Nr. 01/2006 vom 05.01.2006

Sehen lernen, was verschwindet

Was verrät eine Landschaft über ihre Geschichte? Der Geograf Werner Bätzing über die Alpen im rasenden Wandel.

Von Bettina Dyttrich

Jede Landschaft ist wie ein Buch, nur haben manche Bücher fast keine Seiten mehr. Wo heute Autobahnausfahrten, Lagerhallen und Einfamilienhäuser stehen, bleibt keine Spur mehr von der geologischen, botanischen und menschlichen Geschichte des Ortes.

Anders in den Alpen. Dort kann nicht einfach drauflosplaniert und -betoniert werden, sonst rumpelt bald der ganze Berg zu Tal. «Als junges, dynamisches Hochgebirge sperren sich die Alpen weiterhin gegen den heute so selbstverständlichen technischen Umgang mit Natur und Umwelt», schreibt der Geograf Werner Bätzing. In den Alpen lässt sich die Landschaft bis heute lesen wie ein Buch - wenn man es gelernt hat. Bätzings «Bildatlas Alpen» zeigt, wie es geht. Es ist faszinierend, mehr zu sehen als das schöne Panorama: die Spuren der Eiszeit in der Landschaft, einen alten Saumweg, Terrassen, auf denen früher Getreide angebaut wurde, Gebäude, die von vergangenen Tourismusblütezeiten erzählen. Und zu verstehen, warum ein Dorf wo gebaut wurde, warum dieser Hang bewaldet ist und jener nicht, warum ein Tal EinwohnerInnen verliert und ein anderes verstädtert.

Schützen und nutzen

Der «Bildatlas Alpen» ist übersichtlich gegliedert. Er beginnt mit den Alpen im Kopf, den Bildern, die wir in uns tragen und die bestimmen, ob wir eine Landschaft schön und interessant oder abweisend und langweilig finden. Danach geht es um die Naturlandschaften der Alpen - die Geologie, die oft am Relief erkennbar ist, die Gestaltung der Landschaft durch Eis und Wasser und die ursprüngliche Pflanzenwelt.

Anschliessend behandelt das Buch ausführlich die traditionellen Kulturlandschaften, die die Alpen bis heute prägen. Eindrückliche Bilder zeigen, wie gross das Wissen der Bauerngesellschaften über eine angepasste Nutzung war: Sie liessen den Wald an erosions- und lawinengefährdeten Hängen stehen, bauten ihre Siedlungen dort, wo sie vor Steinschlag und Hochwasser möglichst sicher waren, und nutzten die Natur so, dass sie sich regenerieren konnte. Das Leben mit der sprunghaften Dynamik der Berge war nur dank intensiven Pflegearbeiten möglich: Sturmholz aus Bächen entfernen, erodierte Stellen neu einsäen, Steine aus Weiden lesen. Werner Bätzing zeigt aber auch, dass die Alpen nie ein abgeschlossener, rein bäuerlicher Raum waren: Schon im Mittelalter waren Saumverkehr, Bergbau und Handel wichtig und verbanden das Berggebiet mit dem Rest Europas.

Die respektvolle Nutzung der Natur ist seit der Industrialisierung immer mehr verloren gegangen, wie der Schlussteil des Buches zeigt: Gut zugängliche Tallagen wurden ohne Rück-sicht auf Naturgefahren flächendeckend industrialisiert und verbaut, einige hoch gelegene Gemeinden entwickelten sich zu Tourismusresorts. Dazwischen liegen grosse Gebiete, die weder Industrie noch Tourismus anziehen und auch landwirtschaftlich nicht mit dem Flachland mithalten können.

Der Titel «Bildatlas» ist etwas irreführend: Das Buch präsentiert keinen ausgewogenen Querschnitt durch die ganzen Alpen. Der grösste Teil der Bilder stammt aus drei Regionen, mit denen sich der Autor intensiv beschäftigt hat: aus den südlichen piemontesischen Alpen, einem von Abwanderung und Verwilderung geprägten Gebiet; aus dem österreichischen Gasteiner Tal, das in den unteren Lagen stark zersiedelt ist; und aus den Berner und Freiburger Alpen. Diese Auswahl hat aber auch Vorteile: Bätzing kennt die fotografierten Gebiete hervorragend und weiss dadurch eine Menge über ihre Geschichte und Gegenwart. Wer diese Bilder studiert hat, kann gut selber Rückschlüsse auf andere Gebiete ziehen.

Wildnis und Heidiland

Werner Bätzings Prognose für den Alpenraum ist düster: Er befürchtet, «dass die Alpen in die Einzugsgebiete der verschiedenen europäischen Metropolen zerfallen, von denen sie direkt dominiert werden. Diese Einzugsgebiete werden durch Entsiedlungsregionen voneinander getrennt sein, an denen niemand Interesse hat und in denen im besten Fall einige räumlich isolierte Tourismuszentren eine ortlose Scheinwelt à la Heidiland pflegen.» Die Alpen als eigenständiger Kulturraum verschwinden.

Sowohl die Verstädterung als auch die Entsiedlung bremsen, den Alpenraum politisch stärken, landwirtschaftliche und handwerkliche Qualitätsprodukte fördern: Diese Strategien propagiert der Autor gegen das «Verschwinden der Alpen». Es gehe darum, «in neuen Formen wieder eine Verantwortung für die Alpen als Lebens- und Wirtschaftsraum aufzubauen, die auch künftige Generationen einschliesst». Die alpenbezogene, lokale Wirtschaft soll mit der globalisierten Wirtschaft vernetzt werden. Wie das allerdings konkret funktionieren soll, ohne dass die Lokalen völlig von den Globalisierten dominiert werden, ist unklar. Auf einer bescheideneren Ebene gibt es Projekte in der Richtung, die Bätzing vorschlägt - zum Beispiel im Bündner Val Lumnezia, das einen umweltverträglichen Sommer- und Kulturtourismus fördert. Aber auch solche Initiativen sind letztlich von der nationalen Berggebiets- und Landwirtschaftspolitik abhängig. Und in einer Zeit, in der die UnterländerInnen den BerglerInnen immer lautstärker vorrechnen, dass sie zu viel kosten, sieht es für das Berggebiet düster aus.

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