Nr. 24/2015 vom 11.06.2015

Die Alpen zeigen: So geht es nicht weiter

Einmal ausführlich, einmal kurz und prägnant: das überarbeitete Standardwerk und die neue Streitschrift von Alpenspezialist Werner Bätzing.

Von Bettina Dyttrich

Da kommt wieder einer aus dem Flachland und will uns Vorschriften machen! Ein alter Vorwurf – diesen Frühling traf er den Alpenforscher Werner Bätzing, der sich in der «Zeit» kritisch zu Grossprojekten wie dem Turm von Vals geäussert hatte. Ausgerechnet ihn, der sich seit Jahrzehnten für eine selbstbestimmte Entwicklung des Alpenraums starkmacht. Aber natürlich hängt die Mehrheit der AlpenbewohnerInnen heute genauso an der Konsumgesellschaft wie der Rest der Welt. Geograf Bätzing stellt diesen Lebensentwurf infrage. Wer das tut, hat keine grosse Lobby.

Das Muster, das zu Projekten wie dem Valser Turm führt (siehe WOZ Nr. 21/2015), hat Bätzing schon lange analysiert. Er nennt es «Verdrängung»: eine Überidentifikation mit dem «Fortschritt», die die eigene Vergangenheit abwertet. Darum seien Projekte für viele AlpenbewohnerInnen umso überzeugender, «je grösser sie ausfallen und je radikaler sie die traditionelle Welt infrage stellen». So schreibt er in der Neuauflage seines Standardwerks «Die Alpen».

Geografie ist traditionell eine Wissenschaft mit einem breiten, natur- wie auch sozialwissenschaftlichen Fokus. Bätzing, seit kurzem emeritierter Professor der Universität Erlangen-Nürnberg, erweitert diesen Fokus noch, indem er auch psychologische Forschungen, Philosophie oder die Romane des englisch-savoyischen Schriftstellers John Berger, eines anderen Alpenkenners, einbezieht. Und natürlich seine eigenen langjährigen Beobachtungen in gegensätzlichen Alpenregionen.

Düstere Szenarien …

Das Buch zeigt, wie eng sich Natur- und Sozialwissenschaften verbinden müssen, damit die Alpen verständlich werden: Das Gebirge prägt die menschlichen Aktivitäten, diese verändern wiederum das Gebirge. So beginnt Bätzing bei den Alpenbildern in den Köpfen, beschreibt den Naturraum, analysiert seine Nutzung im Agrarzeitalter und die Umbrüche seit der industriellen Revolution: Industrie, Verkehr, Tourismus und Kraftwerke verändern die Alpen völlig.

Für die Neuauflage hat Werner Bätzing die Entwicklungen der letzten Jahre untersucht. Nach einer Stagnationsphase ab 1985 wächst der Alpentourismus seit gut zehn Jahren wieder leicht, Skigebietserweiterungen und neue Resorts sind wieder salonfähig. Auch das Potenzial der Alpen an Wasser-, Wind- und Sonnenenergie weckt neue Begehrlichkeiten, und mindestens so wichtig wird das Gebirge mit dem Klimawandel als Trinkwasserspeicher werden. «Dies könnte zu zahlreichen Konflikten führen, die heute noch nicht vorstellbar sind.»

Die Alpen als grosses, fremdbestimmtes Wasserreservoir Europas: Das ist einer der möglichen «Trendbrüche», die Bätzing skizziert. Andere Szenarien, die die Alpen völlig verändern würden, wären eine verschärfte Wirtschafts-, Energie- oder Sozialstaatskrise oder eine «Krise der inneren Sicherheit». Die Alpen als Internierungslager – eine grauenhafte Vision, die Bätzing mit leider ziemlich unglücklich gewählten Worten beschreibt («Wenn Millionen von Flüchtlingen und Asylanten die ‹Festung Europa› stürmen …»).

 … oder alpine Aufwertung?

Wie sähe eine positive Zukunft der Alpen aus? Diese Frage steht im Zentrum von Bätzings Streitschrift «Zwischen Wildnis und Freizeitpark». Er betont, dass frühere bäuerliche Gesellschaften die Alpen nutzten, ohne sie zu zerstören – weil sie das richtige Mass fanden, etwa bei der Weidenutzung, weil sie den Schutzwald nicht rodeten und Steinschlag- oder Lawinenschäden reparierten. Aber natürlich kann man nicht einfach zurück in die Vergangenheit. Darum versucht Bätzing, eine «konkrete Utopie» zu entwickeln, die «mit dem heutigen Wirtschaften und Leben kompatibel ist».

Er propagiert eine Aufwertung der alpinen Ressourcen – von Stein und Holz über die verschiedensten Lebensmittel bis zum umweltfreundlichen Tourismus. Diese Regionalwirtschaft müsse neben der globalisierten einen gleichberechtigten Platz haben. Geht das? Nicht zuletzt finanziell wird die «gute» Wirtschaft der zerstörerischen unterlegen bleiben. Und wie lässt sich verhindern, dass die Qualitätsprodukte aus den Alpen einfach Luxusartikel für die Eliten Europas werden, die ihr Geld mit der Zerstörung anderer Weltgegenden verdienen?

Mit diesen Widersprüchen müssen alle leben, die ein anderes Wirtschaften konkret machen wollen. Sie sind kein Argument, es nicht zu versuchen. «Die aktuellen Probleme der Alpen sind keine alpenspezifischen Probleme», betont Bätzing – im empfindlichen Gebirge zeige sich nur besonders deutlich, dass die heutige Wirtschaft zur Selbstzerstörung führe. «Wenn die globalisierten Strukturen zusammenbrechen, braucht es Reservemöglichkeiten, mit denen man wirtschaften und leben kann», sagte Bätzing im WOZ-Gespräch (siehe WOZ Nr. 47/2014). Er weiss, was auf dem Spiel steht – das macht seine Streitschrift dringlich und überzeugend.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch