Nr. 48/2005 vom 01.12.2005

Die Geburt der Maus

Was treibt erfolgreiche Architekten dazu, sich der urbanistischen Forschung zu widmen? Die Neuerscheinung «Die Schweiz – ein städtebauliches Portrait» gibt Auskunft – unfreiwillig.

Von André Bideau

Nur schon die Tatsache, dass sich das Auge eines Jacques Herzog auf Lawinenverbauungen, Pendlerströme und Tarifverbunde richtet, kommt heute als Sensation daher. Herzog ist Koautor von «Die Schweiz – ein städtebauliches Portrait», das nach langer Vorankündigung diesen Herbst erschienen ist. Das Werk sei «etwas vom Anregendsten, was Schweizer Intellektuelle in den letzten Jahren geschaffen haben», schrieb das Magazin des «Tages-Anzeigers», das der Publikation jüngst eine Sondernummer gewidmet hat.

Kompakt wie ein kleiner Backstein, ist das Porträt eigentlich ein Hybrid. Einerseits ist dieser dreibändige Almanach der Schweiz ein Werkstattbericht, anderseits das symbolische Kapital einer Allianz von Architekten, die über einen beträchtlichen medialen Hebelarm verfügen. Mit ihrem Vorschlag für eine neue Siedlungstopografie wollen Roger Diener, Marcel Meili, Jacques Herzog und Pierre de Meuron eine breite Diskussion in der Schweizer Öffentlichkeit anstossen. Nicht nur buchstäblich, sondern auch im übertragenen Sinn wird hier von Architekten ein Terrain besetzt und Diskurshoheit angemeldet.

Glühende Plattitüden

Die Zahl der ArchitektInnen, die ihre praktische Tätigkeit durch Forschung ergänzen, wächst seit etwa zehn Jahren. Dass die Grenzen zur Wissensökonomie der Kreativindustrie immer durchlässiger geworden sind, hat verschiedene Ursachen. Immer mehr ArchitektInnen befassen sich mit der Moderation von Entwicklungsprozessen, mit Consulting und Szenarioplanung für private Bauherren, anonyme InvestorInnen oder für ganze Städte. Eine Vorreiterfunktion hatten hier die Niederlande, wo im Unterschied zur Schweiz kein öffentliches Wettbewerbswesen den Einstieg in die Praxis erleichtert. Architekten verstanden es hier, Forschung gezielt zur Akquisition von Aufträgen einzusetzen, indem sie – wie zum Beispiel Winy Maas vom Büro MVRDV – gar für die Schweinezucht Hochhäuser mit geschlossenen ökologischen Kreisläufen vorschlugen.

Mit Agrarsubventionen setzt sich auch das «Städtebauliche Portrait» auseinander. Anstatt der Geldtransfers aus Brüssel werden die Abhängigkeiten der Schweizer Bauern von Bern thematisiert – als ein Indiz dafür, wie ein überholtes, mythologisches Bild der Schweiz künstlich am Leben erhalten wird. Herzog, Diener, Meili und de Meuron teilen sich seit 1999 eine Professur an der Architekturabteilung der ETH Zürich. Abseits vom Zürcher Hönggerberg zogen die grossen Namen der Deutschschweizer Architektur das ETH-Studio Basel auf. Als Architekturlehrer wollten sich diese nicht über die Vermittlung von exklusiven Handschriften positionieren, sondern über eine besondere Art der Forschung – ein «Garagenexperiment», wie sie es nennen.

Mit seiner «akribischen Recherche» will das «Porträt» Bilder auslösen und Begriffe stiften, um der zeitgenössischen Urbanisierung zu begegnen. Doch unverkennbar zeigt sich der Architektenblick, der territoriale Probleme räumlich thematisiert. Das Porträt will «Plattitüden so gegeneinander montieren, dass sie zu glühen beginnen». Über viele Semester haben ArchitekturstudentInnen mit ihren «Bohrungen» einen ganzen Berg an empirischem Material aus der Schweiz zusammengetragen. Dieser Berg scheint nun aber eine Maus geboren zu haben.

Vor allem Diagnosen

Wenige werden der Stossrichtung des «Portraits» widersprechen, ist doch unübersehbar, wie viele Gegenden der Schweiz mit den Folgen der Zersiedelung, Aargauisierung und einer inflationär wachsenden Mobilität konfrontiert sind. Mit seinem Schweizmapping rennt das ETH-Studio Basel mehr als eine offene Türe ein. Dass der Handlungsbedarf in den letzten Jahren erkannt wurde, haben unterschiedliche Massnahmen, Publikationen und Debatten nämlich bereits gezeigt. Sogar die an den Problemen der Schweizer Städte desinteressierte Berner Politik hat 2001 mit der «Agglomerationspolitik des Bundes» endlich einen Massnahmenkatalog vorgelegt, um den Problemen und Potenzialen der Urbanisierung koordiniert Weise zu begegnen. Angelus Eisinger und Michel Schneider brachten 2003 ihr «Stadtland Schweiz» im Auftrag von Avenir Suisse heraus. Dem Buch gelang es, mit zahlreichen AkteurInnen aus der Praxis konkrete Argumente auf den Tisch zu legen, wogegen das ETH-Studio Basel vor allem Diagnosen stellt.

Mehr als Retrocharme

Die zentrale Botschaft des «Portraits» ist der Entwurf einer neuen Siedlungstopografie. Es handelt sich um die neue Auslegeordnung einer aus fünf Grossräumen bestehenden Schweiz: Metropolitanregionen, Städtenetze, stille Zonen, alpine Resorts und Brachen. Von allen administrativen Grenzen und politischen Kategorien befreit, ist dieses Raumbild eine eigentliche Kriegserklärung an die «verborgene Zellstruktur» der Schweiz. Die Gemeindeautonomie wird als Hauptursache für ein hinfälliges Regime der Abschottungen, Blockaden und Redundanzen hergeleitet. Das Kernproblem der kommunalen Souveränität heben Meili und Herzog in ihrem einführenden Gespräch in Band 1 hervor. Herzog sieht in dieser heiligen Kuh gar die Ursache für die «tief sitzende Ablehnung des Urbanen» in der Schweiz. Das Gespräch illustrieren Aufnahmen von Verkehrsunfällen aus den fünfziger und sechziger Jahren. Doch entfalten die Szenen, die der Innerschweizer Polizeifotograf Arnold Odermatt auf den Kantonsstrassen und jungen Autobahnen festgehalten hat, mehr als blossen Retrocharme: Es lassen sich die Krisen herauslesen, von denen Planung – nicht nur in der verwöhnten Schweiz – stets begleitet war und ist.

Nicht immer sind ArchitektInnen der Mentalität der (Stadt-)Planung zugetan. Oftmals ist die Allianz von «KünstlerInnen» und «TechnokratInnen» nur opportunistischer Natur, vermag doch ein Architekt der Planung meistens dort etwas abzugewinnen, wo sie für seine konzeptionellen Steckenpferde einsteht. Das «Portrait» ist auch ein Ausdruck dieser planungskritischen Perspektive. Der Erwartungsdruck, unter dem die Publikation stand, lässt sich mit dem neuen Album von Madonna vergleichen. Doch im Unterschied zu «Confessions on a Dance Floor» bleibt unklar, welches Publikum die Autoren erreichen wollen. Sie thematisieren Urbanität und alltagsweltliche Erfahrungen. Aber dazu gehört zum Beispiel auch der Immobilienmarkt, der völlig ausgeblendet wird. Leider. Denn Suburbia bleibt in der Schweiz derart beliebt, dass Einfamilienhäuser heute drei Viertel der Wohnbauproduktion ausmachen. Nur mutmassen lässt sich also, ob eine an architekturale Raumbilder geknüpfte Urbanität beim Publikum einmal so mehrheitsfähig sein wird wie das Leben in der steuergünstigen Pendlergemeinde.

Lassen sich Land und Leute über Grossformen neu programmieren, wie es das «Portrait» mit seiner Siedlungstopografie beabsichtigt? Jacques Herzog hat als Novembergast des Magazins die Schweiz mit weiteren Vorschlägen für Flutungen, Sprengungen und Umsiedlungsaktionen beliefert. Ganze Gegenden der Schweiz gilt es offensichtlich vor sich selbst und vor unheiligen Allianzen (SVP-Filz, Stadtplaner, Gemeindepräsidenten, Umweltschützer) zu retten. Ein heroischer Kampf gegen die Ewiggestrigen, gegen die unaufhaltsame Nivellierung eines Territoriums, das im eigenen Siedlungsbrei zu ersticken droht.

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