Nr. 48/2005 vom 01.12.2005

Das grosse Schweigen

Über die Opfer des Zweiten Weltkriegs in Europa war in diesem Jahr viel zu hören und zu lesen. Über die Opfer dieses Krieges in der Dritten Welt hingegen nichts.

Von Pit Wuhrer

Mitte der achtziger Jahre durchstöberte ich die Fotokisten des Konstanzer Stadtarchivs. Ich war auf der Suche nach Bildmaterial für einen Text über die Nazizeit am Bodensee – und hielt plötzlich ein Foto der französischen Besatzungstruppen in der Hand. Es war nach Kriegsende aufgenommen worden und zeigte den Marsch eines Bataillons Marokkaner durch eine Konstanzer Hauptstrasse. Die französischen Soldaten sind ja alle dunkelhäutig, staunte ich damals. Ich erklärte mir das damit, dass Charles de Gaulle, die Führungsfigur des neuen Frankreich, offenbar zahlreiche Marokkaner für den Kampf gegen die Nazis hatte mobilisieren können.

Wie General de Gaulle diese Mobilisierung hingekriegt hatte, wie gross der Druck auf die Marokkaner war, was ihnen versprochen wurde, auf welche Weise ihr Kriegseinsatz belohnt wurde – all das wusste ich damals nicht. Woher auch? In all den Büchern, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten über den Zweiten Weltkrieg, über den Kampf der Alliierten gegen Nazideutschland, Japan und deren Vasallen geschrieben worden waren, tauchen die Kolonialsoldaten – die auf beiden Seiten gekämpft hatten – nie auf. Sie und ihre Angehörigen wurden auch nie zu den Siegesfeiern eingeladen. Sie waren 1995, beim 50. Jahrestag nicht dabei, und fehlten auch im Mai dieses Jahres. Sie zählen nicht – bis heute.

Dabei kämpften beispielsweise über hunderttausend Afrikaner für die antifaschistische Kriegsallianz auf den europäischen Schlachtfeldern, und auch die deutsche Wehrmacht hatte über hunderttausend Soldaten aus Nordafrika, Nahost und Indien in ihren Reihen. Noch viel grösser war die Zahl der Zwangsrekrutierten und Freiwilligen in den umkämpften Gebieten in Afrika, Asien, Ozeanien und an der lateinamerikanischen Küste. Über das Kriegsgeschehen jenseits von Europa und die daran Beteiligten aus den Kolonien wusste die deutschsprachige Linke bis vor kurzem nichts oder nur wenig. Das hat sich nun geändert: Seit dem Frühjahr ist ein Buch auf dem Markt, das als Standardwerk gelten darf und zu Recht auch mehrfach auszeichnet wurde: «Unsere Opfer zählen nicht. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg». Geschrieben wurde es von den MitarbeiterInnen des Rheinischen JournalistInnenbüros in Köln, herausgegeben vom Verein Recherche International.

Der Zweite Weltkrieg, so ist darin zu erfahren, nahm nicht erst 1939 seinen Anfang, sondern schon 1935, als das faschistische Italien in Äthiopien einmarschierte. Kurz danach begann mit dem spanischen Bürgerkrieg der «europäische Probelauf für den Weltkrieg»: 1936 landete der spanische General Francisco Franco in Spanisch-Marokko und startete von dort aus seinen Marsch gegen die Volksfrontregierung der Republikaner in Madrid. Zu Hilfe kamen ihm beim Putsch auch rund 60 000 Moros, arabische Soldaten aus Marokko, die teilweise zwangsrekrutiert waren, teilweise Sold erhielten und denen eine Abschaffung des Kolonialstatuts versprochen worden war. Auch in Asien begann der Zweite Weltkrieg schon vor den Kriegserklärungen in Europa – 1937 okkupierten japanische Truppen Korea und die Mandschurei.

In Asien dauerte der Krieg länger als bis 1945. In Vietnam zum Beispiel hielten die Kämpfe bis 1975 an. Dort hatte achtzig Jahre lang die französische Kolonialmacht geherrscht und 1939 rund 40 000 vietnamesische Soldaten nach Europa verschifft. Ab dem Frühsommer gab die faschistische Kollaborationsregierung von Vichy den Ton an. Sie liess Aufstände der antikolonialistischen Viet-Minh-Bewegung niederkartätschen, bevor sie Anfang 1945 von Japan aus dem Amt gejagt wurde. Für kurze Zeit diktierten die japanischen Besatzer die Bedingungen. Nach der Kapitulation Japans proklamierte Ho Chi Minh im September 1945 die Demokratische Republik Vietnam, doch zum Frieden kam es nicht. Denn kurz danach überzogen erst die alte Kolonialmacht Frankreich, dann die USA das Land mit neuem Krieg.

In manchen Regionen führte die Verquickung von Kriegsteilnahme und Unabhängigkeitsbestreben auch zur Kollaboration mit den Nazis. In Indien zum Beispiel mobilisierte Subhas Chandra Bose, der ehemalige Präsident der Unabhängigkeitsbewegung Indischer Nationalkongress, gegen den heftigen Widerstand von Mahatma Gandhi Freiwillige für den Kampf zugunsten der faschistischen Achsenmächte – mit einigem Erfolg. Rund 4000 Inder wurden so gegen Ende des Krieges Teil der deutschen Waffen-SS und verübten Massaker in Frankreich. Dass die AutorInnen die Kolonialisierten nicht nur als Opfer wahrnehmen, ist eine Stärke ihrer faktenreichen und differenzierten Schilderung.

Nach Kriegsende erlebten die Kolonialsoldaten eine herbe Enttäuschung. Von dem zu Kriegsbeginn in Aussicht gestellten Ende der Kolonialherrschaft wollten die Mächte der antifaschistischen Kriegsallianz nichts mehr wissen. Als zurückgekehrte afrikanische Soldaten für das versprochene, aber nie gezahlte Entlassungsgeld demonstrierten, wurden sie von Einheiten der französischen Armee – in der sie erst noch gedient hatten – erschossen. Nicht viel besser erging es den ostafrikanischen Soldaten im Dienst der britischen Krone. Sie wurden behandelt wie zuvor – als minderwertige Menschen.

Auch in Asien warten Zwangsrekrutierte auf eine Anerkennung ihrer Leiden. In Korea etwa fordern ehemalige Sexsklavinnen wie Hwang Kum-Ji (siehe WOZ Nr. 49/03) seit Jahren vergeblich ein Schuldeingeständnis aus Tokio. Die Forderung nach Anerkennung dieser Schuld und dieses Leidens durchzieht das ganze Buch: Würden die grossen Kriegsmächte anerkennen, was die Kolonisierten für sie damals taten oder tun mussten, hätte dies vielleicht auch Konsequenzen für die heutige Politik gegenüber den Ländern in der Dritten Welt.

Unser Südostasien-Korrespondent Rainer Werning hat an dieser ausführlichen und komplexen Bestandsaufnahme mitgearbeitet, mehrere Kapitel des Buches verfasst und im letzten Jahr viele unserer Anfragen nach aktuellen Beiträgen für die WOZ abgewimmelt: «Hab grad keine Zeit.» Jetzt wissen wir warum. Er hat gut daran getan.

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