Nr. 43/2005 vom 27.10.2005

Ständig winkt der Tod

Ob ein harmloses Magendrücken, ein migräneartiger Kopfschmerz oder Nasenbluten: HypochonderInnen bestehen darauf, dass eine tödliche Krankheit vorliegt und laufen von Arzt zu Arzt. In Norwegen werden Betroffene seit zehn Jahren erfolgreich therapiert.

Von Gudrun Schön

Magnus Dahl war 37 Jahre alt, als es ihn «erwischte». Den Tag, an dem sein emotionales Immunsystem einen ernsthaften Störfall erlebte, wird er wohl nie vergessen. Dahl hatte gerade seine Tochter zur Schule gebracht, als er mit schweren Beklemmungsgefühlen in der Herzgegend auf einer Parkbank zusammenbrach. «Ich dachte, jetzt ist es aus. Jetzt kommt er, der Herzinfarkt, der auch schon meinen Vater das Leben gekostet hatte.» Der alarmierte Rettungsdienst brachte ihn in das nächstgelegene Krankenhaus. Die Diagnose war schnell gestellt: Magnus Dahl war kerngesund.

Mit diesem Befund hätte der Ausflug in das Reich der Panik für den vielbeschäftigten Architekten eigentlich beendet sein können. War er aber nicht. «Ab diesem Zeitpunkt habe ich mir ständig Sorgen um meine Gesundheit gemacht.» Jedes kleine Herzstolpern, jede geringfügige Atemnot, jedes dezente Engegefühl im Brustraum interpretierte er fortan als ernstes Symptom einer heimtückischen Herzerkrankung. Am Ende war sein Alltag von der Angst beherrscht, sich körperlich zu überfordern. Jede Treppe und jeder schnelle Gang wurden als potenzielle Gefahrenquellen identifiziert. «Ich war eine richtige Witzfigur, zumindest für meine Umgebung.» Für ihn selbst jedoch war es die Hölle, denn die Todesangst, die er ständig empfand, war alles andere als witzig. Erst nachdem der Familienvater mehrere Herzspezialisten konsultiert hatte und wirklich keiner etwas diagnostizieren konnte, sah er ein, dass sein Leiden einen anderen Ursprung hatte.

Eine Klinik für Hypochondrie

Dahl wurde auf den 57-jährigen Arzt und Psychiater Ingvard Wilhelmsen aufmerksam, der in der norwegischen Küstenstadt Bergen seit zehn Jahren die weltweit einzige Klinik für Hypochondrie leitet. Untergebracht in der städtischen Poliklinik, werden hier ausschliesslich «eingebildete Kranke» therapiert. Wilhelmsens Interesse für das Thema Hypochondrie begann, als er noch Professor für innere Medizin an der Universität Bergen war. Er beschloss, eine spezielle Klinik zu gründen, um diesen Menschen, die scheinbar nicht zu therapieren waren, durch eine Lerntherapie zu einem beschwerdefreien Leben zu verhelfen.

Etwa 50 000 Menschen leiden im dünn besiedelten Norwegen an Hypochondrie. Das entspricht ungefähr einem Prozent der Bevölkerung und liegt im europäischen Durchschnitt. Dahls Fall ist exemplarisch. Wer bei Ingvard Wilhelmsen landet, war in aller Regel vorher bei etlichen anderen Ärzten, die ausnahmslos nichts diagnostizieren konnten. Meistens blicken die Betroffenen auf eine mehrjährige Leidensgeschichte zurück, die einst im Kopf begann und auch nur dort kuriert werden kann. Eine Erkenntnis, die für die Betroffenen peinlich und schmerzhaft ist.

Rennen von Arzt zu Arzt

«Wenn ich daran denke, wie viele Menschen ich mit meiner Krebsangst genervt habe, wird mir ganz anders», sagt die 33-jährige Anne Lindberg, eine erfolgreiche Rechtsanwältin aus Oslo. «Ich war eines Tages überzeugt davon, meine beiden Kinder in absehbarer Zukunft als mutterlose Halbwaisen zurücklassen zu müssen, und habe alle denkbaren Lebensversicherungen abgeschlossen.»

Auch Lindberg rannte von Arzt zu Arzt, unfähig zu glauben, dass mit ihr alles in Ordnung sei. Kaum hatte sie «mit einer gewissen Erleichterung den Befund des einen Arztes aufgenommen», stand schon der nächste Facharztkontakt in ihrer Agenda. Sie bildete sich ein, an einem bösartigen Hirntumor zu leiden. Nur so konnte sie sich die migräneartigen Kopfschmerzen erklären, die sie regelmässig heimsuchten. «Mein Mann hat da wirklich bewundernswerte Geduld bewiesen», meint die Juristin heute. «Es kann sich wohl jeder vorstellen, wie es sich mit einem Menschen lebt, der sich ständig mit einem Bein im Grab sieht.»

«Ich wollte ein Leben, das perfekt ist, Krankheit und Tod hatten in so einem Leben nichts zu suchen.» Doch in der Hypochonderklinik in Bergen wurde Lindberg bewusst, dass ihre Erwartungen an das Leben unrealistisch waren. Wie alle HypochonderInnen hatte auch sie richtige Schmerzen. Schmerzen, die sie in ihrer Wichtigkeit und in ihrem Ausmass überbewertete. «Hypochonder sind keine Simulanten, das verwechseln viele Leute», sagt sie.

Sterben müssen alle

In insgesamt acht Einzelsitzungen konfrontierte Wilhelmsen die junge Frau mit einigen nüchternen Tatsachen, die viele HypochonderInnen bereits an den Rand der Verzweiflung bringen. Dazu zählt neben dem Umstand, dass die betreffende Person nicht wirklich krank ist, die für Aussenstehende eher banal anmutende Tatsache, dass die Möglichkeit einer schweren Erkrankung zum wahren Leben gehört. Und dass der Tod im irdischen Leben eine feste Grösse darstellt.

«Geboren sein heisst sterben müssen», bringt es Wilhelmsen auf den Punkt. «Das müssen auch perfektionistisch veranlagte Menschen irgendwann akzeptieren.» Warum von Hypochondrie hauptsächlich die BewohnerInnen reicher Industrienationen betroffen sind, liegt für Wilhelmsen auf der Hand. «Wir haben hier in der westlichen Welt einen derartigen Wohlstand mit unzähligen Absicherungsmöglichkeiten, dass mitunter in Vergessenheit gerät, dass es nicht für alle Facetten des Lebens eine Vollkaskoversicherung gibt.» Es gibt auch für den modernen Menschen keinen Anspruch auf Glück und Gesundheit. «Es gibt kein risikofreies Leben, und genau das müssen Patienten mit Hypochondrie erkennen.»

Die arme und die reiche Welt

Entsprechend anders stellt sich die Lage in armen Regionen der Welt dar. Fälle von Hypochondrie treten dort eher selten auf. Der Grund ist einfach: Der tägliche Kampf ums Überleben verhindert die Beschäftigung mit imaginären Problemen. Der Gedanke, dass das Leben einfach und kontrollierbar sein könnte, findet in Ländern, in denen Hungersnöte herrschen und kaum Hoffnung auf Arbeit ist, nicht auch noch Platz.

«Wir hingegen leben in einer Welt, die immer mehr nach Perfektion strebt», sagt Wilhelmsen, «und dazu gehört auch, dass man am liebsten den Tod abschaffen möchte.» Mit der eigenen Verwundbarkeit und dem eigenen Tod muss man aber auch hier leben können, um glücklich zu sein.

Dass aber auch HypochonderInnen zu heilen sind, scheinen Wilhelmsens Therapien zu beweisen. «Anfangs haben wir zwölf Sitzungen gebraucht, aber jetzt, zehn Jahre nach der Gründung, kommen wir meist mit fünf aus.» Danach würden die meisten PatientInnen erkennen, dass der Schlüssel zur psychischen Gesundheit nur im eigenen Gehirn zu finden ist. Warum allerdings Menschen zu HypochonderInnen werden und andere nicht, scheint in erheblichem Mass von der psychischen Grundverfassung abzuhängen. Ängstlichere Naturen haben oft ein ausgeprägteres Verlangen, die sie umgebenden Dinge zu kontrollieren.

Die Genese der Hypochondrie

Die meisten Menschen, die von der zermürbenden Furcht, ernsthaft zu erkranken, heimgesucht werden, erleiden dies in einem Alter, in dem der lange ersehnte Lebensstandard – zu dem oft auch Kinder und Verantwortung gehören – erreicht ist. Die Angst vor dem Verlust der hart erarbeiteten Besitztümer spielt ebenfalls eine Rolle. «Man hat etwas zu verlieren und fürchtet die Vertreibung aus dem Paradies», analysiert Wilhelmsen. «Was wenn all dies Perfekte zerstört wird durch etwas so Unberechenbares und Destruktives wie den Tod?» Die Medien tun ein Übriges, um die Furcht der HypochonderInnen zu nähren. Kaum eine Buchhandlung, in der sich nicht die Regale unter medizinischen Ratgebern biegen, kaum ein Fernsehprogramm, das nicht wöchentlich Formate pflegt, die sich mit Gesundheit und Krankheit befassen.

Besonders anfällig für Hypochondrie sind nach Wilhelmsens Erkenntnis Menschen, deren Angehörige an Krankheiten wie Krebs oder Herzinfarkt gestorben sind. Die Möglichkeit, dass man an einer vererbbaren Krankheit leiden könnte, stellt eine besonders grosse Bedrohung im Gedankenkarussell des klassischen Hypochonders dar. «Mein Vater und mein Onkel sind beide an einem Herzinfarkt gestorben», sagt Magnus Dahl. «Für mich war das dann fast so etwas wie eine feststehende Tatsache, dass auch ich daran sterben müsste. Jetzt sehe ich es so: Vielleicht sterbe ich tatsächlich eines Tages an dieser Krankheit. Aber vorher geniesse ich mein Leben und verplempere es nicht damit, mir irgendwelche Horrorszenarien auszudenken.»

Die Allmachtsfantasien der modernen Gesellschaft fördern eine Geisteshaltung, die das Geschenk einer stabilen Gesundheit in eine Forderung verwandelt. Und Krankheiten, die früher als Strafe Gottes betrachtet wurden, sind heute mit der entsprechenden Prophylaxe vermeidbar. An die tausend PatientInnen mit Gesundheitsangst, so die genaue Bedeutung von Hypochondrie, hat der Arzt aus Norwegen schon kuriert. Gelernt haben sie alle eines: Glück ist möglich – auch wenn es Leiden und Tod im Leben gibt. Entscheidend ist die eigene Haltung, und die lässt sich zum Glück beeinflussen.

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