Nr. 47/2014 vom 20.11.2014

«Der Mensch hat die Natur nie vollständig im Griff»

Der Geograf und Alpenspezialist Werner Bätzing über die zweite Gotthardröhre, den Wolf, das Wallis und seine Hoffnung auf eine regionale alpine Wirtschaft.

Von Bettina Dyttrich

Werner Bätzing: «Die Idee der Wildnis passt nicht in den Alpenraum.»

Er ist der Alpenprofi Europas: Werner Bätzing. Dabei war das gar nicht geplant. Bätzing war Buchhändler, als er in den siebziger Jahren die Piemonteser Alpen durchwanderte – wo die Bevölkerung so schnell abnahm, dass ganze Dörfer zerfielen. Seine Erkundungen fesselten ihn so, dass er mit dreissig Jahren noch Geografie studierte. Später arbeitete er an der Universität Bern, bevor er als Professor an die Universität Erlangen-Nürnberg berufen wurde. Seit kurzem pensioniert, überarbeitet Bätzing (65) zurzeit sein Standardwerk «Die Alpen» und ist froh, nichts mehr mit Universitätsreformen zu tun zu haben und «endlich wieder vernünftig arbeiten zu können».

WOZ: Werner Bätzing, Sie forschen seit mehr als dreissig Jahren über die Alpen. Was fasziniert Sie so an diesem Gebirge?
Werner Bätzing: In den Alpen werden für mich grundsätzliche Fragen unserer Gesellschaft deutlich. Die Alpen zeigen, dass der Mensch die Natur nie vollständig im Griff hat, dass sich die Natur der technischen Kontrolle entzieht und immer auch etwas Gefährliches, Bedrohliches ist. In den Alpen sieht man das konkret. Persönlich kommt dazu, dass ich unglaublich gern in den Alpen wandere.

Sie gehen gern in die Alpen, weil sie bedrohlich sind?
Trotz der Gefahren leben seit Jahrtausenden Menschen in den Alpen. Die alpinen Kulturen der Vergangenheit zeigen: Es ist möglich, die Natur zu nutzen und zu verändern, ohne sie zu zerstören. Menschen haben körperliche Bedürfnisse, darum müssen sie die Natur nutzen, es geht gar nicht anders, sie sind auch ein Teil der Natur. Entscheidend ist, wie sie ihre Beziehung zur Natur gestalten.

Heute gestalten wir sie mit Beton … Das grösste Alpenthema in der Schweiz ist zurzeit die zweite Gotthardröhre. Wie beurteilen Sie dieses Vorhaben?
Ich finde es sehr problematisch. Die Gefahr ist gross, dass man irgendwann beide Röhren vollständig öffnet. Da droht eine schleichende Aufhebung der Alpeninitiative. Und diese Initiative war sehr wichtig als Versuch, den Transitverkehr zu beschränken. Auch wenn es nicht geklappt hat.

Wie lässt sich der Verkehr am besten reduzieren?
Das Grundproblem ist, dass die heutige Wirtschaft extrem arbeitsteilig angelegt ist, und das funktioniert nur dank eines sehr kostengünstigen Verkehrs. Kollateralschaden dieses Verkehrs ist, dass man entlang der grossen Verkehrsachsen nicht mehr wohnen kann. Und so ist Wirtschaften nicht nachhaltig. Die kapitalistische Wachstumsdynamik ist für die Alpen tödlich, weil sie ein physisch begrenzter Raum sind und weil die wenigen ebenen Flächen, die für das moderne Wirtschaften geeignet sind, vollständig überbaut werden.

Und gerade dort, in den Talböden, wächst gemäss Ihren Forschungen die Bevölkerung wie verrückt. Wohin führt das?
Zu einer sehr starken Aussenabhängigkeit. Die Alpen zerfallen in verstädterte Regionen, die sich in den grossen Tälern bandartig ins Gebirge hineinziehen. Ein französischer Kollege hat einmal eine Befragung in Grenoble gemacht und kam zum Schluss: Die Leute in Grenoble haben das Gefühl, sie wohnten nicht in den Alpen, sondern am Rand. Sie verhalten sich zu den Alpen wie Touristen. Das ist typisch für solche verstädterten Täler, im Tessin ist es ähnlich. Es führt dazu, dass die mentalen, kulturellen, aber auch die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Tallagen und Berglagen abbrechen. Da aber Tal und Berg naturräumlich eng verflochten sind – Stichwort Lawinen oder Hochwasser – ist das sehr problematisch.

Was halten Sie von regionalen Naturpärken?
Ich halte sie für sinnvoll, wenn es wirklich um beides geht: Naturschutz, aber auch die Förderung einer umweltverträglichen Wirtschaft. Dann können Naturpärke Regionen vor Investoren schützen, die zum Beispiel grosse Hotelsiedlungen bauen, ohne dass die lokale Bevölkerung etwas davon hat. Sie können Raum geben für eine eigenständige Entwicklung.

Also lieber Naturpark als Nationalpark?
Auf jeden Fall. Die Idee der Wildnis passt nicht in den Alpenraum, die Alpen sind überall von Menschen geprägt. Der Schweizer Nationalpark ist keine Wildnis, sondern eine verwildernde Kulturlandschaft. Das ist etwas völlig anderes.

Ärgern Sie sich über den Schweizer Nationalpark?
Nein. In ausgewählten kleineren Gebieten kann das sinnvoll sein, aber für die gesamten Alpen ist es keine Strategie.

Vor zehn Jahren gab es in der Schweiz grosse Diskussionen über die Verwilderung der Alpen. Mir scheint, das ist abgeflaut.
In Deutschland läuft die Diskussion noch. Nur geht es dort nicht um die Alpen, sondern um den Nordosten. Da gibts das Schlagwort «Mecklenburg-Vorpommern den Wölfen». Die kommen da von Polen rein.

Wölfe haben wir ja jetzt auch.
Ja. Sie sind inzwischen schon bis Bayern vorgedrungen. Irgendwann werden sich die Wölfe aus Polen und die Wölfe aus Italien treffen. Vielleicht im Bayerischen Wald.

Wie finden Sie das?
Ich habe während meiner Doktorarbeit im Piemont eine verrückte Legende gefunden. Sie handelt von einer weissen Stute, die nachts im Hochgebirge Wölfe füttert und so dafür sorgt, dass diese nicht im Kulturland Futter suchen. Das Fazit der Legende: Man darf die weisse Stute nicht stören, die macht das richtig. Das ist für mich ein Ausdruck dafür, dass Bauerngesellschaften und Wildtiere jahrtausendelang nebeneinander gelebt haben. Die heutige Behauptung, es könne nur entweder Bauern oder Wölfe geben, ist falsch.

Aber es gibt Konflikte.
Ja. Die müssen pragmatisch gelöst werden.

Pragmatisch heisst, dass man hin und wieder einen Wolf schiessen muss?
Natürlich.

In der Schweiz ist der Widerstand gegen den Wolf im Wallis am grössten. Wie erklären Sie das?
Im Wallis reagiert man extrem empfindlich auf alles, was man für Bevormundung von aussen hält. Gleichzeitig versucht man, die Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft nachzuholen, als wäre man im Aargau. Dabei geht vergessen, was eigentlich für das Wallis das Beste wäre, was das Alpenspezifische ist, das man berücksichtigen sollte.

Die Walliser Landwirtschaft ist sehr kleinräumig, es gibt viele Hobbybetriebe. Hat das einen Einfluss?
Das führt dazu, dass die Landwirtschaft anderen Gesetzen gehorcht als ökonomischen. Die Zucht von Schwarznasenschafen oder Eringerkühen hat mit ökonomischen Zielen wenig zu tun, da geht es um soziales Prestige.

Wird der Verlust eines Schafes oder einer Kuh emotional schlimmer, wenn die Tierhalter nicht ökonomisch auf die Tiere angewiesen sind?
Genau so ist es. Es geht an die Substanz. Was man für Geld macht, kann man mit Geld kompensieren. Kaputtes Sozialprestige hingegen nicht.

Sie propagieren eine «kreative Verbindung von traditionellen und modernen Werten». Was heisst das konkret?
Es geht darum, Werte der traditionellen Alpenkulturen – Verantwortung für die nächste Generation und die Umwelt – mit modernen Werten, etwa der Emanzipation der Frauen, zu verbinden. Bezug auf regionale Traditionen zu nehmen, ohne ihnen sklavisch zu folgen. Bei vielen regionalen Produkten wird eine solche Verbindung sichtbar: Lebensmittel, etwa Käsesorten, werden weiterentwickelt oder neu erfunden.

Letztes Jahr war ich im Susatal westlich von Turin, wo sich die Bevölkerung heftig gegen eine neue Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnstrecke wehrt. Eine Gruppe von Winzern hat dort begonnen, die verwilderten Weinberge wieder zu pflegen, die alten lokalen Rebsorten anzupflanzen und daraus Qualitätsweine zu keltern. Solche Initiativen, die sich auch gut mit Wandertourismus verbinden lassen, haben viel Potenzial. Ein anderes Beispiel ist die Aufwertung der Kastanienselven im Bergell und im Tessin, verbunden mit dem Vermarkten neuer Kastanienprodukte.

Seit einiger Zeit sind Gemeingüter ein grosses Thema in der Linken. Gemeingüter waren in den Alpen sehr wichtig, die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat ja im Wallis dazu geforscht. Nun sagen Sie aber, gemeinschaftliche Strukturen hätten engagierte Einzelpersonen behindert.
Diese Strukturen hatten zwei Seiten. Das Individuum musste sich der Gemeinschaft unterordnen. Und wer das tat, fuhr gut damit. Wer das aber nicht wollte oder nicht konnte, wurde zum Aussenseiter.

Lässt sich eine solche Struktur modernisieren?
Ich glaube schon, dass heute eine Gruppe von Menschen die gemeinschaftlichen Ziele genau definieren und somit sagen kann: Das ist unsere Verpflichtung, und alles andere hat nichts damit zu tun. Also: Ich bin mitverantwortlich für diese Alp, aber dass ich zum Beispiel homosexuell bin, tut nichts zur Sache. Was früher undenkbar gewesen wäre. Früher war die Gemeinschaft das ganze Leben.

Sie betonen immer wieder, wie wichtig die Berglandwirtschaft ist. Romantisieren Sie da nicht?
Nein. Die Landwirtschaft ist die Grundlage, dank der die Alpen überhaupt als Lebens- und Wirtschaftsraum existieren können. Die Bauern richten die Landschaft quasi für die Menschen her, pflegen sie und machen sie besiedelbar. Ohne Landwirtschaft sind die Siedlungen nur noch Punkte in der Landschaft, die zufällig im Raum liegen und mit ihrer Umgebung nichts mehr zu tun haben. Doch die Prognose ist grauenvoll: Wenn es keinen Trendbruch gibt, wird die Berglandwirtschaft in zwanzig Jahren praktisch verschwunden sein. Ausser in den flachen Talböden, wo aber der Siedlungsdruck wie gesagt sehr hoch ist.

Ein Trendbruch, das wäre zum Beispiel ein viel höherer Ölpreis?
Ja. Oder auch eine stark steigende Nachfrage nach echten regionalen Produkten.

Die Berglandwirtschaft der Vergangenheit war harte, gefährliche Arbeit. Taugt diese Welt als Gegenmodell?
Ich glaube, wenn die Leute diese Arbeit als sinnvoll empfinden, dann darf sie auch anstrengend sein. Das Schlimmste in der Postmoderne ist doch, dass alles gleichgültig geworden ist, dass man allem hinterherhetzt und dabei als Person durchs Raster fällt.

Es geht nicht darum, wieder alles von Hand zu machen. Aber ich denke, Handarbeit wird wieder wichtiger werden. Die Maschinenarbeit ist ja nur wegen des tiefen Ölpreises so billig. Ich bin überzeugt, dass sich die heutige Wirtschaft und Gesellschaft selbst zerstört. Darum ist es unglaublich wichtig, das regionale Wirtschaften zu stärken. Wenn die globalisierten Strukturen zusammenbrechen, braucht es Auffangbecken, Reservemöglichkeiten, mit denen man wirtschaften und leben kann.

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