch über die Reaktion einiger seiner Kollegen, die den Fahrzeugen johlend hinterherrannten, um davon Fotos machen zu können. Ein anderes Erlebnis war der Satz «Erschiesst ihn einfach» eines Vorgesetzten, als Jim Talib einen Gefangenen zum Verhör abliefern sollte. Noch im Irak beschloss Talib, nach seiner Rückkehr in die USA gegen den Krieg aktiv zu werden. Er schloss sich den Veterans for Peace an, gab Presseinterviews und trat bei Friedensmahnwachen mit dem Schild «Irakveteranen gegen den Krieg» auf.

Noch ist er, der das Schweigen bricht, eine Ausnahme. Doch viele GIs seien «pissed off», ein Zeichen seien die zahlreichen Graffiti in Soldatentoiletten im Irak. «Fuck Bush» habe er oft gelesen, oder «No blood for oil», und kein einziges Mal seien solche Klosprüche durchgestrichen worden. In letzter Zeit bricht die Wut hin und wieder aber auch öffentlich durch: Vergangene Woche brachte ein Soldat aus Tennessee bei einer Fragestunde in Kuweit den Pentagonchef Donald Rumsfeld in Bedrängnis, als er berichtete, dass GIs im Müll wühlen würden, um schusssicheres Material für Truppenfahrzeuge zu finden. Der Gefreite David Qualls aus Arkansas machte vor zwei Wochen Schlagzeilen, nachdem er zusammen mit sieben Kollegen das Pentagon verklagt hatte, es halte Soldaten für längere Zeit im Irak fest als vertraglich vereinbart. Es ist dem Pentagon tatsächlich erlaubt, im Krieg oder bei nationalem Notstand die Dienstzeiten zu verlängern. Doch dieses Vorgehen wird derzeit selbst von hochrangigen konservativen Politikern als kontraproduktiv für die Moral der Truppe bezeichnet, etwa vom republikanischen Senator John McCain aus Arizona. Am Montag dieser Woche machte der Gefreite Jeremy Hinzman aus seinem Zufluchtsort Kanada auf sich aufmerksam, wo er als erster Irakkriegs-GI um Asyl ersuchte. Hinzman hatte bei der US Army vergeblich beantragt, keine Kampfaufträge im Irak ausführen zu müssen, und war im Januar mit Frau und Sohn über die Grenze nach Toronto geflüchtet. Über Hinzmans Asylantrag soll Ende Januar entschieden werden – dabei ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die kanadischen Behörden ihn ablehnen und Hinzman in die USA zurückschicken, wo er mit einem Militärtribunal zu rechnen hat.

Desertation nimmt nach Angaben des Fernsehsenders CBS ein nicht mehr zu ignorierendes Ausmass an. 5500 GIs sollen demnach seit Beginn des Irakkriegs untergetaucht sein, in ihrer Mehrzahl haben sie sich nach einem Truppenurlaub in den USA nicht mehr zurückgemeldet. Sie gelten als AWOL – «absent without leave». Dieser überraschend grossen Zahl, die CBS einem internen Pentagonbericht entnommen haben will, steht die Passivität der Militärs entgegen, wenn es darum geht, diese Leute strafrechtlich zu verfolgen. Bisher wurde nur eine Anklage erhoben: gegen Wassef Ali Hassoun, einen 24-jährigen, im Libanon geborenen US-Marine, der letztes Jahr aus Camp Falluja verschwunden ist. Die Behörden lassen darüber hinaus den Kriegsgegnern, die GIs – vorab im Internet – Rat und Hilfe anbieten, freie Hand. Eine der meistbesuchten Webseiten ist dabei die GI-Hotline girights.org.

Nach Vorträgen an einer Handvoll Universitäten an der Ostküste will sich Jim Talib als nächstes Projekt nach dem Motto «denk global, handle lokal» betätigen. Geplant sind Haus-zu-Haus-Besuche in der unmittelbaren Nachbarschaft, eine Friedenspredigt in der Kirche und der Versuch, an der Highschool «Gegenrekrutierungen» zugunsten der Friedensbewegung zu betreiben. Denn seit kurzem treibt sich dort Rekrutierungspersonal der Marines herum. ·

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