Nr. 42/2005 vom 20.10.2005

Was verändert ein Kind?

Interview: Nicole Ziegler

WOZ: Sie sind Anfang Oktober Vater geworden. Ändert sich dadurch etwas?
Christoph Simon: Nein. Es wird noch ein bisschen mehr Liebe ins Spiel kommen, aber qualitativ ist es keine Veränderung. Ich war die letzten zwei Jahre auf gutem Weg und werde es zusammen mit meiner Gefährtin und unserer Tochter weiterhin sein. Ich werde in meiner Wohngemeinschaft wohnen bleiben und meine Freundin in ihrer Wohnung, weil wir so beide sehr zufrieden sind. Klar bin ich im Moment meistens bei meiner Freundin, aber das ändert sich wieder – weil ich ja auch in meinem WG-Zimmer arbeite. Wenn sich irgendwann herausstellt, dass sich eine andere Wohnsituation besser für unser Leben als Familie eignet, dann ändern wir das halt. Mit der Entscheidung, in zwei Haushalten zu leben, verteidigen wir keine Ideologien oder Lebenskonzepte – es ist einfach so, wie es für uns am meisten Sinn ergibt.

Wie alt ist Ihr Wunsch, Vater zu sein?
Oh, noch nicht alt. Ich war immer überzeugt, dass ich keine Kinder haben will. In meiner jetzigen Beziehung hat sich das verändert. Ich wollte gemeinsam mit dieser Frau etwas in Angriff nehmen. Das hätte auch etwas anderes sein können. Ein Haus umbauen, auswandern …

Kinder haben ist mit einem Hausumbau vergleichbar?
Ja, klar. Beides sind Projekte, die man in einer Partnerschaft umsetzen kann. Ein Kind ist natürlich das anspruchsvollste Projekt von allen – weil wir es nicht so leicht verkaufen können. – Schreiben Sie das nicht, sonst krieg ich humorlose Post.

Haben Sie sich etwas vorgenommen fürs Vatersein?
Liebe und Beispiel – so lautet meine Erziehungsregel.

Was heisst das?
Dass ich die nächsten zehn Jahre im Versteckten Schokolade essen muss.

Und wie oft wird das Kind bei 
Ihnen sein?
Wir haben für die nächsten drei Monate einen Super-Hüte-Plan ausgetüftelt, meine Stunden sind violett, die meiner Gefährtin grün. Jeder von uns muss fünfzig Prozent hüten. Die Tage haben wir in vier Schichten eingeteilt, und wer einmal eine Hüteschicht abgeben will, muss die Stunden doppelt nachholen.

Das hört sich technisch an.
Das heisst ja nicht, dass wir nicht flexibel sind. Wir versuchen lediglich, unsere Freiräume zu schützen.

Kinderbetreuungsplan, Wochenarbeitsplan – Sie mögen Pläne?
Ja, sehr. Ich habe ein Bedürfnis nach Leistungsverträgen mit mir selbst. Man darf sich mich als glücklichen, organisierten Menschen vorstellen.

Und wie organisieren Sie den Inhalt Ihrer Arbeit?
Bei allen drei Büchern war es so, dass ich sie als Erstes einmal flüchtig zu Ende geschrieben habe. Das muss sein. Dann weiss ich, dass ich die Geschichte geschafft habe, ich weiss, mit welchen Figuren ich es zu tun habe, und kann mich an die Feinarbeit machen. Einmal in der Woche treffe ich mich mit drei anderen Schriftstellern – den Autören –, um über Details zu diskutieren.

Die Autören?
Das sind Urs Mannhart – der Autor von «Luchs» –, der Dramatiker Lorenz Langenegger und Markus Beutler. Den Namen Autören haben wir Hermann Burger entlehnt. In seinem Roman «Schilten» behauptet er, dass dort, wo die Geschichte spielt, auch die Möglichkeits form in den Substantiven gebildet würde. So sagt man nicht: Wir könnten einmal Autoren sein, sondern: Wir sind Autören. – Seit 2000 sitzen wir vier jeden Montag zusammen, lesen Texte vor, reden über unsere Arbeit, kritisieren uns gegenseitig, essen zusammen, tratschen und klatschen.

Wie viel Einfluss hat denn die Meinung der Autören auf Ihre Arbeit?
Viel. Wir führen keine theoretischen Diskussionen über den Inhalt, die Kritik geht immer von der Leseverständlichkeit aus. Aus diesem Grund sind beim aktuellen Buch einige von Franz Obrists Frauen rausgefallen; die Autören fanden, sie hätten keine Lust, sich noch mehr Namen zu merken. Ausserdem habe ich fast alle Gedichte gestrichen, die Franz seinem Weggefährten, dem Dachs, vorträgt. Urs Mannhart meinte, wenn schon der Dachs diese Gedichte «grottenschlecht» fände, dann sehe er nicht ein, warum er sie auch noch lesen müsse. Das hat mich überzeugt. Alles lass ich mir natürlich auch von den Autören nicht streichen. Den Schlusssatz von «Planet Obrist» fanden sie zum Beispiel absolut überflüssig und pathetisch: «Ich liebe das Leben, ich liebe jeden beschissenen Augenblick.» Um den Satz habe ich gekämpft wie ein Löwe – und ihn dringelassen.

Christoph Simon, 33, ist Schriftsteller und lebt in Bern. Nachtrag: Von ihm erschienen bis 2014 fünf Bücher im Bilger-Verlag.

Zur Besprechung von Planet Obrist

Zur Besprechung seines späteren Buches «Viel Gutes zum kleinen Preis» (erschienen in WOZ Nr. 20/2012)

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