Nr. 05/2014 vom 30.01.2014

Plötzlich dieser Optimismus

Mit einem glänzenden Popalbum verbreitet die Band Ja, Panik neuerdings Zuversicht. «Wir wollen unsere Vorfreude auf die kommenden Kämpfe um Europa zum Ausdruck bringen», sagt Sänger Andreas Spechtl. Eine Begegnung in Berlin.

Von Kaspar SurberMail an Autor:in

Proben die Befreiung: Laura Landergott, Andreas Spechtl, Sebastian Janata. Foto: Werner Mottl

Es ist ein milder Winter in Berlin, Sonnenlicht blitzt durch das Wolkengrau. Und selbst im Proberaum von Ja, Panik im Keller einer alten Fabrik in Kreuzberg verschwindet die Helligkeit nicht. Die Band trifft sich zu einer der letzten Proben vor ihrer nächsten Tournee, routiniert werden die Effektgeräte der Gitarren und ein neues Keyboard angeschlossen. Ein glänzender, fast gläserner Sound erfüllt den Raum. Grooves treiben die Songs an, und Sänger Andreas Spechtl singt: «Ich wünsch mich dahin zurück, wo es nach vorne geht. Space is the place, der die Flüchtigen liebt. Not sans papiers, but sans patrie. Wo wir sind, ist immer Libertatia!» Ja, Panik rufen gerade die grosse Befreiung aus.

Die Musik erinnert an den Pop der britischen Band Prefab Sprout und findet ihre Zeitgenossenschaft bei der kanadischen Indieband Destroyer, dazwischen sind Soulelemente zu hören: Grooves, Synthies, sogar ein Saxofon erklingt. Immer wieder klatscht Schlagzeuger Sebastian Janata im Rhythmus in die Hände: Vorwärts auf den Dancefloor. Ja, Disco!

«Klingt ganz gut», murmelt Spechtl, als die Band im letzten Song der Probe in Antananarivo auf Madagaskar landet.

Die Gruppe als Kunstwerk

Zur Traurigkeit war auch alles gesagt. Drei Platten lang stolperte die Band zu Gitarrenlärm durch das Nachtleben, irgendwo glitzerte immer noch ein nächster Schnaps, fuhr ein letztes Taxi, wartete ein fremdes Bett. Mit einem epischen, eine Viertelstunde dauernden Abgesang war das letzte Album ausgeklungen. «DMD KIU LIDT» hiess der Titel, sprich «Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit». Spechtl beschreibt darin die Tristesse als Lebensgefühl, steigert sich bald in einen wütenden Aufruf gegen die Vereinzelung, will selbst gegenüber Bombenlegern Nachsicht üben. Und ahnt doch, dass gerade die Beschäftigung mit dem Schmerz und den Pillen zu seiner Heilung ein Ablenkungsmanöver sein könnte: «Die kommende Gemeinschaft liegt hinter unseren Depressionen. Denn was und wie man uns kaputt macht, ist auch etwas, das uns eint.»

Der Abgesang auf der letzten Platte habe die Band fast selbst eingeholt, erzählt Spechtl abends in der Bar. «Doch irgendwann merkten wir, dass wir die Band nicht aufgelöst haben, dass es also etwas gibt an der Musik und der Welt, was uns weiterhin interessiert. Das neue Album ist zuerst ein Manifest gegen die Auflösung der Band.»

Aufgebrochen war die «Gruppe», wie sich Ja, Panik bei Konzerten ankündigt, einst am Neusiedler See im österreichischen Burgenland. Flashbax hiessen sie damals und imaginierten sich den Britpop ins Burgenland. «Jeden Samstag trafen wir uns im Keller eines Elternhauses zur Probe, bald kamen andere Jugendliche, die Probe wurde zum Konzert und zur Party, irgendwann schliefen alle ein», erinnert sich Bassist Stefan Pabst. Rockmusik blieb zwar der Bezugsrahmen, aber die Vermischung, die Überlagerung, die Widersprüche wurden zur Spezialität der Band, die sich bald «Ja, Panik» nannte und nach Wien weiterzog und später nach Berlin.

Als Zuhörerin oder Zuschauer mag man affektiert finden, wie Spechtl in seinen Texten englische und deutsche Wörter vermischt und Geschlechtsidentitäten auflöst. Die engen Hosen, schwarzen Schuhe und stets eine Zigarette in der Hand. Oder man mag eben gerade, dass es der Band nicht, wie so vielen andern ihrer Generation, um eine falsche Authentizität geht, sondern um ein Kunstwerk, in dem sich Musik, Stil und eine politische Haltung miteinander verbinden.

Städte wachsen ineinander

Zwei Mistreiter haben die Band aus persönlichen und beruflichen Gründen verlassen. Das neue Album haben Spechtl, Janata und Pabst zu dritt aufgenommen. Live begleitet werden sie von Laura Landergott (Die Eternias, Mile Me Deaf) und Jonas Poppe (Kissogram). «An Ja, Panik interessiert mich, dass sie sich von Album zu Album verändern», begründet Landergott ihren Einstieg. Das Älterwerden und Weitermachen, auch hinter der Schallgrenze des 30. Lebensjahrs, wenn die Rebellion nicht mehr als konform gilt, sondern die Einrichtung zählt, ist das eine Thema der neuen Platte. Wobei es Ja, Panik schon immer um mehr als nur die Biografie ging.

«Vergiss die Drugs und ihre Kicks. Vergiss die Troubles und den Blues», heisst es in einem Song, bevor gleich klargestellt wird, wofür es die neue Wachheit braucht: «Dance the ECB, swing die Staatsfinanzen, sing ihnen ihre Melodie, zwing sie zum Tanzen», heisst es zur Sparpolitik der Europäischen Union, in Anlehnung an das Zitat von Karl Marx, wonach die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden sollen. Und mit Verweis natürlich auf den Tanzbefehl der Elektropunks von D.A.F.: «Tanz den Mussolini».

Um die «Überwindung von good old Europe» gehe es ihnen, werfen die Bandmitglieder zwischen dem Klirren der Gläser ein, um die «Formulierung eines jungen Gegen-Europas», um die «Selbstverständlichkeit einer hybriden Einwandererkultur», ohne dabei zu bestreiten, selbst auf diesem Kontinent zu leben. In den Songtexten schiebt Spechtl Strassen und Städte ineinander, in Hamburg beginnt die Wüste und in Istanbul trinken die Menschen Obstschnaps. Eine neue, in alle Richtungen offene Nachbarschaft entsteht: «Give me a call, ich freu mich sehr, denn mein Bett, meine Wohnung, meine Stadt, das steht alles leer.»

Als Orientierungspunkt dient die Piratenrepublik Libertatia, nach der das neue Album benannt ist. Sie soll im 17. Jahrhundert in Madagaskar existiert haben, so zumindest heisst es in einer Piratenenzyklopädie, die dem britischen Schriftsteller Daniel Defoe zugeschrieben wird. Als «urlinke Hunde», wie sie sich selbst bezeichnen, interessieren sich Ja, Panik dabei nicht für eine libertäre Rückzugsfantasie. «Mich fasziniert die gesellschaftliche Emanzipation, die in Libertatia bereits vor der Französischen Revolution realisiert gewesen sein soll», sagt Spechtl und zählt auf: die Befreiung der SklavInnen und die Gleichberechtigung der Frauen, gemeinsame Entscheide und kollektiver Besitz. Sogar eine polyglotte Sprache soll gesprochen worden sein, eine Mischung aus europäischen und afrikanischen Sprachen.

Um dieser Botschaft Ausdruck zu verleihen, habe man bewusst nach einer Musik gesucht, die als «optimistischer Träger» diene, wie das beim Soul der Fall war. «Auf der ersten Platte von Curtis Mayfield beispielsweise geht es um politisch ernsthafte Themen, um die Emanzipation. Aber die Musik klingt im Gegensatz zu Punk oder Noise nach vorne gerichtet», sagt Spechtl. «Technisch hat uns eine solche nicht europäische Herangehensweise interessiert, die den Austausch sucht und nicht überkommene Traditionen verteidigt.» Einen wesentlichen Einfluss auf die Musik, ergänzt Pabst, habe Produzent Tobias Levin gehabt, der als Soundtüftler bekannt ist. «Fast wurde das Album nicht fertig, weil er immer neue Ideen hatte.» Vielleicht sei auch einfach wichtig gewesen, erinnert sich Janata, dass draussen Sommer war. Aufgenommen wurde «Libertatia» in Hamburg, mit Blick auf den Hafen.

Ein schwereloser Kontinent

Es ist eine bemerkenswerte Gleichzeitigkeit: Mitten in der Wirtschaftskrise legen Bands Platten zur direkten Auseinandersetzung vor. Reklamierten die Goldenen Zitronen auf ihrem letztjährigen Streich «Who’s Bad» die Besetzung konkreter Plätze in Europa, schmieden Ja, Panik an der Utopie eines gleichermassen fremden wie bekannten Kontinents.

Spechtl hat sich mittlerweile in den ihm eigenen, zornig-charmanten Duktus geredet: «In Europa gibt es im Gegensatz zu den USA noch einige Kämpfe zu führen gegen Rassismen und die falsche Meinung, die Kultur sei am besten zu schützen, indem man die letzten Mauern vor den Barbaren hochzieht», meint er. «Mit dem optimistischen Sound wollen wir unsere Vorfreude auf diese kommenden Kämpfe um Europa zum Ausdruck bringen.»

Dann holt er erst mal eine Runde Schnaps. Und schliesslich gibt es nur noch ein Gesprächsthema am Tisch: die anstehende Skiflug-WM im tschechischen Harrachov. Pabst hat Spechtl zum 30. Geburtstag dorthin eingeladen, auf eine Reise durchs neue, alte Europa. Pabst kennt die Resultate aller Skispringer, und Spechtl fasziniert, dass es bei dieser Sportart Haltungsnoten gibt und die Sportler überhaupt unkörperlich wirken, auf ihrem Flug irgendwo zwischen Himmel und Erde.

«Nehmen wir eigentlich eine Österreich-Fahne mit?», fragt Pabst. «Jetzt, wo die österreichischen Skispringer so gut sind?»

«Wir nehmen eine Libertatia-Fahne mit», sagt Spechtl.

Die neue Platte erscheint 31. Januar 2014.

Ja, Panik spielen am 8. Februar 2014 im Stall 6 in Zürich und am 25. April 2014 im Palace St. Gallen.

Nachtrag vom 27. März 2014: Skifliegen mit Ja, Panik

Das Skispringen hat MusikerInnen aus Österreich schon länger fasziniert: Das Duo Christoph und Lollo widmete den spindeldürren Männern und ihrem repetitiven Alltag Hymnen wie etwa das «Hautamäki Duell» oder «Blaz Vrhovniks Schuld». Als grosse Skiflugfans outete sich bei Erscheinen ihres Befreiungsalbums «Libertatia» die Band Ja, Panik: Am Skiflug, erklärten die MusikerInnen der WOZ, fasziniere sie der Schwebezustand zwischen Himmel und Erde.

Nun sind Sänger Andreas Spechtl und Bassist Stefan Pabst am 15. März an die Skiflug-WM im tschechischen Harrachov gefahren und haben für den Radiosender FM 4 ein Feature aufgenommen. Ausgangspunkt ist der sportlich-philosophische Dokumentarfilm «Die grosse Ekstase des Bildschnitzers Walter Steiner», den Werner Herzog vor genau vierzig Jahren über den Schweizer Skiflieger Steiner drehte. Daran anknüpfend haben Spechtl und Pabst mit Skifliegern über die Angst vor dem Flug und ihren prekären ökonomischen Alltag gesprochen. «Der Tross lebt familiär», berichtet Pabst. Als «Unsympathler» aufgefallen seien bloss die Schweizer. «Simon Ammann hat uns in der Bar herablassend behandelt.» Einen Skiflug haben Ja, Panik noch immer nicht live gesehen: Wegen schlechter Witterung fiel der Wettbewerb aus. «Im Hotel wussten die Skiflieger längst, dass niemand springen wird. Trotzdem schickten sie ab und zu ein paar Teilnehmer mit der Seilbahn hoch, um den Zirkus für Publikum und Medien am Laufen zu halten.»

Kaspar Surber

Das Feature ist am Donnerstag, 27. März 2014, 
um 19 Uhr in der Homebase auf FM 4 
zu hören und dann eine Woche lang auf 
der Website http://fm4.orf.at.

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