Nr. 38/2005 vom 22.09.2005

Tomatenexperimente

Von Werner Scheurer

Genug! Mir reichts! Nächstes Jahr werde ich meiner Hausbesitzerin einen oder zwei Quadratmeter von ihrem Gartensitzplatz abluchsen und ein paar Tomaten pflanzen. Mein Problem wird nämlich von Jahr zu Jahr schlimmer: Wir kriegen zwar jetzt das ganze Jahr über Tomaten - schön, aber warum zwölf Monate lang Wintertomaten? Alle genau 54 bis 63 Millimeter im Durchmesser, knallrund und farblich wie Sozialdemokraten: aussen dezent rot, innen ziemlich gelb oder gar weiss. «Gewächshaus» steht auf der Etikette, und so schmecken die Zombies auch. Geerntet so knallhart, dass sie beim Transport sogar einen Unfall überständen, nachgereift im Gotthardtunnel.

Klar, ich rede von dem, was man beim Grossverteiler kriegt. Auf dem Markt und bei der Biobäuerin ist das anders: Dort gibts noch jene Früchte, die den schönen Namen «Paradeiser» verdienen, und dort holen wir ein paar grosse feste Exemplare für das folgende Experiment.

Je nachdem, obs Vorspeise, leichtes Nachtessen oder volle Mahlzeit werden soll, nehmen wir pro Person eine oder zwei Tomaten. Wir schneiden auf der runden Seite (nicht beim Stiel) einen dünnen Deckel ab und höhlen sie aus - mit einem Teelöffel geht das ganz gut. Dieses Tomatenfleisch hacken wir klein und halten es bereit. Das Innere der Tomaten salzen wir. Zum Füllen brauchen wir Reis: Wir hacken eine Zwiebel fein und dünsten sie in Olivenöl. Wir fügen die Gewürze bei und braten sie mit: eine Currymischung oder gemahlenen Koriander und Gelbwurz, damit es zumindest aussieht wie Curry und ein wenig exotisch schmeckt. Wir geben eine fein geschnittene Knoblauchzehe dazu und schliesslich den Reis - mehr als genug zum Füllen der Tomaten (vielleicht ist der Hunger gross, und mit Reisresten lässt sich immer was anfangen). Sobald der Reis glasig wird, löschen wir mit wenig Weisswein ab und fahren danach mit Gemüsebouillon weiter - es ist ja ein Vegi-Menü. Wir kochen den Reis nicht ganz zu Ende, nur gut halb weich, und füllen damit die Tomaten, legen den Deckel drauf und geben sie in eine Gratinform. Das Wichtigste: Mit genug Olivenöl und dem Saft von mindestens einer Zitrone begiessen - und ab damit in den heissen Ofen (200 bis 220 Grad), so lange, bis die Tomaten weich sind und schon ein paar dunkle Stellen kriegen, die Sauce aber nicht eingekocht ist. Unterdessen kochen wir den restlichen Reis fertig, indem wir ihm das Innere der Tomaten und weitere Bouillon beifügen.

Wir servieren beides, und wer das mal zusammen gegessen hat, kriegt unweigerlich Lust auf Experimente: Der Reis in den Tomaten mit der zitronensauren Sauce schmeckt völlig anders als der Restreis. Da müssen doch unzählige Variationen möglich sein! Mit Kräutern? Mit weiteren Gewürzen? Mit wenig Hackfleisch? Oder mit Pancetta? Oder Crevetten? Mal mit Basmati-Reis oder mit Reisresten vom Vortag?

Eben, und nächstes Jahr machen wir mit eigenen, grossen, unförmigen Tomaten ein weiteres Experiment.

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