Nr. 37/2005 vom 15.09.2005

Scheiss auf deutsche Texte!

Die Hamburger Band, eine der erfolgreichsten Deutschlands, ist im Rahmen des WOZ-Benefiz in der Zürcher Roten Fabrik zu hören.

Von Nils Michaelis

Der Kampf geht mal wieder weiter.

«I Can’t Relax in Deutschland» ist der Titel einer Ende August veröffentlichten, antinationalistischen Compilation, auf der sich auch ein Stück der Sterne befindet. Beginnen wir diese Bandgeschichte der Sterne also mit einer älteren, offensichtlich unausgestandenen Diskussion. Denn bereits 1996 war für Die Sterne das Mass voll, war es Zeit für ein deutliches Zeichen. «Scheiss auf deutsche Texte», das Eröffnungsstück ihrer LP «Posen» von 1996 war ein geradezu überdeutliches Zeichen. Es war typisch für Die Sterne, sich an politischen Diskussionen zu beteiligen, es war typisch, dies auf eine poetisch indirekte Weise zu tun. Untypisch war es, dies mit sonnenklaren, ja markigen Statements zu erledigen. Was war geschehen?

1996 hatten Künstler des deutschen Mainstreampop und -rock, unter anderen Wolfgang Niedecken, Udo Lindenberg und Heinz Rudolf Kunze, eine Radioquote für deutsche Musikproduktionen gefordert. Insbesondere Kunze hatte dabei ausgesprochen nationalistische Töne angeschlagen: «Ich habe den Eindruck, dass gerade in Deutschland und Japan, in den Verlierernationen des Zweiten Weltkriegs, die Flut ausländischer Musik und eben auch ausländischen Schunds besonders widerstandslos geschluckt wird.» Wenn besagte Musiker aus der einstmals linksalternativen oder sozialdemokratischen Tradition nicht ihr genuin deutsches Ding durchsetzen können, so deren Argumentation, fällt die Frage nationaler Identität vollends in die Hände der extremen, neonazistischen Rechten. Auch jüngere Bands wie Element of Crime, Blumfeld und Die Sterne wurden von Kunze als Beispiele für förderungswürdigen deutschen Pop genannt.

Das Trojanische Pferd

Für die besagten Bands kam da ein Trojanisches Pferd angeritten. Unter der berechtigten Kritik an kommerziellen Radiosendern beziehungsweise der Kommerzialisierung des öffentlich-rechtlichen Radios verbarg sich ein Nationalismus, der, so die Befürchtung, nicht das Nationale auf eine linke, emanzipative Weise umdefinierte, sondern eher der Linken ihren internationalistischen Schneid nimmt. Und zu dieser unsäglichen Nationalkulturdiskussion musste man Stellung nehmen, immer wieder. «Ich mag Fragen nicht, die mit ‹Heinz Rudolf Kunze hat gesagt› beginnen», brummte Frank Spilker, der Sänger der Sterne, einen Interviewer an, der mal wieder wissen wollte, wie man denn zur Quotenidee steht.

Die Situation war also wahrhaft verfahren: Ausgerechnet die, deren Musik zumeist ein fader Aufguss angloamerikanischer Pop- und Rockgenres war, wollten ihr Nationalgefühl an jenen aufrichten, deren Musik eine eigene Qualität erlangt hatte, die diese Qualität aber nicht als eine deutsche verstanden wissen wollten. Und damit hatten die damaligen Bands aus dem Sterne-Umfeld nicht Unrecht. Kolossale Jugend und Blumfeld waren an Sonic Youth geschult, Tocotronic hatten Seattles Subpop inhaliert und Die Sterne Hip-Hop, Soul und Funk. «Wir haben Hip-Hop gehört und die Samples entdeckt und dann die Funk- und Soulbands, von denen das ursprünglich war. Wir sind dann erst mal auf die Suche gegangen. Dass wir uns auf diesen Stil geeinigt haben und das als Herausforderung begriffen haben - wie können wir das als Rockband aufnehmen? -, hat viel mit Hip-Hop zu tun.», erklärte Spilker einmal der «taz». So betrachtet, sind Die Sterne auch Kinder der Rare-Groove-Kultur, die ihre ProtagonistInnen von Gilles Peterson bis zur lokalen Hamburger Mod-Kultur fand. Und Rare Groove fragte nicht nach Nationen, sondern nach dem geileren Orgelsound, dem unfassbareren Rhythmus oder dem psychedelischeren Arrangement. Kurz: Es galt eine amerikanische Musik aufzuarbeiten, die zu ihren Lebzeiten (zirka 1963 bis 1973) ihren Weg nur selten über den Atlantik gefunden hatte, einfach weil es keine alternativen Vertriebe gab, die sie an den wenigen grossen Plattenfirmen Europas hätten vorbeiimportieren können.

Die Interessanten

Die im letzten Jahr veröffentlichte Greatest-Hits-Compilation «Die Interessanten» ruft uns noch einmal den Rare-Groove-Bezug der Sterne in Erinnerung. Entstanden in zwölf Jahren Bandgeschichte, erstaunt die Kette von Hits, die zahlreicher und besser ausfällt, als man sich zu erinnern glaubte. Wenn man einen roten Faden in der Musik der Sterne ausmachen will, dann ist das dennoch weniger Rare Groove als der Popgedanke, der dieser Musik zugrunde liegt. Und dieser Popgedanke führt noch einmal ganz weit zurück in die späten achtziger Jahre, als Frank Spilker in Bad Salzuflen lebte, als dort Bernd Begemann auf dem Minilabel «Fast Weltweit» JungmusikerInnen seiner ostwestfälischen Umgebung, wie Bernadette Hengst oder Jochen Distelmeyer, veröffentlichte. Die Idee von Pop, irgendwo zwischen Aztec Camera, Orange Juice und Prefab Sprout festgemacht, ging damals in den sensibelsten Köpfen um. Es war das Ja-zur-modernen-Welt, von dem schon FSK gesungen hatten, ein Popverständnis, das die Welt nicht ständig hinterfragen will und dennoch nicht in affirmative Weltflucht kippt.

In den achtziger Jahren, nach der Implosion der Neuen Deutschen Welle, sang man nicht deutsch. Man war exotistisch, kommerziell-internationalistisch. «New York, Rio, Tokio» hiess der massgebliche Radiohit. Doch während Begemanns Band Die Antwort immer eine Spur zu sehr auf gut gelaunte, vollmundige Melodien setzte, während Jochen Distelmeyers Blumfeld erst 1999 mit «Old Nobody», also nach acht Bandjahren voller Noise und Distortion, sich traute, den inneren George Michael rauszulassen, verstanden Die Sterne Pop eher als ein offenes System denn als verpflichtendes Musikgenre. Die alte Hip-Hop-Idee des Samplings von Sounds und Melodiefragmenten übertrugen sie auf eine Popgrundlage. Direkte Hommagen wie «Nüchtern», das relativ nah an Sly Stones «If You Want Me to Stay» ist, sind die Ausnahmen. Anlehnen ja, nachspielen nein. Christoph Leichs Funky Drumming klingt wie eine unangestrengte Version von The Meters. Keyboarder Frank Will bringt die warmen Riffs eines Fender-Rhodes-E-Pianos ins Spiel, verkneift sich aber allzu jazziges Solieren («Universal Tellerwäscher»). Ihr offenes Popverständnis kann mal Sixties- und Rock-’n’-Roll-Beats integrieren («Widerschein», «Big in Berlin»), mal Disco («Trrrmmer»), und selbst eine AC/DC-Gitarre («Was ist hier los?») klingt nicht, als habe sich hier eine Band angestrengt neu erfinden müssen.

Mehrdeutige Poesie

Als offenes System kommen auch Spilkers Texte daher. In den Strophen zumeist poetisch mehrdeutig - «Man achtet immer nur auf seinen Vorteil / und wenn es kracht / schaut der Vorteil nur zurück und sagt / ich hab doch gar nichts gemacht / bin doch abstrakt» oder «Ich bin aufgewachsen / in der britischen Zone / ich war schon immer besetzt / ich kann gar nicht ohne» - spitzen sie sich zum Refrain gern zu knalligen Slogans zu: «Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die Interessanten» und «Es hat keinen Sinn zu warten, das bisschen Besser wäre das Warten nicht wert».

Was beim Hören der Best-of-CD «Die Interessanten» in den Hintergrund rückt - nicht zuletzt weil die Entstehungsjahre der Stücke durcheinander gewürfelt werden - sind die Zeitumstände, private und politische Ereignisse der Aussenwelt, die in Spilkers Lyrics meist kryptisch widerhallen. Schliesslich war man als «Diskurs-Rocker» der Hamburger Schule ja immer drauf und dran, «den Konsens der deutschen Linken in Popsongs zu giessen» (Spilker über Spilker). Dass «Scheiss auf deutsche Texte» auf Kunzes nationalistische Überlegungen antwortet - heute, fast zehn Jahre später, muss man das erklärt bekommen. Dass der «Universal Tellerwäscher» vom semiobdachlosen Schwebezustand zwischen Pro-forma-Student und dem Wechsel zur Major-Plattenfirma handeln könnte, dämmert erst mit den «Die Interessanten»-Linernotes des einstigen L’Age-D’or-Gründers Pascal Fuhlbrügge. Erst mit «Was ist hier los?» nähert man sich der Gegenwart des real existierenden Neoliberalismus der Schröder-Jahre. Mit «Wir werden das Gefühl nicht los, dass irgendwas nicht stimmt» kommentiert die allgegenwärtigen Einflüsterungen, die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten sei ohne Alternative. Spilker hat immer wieder gesagt, mit dieser Platte mal wieder «deutlich» werden zu wollen. Doch im Vergleich zu «Scheiss auf deutsche Texte» erscheint die Formulierung «Wir werden das Gefühl nicht los …» sehr zurückhaltend.

Spilker formuliert wie ein Diplomat, aber denkt wie Ton, Steine, Scherben. Vielleicht ist diese Mehrdeutigkeit der Grund, dass die alten Stücke der Sterne auch heute noch nach mehr klingen als die Summe ihrer Zeitumstände. Oder auch: dass sie immer noch rocken.

Die Sterne spielen am WOZ-Benefiz vom Samstag, 17. September, in der Roten Fabrik Zürich. Mit Gustav (Wien), Göldin, Greis und Big Zis. Moderation: Schorsch Kamerun und Suzanne Zahnd. After Hours: DJ Crown Propeller. Eintritt: 25 Franken. Reservation: www.woz.ch/benefiz

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