Nr. 02/2006 vom 12.01.2006

In die Welt gefallen

Um die Eintönigkeit des Gefangenenalltags auszuhalten, hat die ehemalige RAF-Aktivistin angefangen zu fotografieren. Nun ist ein Buch mit ihren Porträts von Mitgefangenen erschienen.

Von Rebecca Hillauer

Sie hätte auch Fotos machen können, wie es sie viele gibt aus dem Knast: mit Gittern vor den Fenstern, hinter denen Frauen leben, die keine Zukunftsperspektive haben, in deren Gesichtern das blanke Elend steht. Aber solche hoffnungslosen Bilder wollte Eva Haule gerade nicht. Ihr ging es vielmehr darum zu zeigen, «dass da Frauen im Gefängnis sind, die darauf bestehen, dass sie Menschen sind, und eine bestimmte Würde ausstrahlen und sich nicht brechen lassen.»

Die so spricht, ist selbst seit fast zwanzig Jahren inhaftiert. Drei Jahre davon verbrachte sie in Einzelhaft. Das war für Mitglieder der RAF (Rote-Armee-Fraktion) durchaus üblich. Eva Haule, Tochter einer gutbürgerlichen Familie aus der Nähe von Stuttgart, gehörte in den achtziger Jahren zur Roten-Armee-Fraktion. Politisiert durch die Studentenbewegung und die Proteste gegen den Vietnamkrieg, hatte sie nach dem Abitur zunächst Journalistin werden wollen. Aber sie «fing dann alles Mögliche an, ohne einen Tag ernsthaft zu studieren». In einer Landkommune im Allgäu erprobte sie ein Leben abseits der kapitalistischen Ökonomie. Die normale bürgerliche Tretmühle, acht Stunden malochen und fernsehen und noch einen VW - damals das höchste Glück für Kleinbürger -, war nichts für sie.

Doch dann, 1977, überstürzten sich die Ereignisse: Die Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer und der Tod der führenden RAF-Mitglieder in Stammheim reissen die junge Frau aus ihrer vermeintlichen linken Idylle. Eva Haule zieht nach Berlin, in das Zentrum des alternativen Widerstands. Dort erlebt sie die ersten Hausbesetzungen und geht gegen die Nato-Nachrüstung auf die Strasse. Sie schreibt Briefe an Inhaftierte aus der Bewegung 2. Juni und besucht sie im Gefängnis, um «ganz blauäugig mit den Leuten einmal direkt zu reden». 1984 geht sie schliesslich in den Untergrund. Zwei Jahre später, 1986, wird sie verhaftet.

Seitdem sitzt Eva Haule im Gefängnis. Fragt man die inzwischen 51-Jährige, was sie angesichts dieser langen Zeit in Unfreiheit empfindet, erwidert sie: «Zorn.» Nicht nur wegen ihrer eigenen Situation. Ausser ihr sind drei weitere ehemalige RAF-Mitglieder noch immer in Haft, zwei von ihnen, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt, sogar schon 23 Jahre lang.

«Im Knast läuft man irgendwann herum und sieht nichts mehr, weil es immer dasselbe ist - immer», sagt Eva Haule. Diese Tunnelperspektive ändert sich erst, wenn sie durch den Sucher ihrer Kamera blickt. Dann konzentriert sie sich mit allen Sinnen auf die Person vor ihrer Linse. Und erkennt in dieser Frau plötzlich ganz viel Schönheit, die ihr zuvor im Stumpfsinn des Knastalltags überhaupt nicht aufgefallen ist. «Diese intensive Wahrnehmung hat in meinem Kopf wieder etwas aufgemacht, was vorher ziemlich zu war.»

Fast zwanzig Jahre hinter Mauern und Gittern - das heisst Eintönigkeit und Stumpfsinn. Einzelhaft bedeutet zudem völlige Isolation: 23 Stunden am Tag war Eva Haule in ihrer Zelle eingesperrt, eine Stunde lang hatte sie Hofgang - allein. Bald merkte sie, dass sie sich kaum noch richtig artikulieren konnte. «Weil man das Sprechen gar nicht mehr gewohnt ist und alles nur im Kopf oder schriftlich abläuft.» Nach einem halben Jahr bekam sie grosse Konzentrationsschwierigkeiten. «Man fängt an, ein Buch zu lesen - und wenn man unten an der Seite anlangt, weiss man nicht mehr, was oben stand.»

Nach drei Jahren, im Frühjahr 1989, trat Eva Haule mit anderen Gefangenen aus der RAF in einen Hungerstreik gegen die Isolationshaft. Sie wird von Stammheim in das Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim verlegt, wo ihre Haftbedingungen nach und nach dem «Normalbetrieb» angepasst werden. Endlich hat sie Kontakt zu Mitgefangenen. Doch sie sucht Beschäftigung und eine Möglichkeit, ihre Kreativität zu entfalten. Nachdem sie Jahr für Jahr nur Bücher und Zeitungen lesen konnte, probiert sie nun sämtliche Kurse aus: Seidenmalerei, Batik, Nähen, Joga, Sport - und entdeckt schliesslich das Fotografieren für sich.

Sechs Jahre lang besuchte Eva Haule im Gefängnis einen Kurs nach dem anderen, manchmal sogar zwei - für Anfänger und Fortgeschrittene - gleichzeitig. Das Fotografieren belebte nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihre abgestumpften Sinne. Die Kurse bedeuteten für sie zudem, der vollkommenen Überwachung, mit der sie all die Jahre lebte, für Momente zu entkommen. Sie porträtierte ihre Mitgefangenen. Es sind sehr persönliche Aufnahmen: einfühlsame und atmosphärisch dichte Bilder in ästhetischem Schwarzweiss, die ihren Entstehungsort nicht erahnen lassen.

«Ich fand es einfach wichtig, die Frauen nicht auf ihre momentane Situation zu reduzieren. Das Gefängnis ist nur eine Etappe in ihrem Leben. Sie hatten davor und haben auch danach ein Leben.» Anfangs wollte Eva Haule vor allem an einem Fotokurs teilnehmen, um von sich selber Bilder zu bekommen und sie Freunden und Angehörigen draussen zu senden. Ihre Modelle hatten die gleiche Motivation. Manche gefielen sich auf den Fotos aber so sehr, dass sie Eva Haule um Vergrösserungen baten, mit denen sie dann ihre Zellen schmückten. «Ich habe nicht gedacht, dass ich so schön bin», meinten sie.

Fotoshooting im Knast - eine gänzlich neue Erfahrung für alle. Die Bilder entstanden in einem Aufenthaltsraum im Frauengefängnis. Als Hintergrund dienten die weissen Wände oder ein grosses schwarzes Tuch - eine grössere Auswahl gab es nicht. Umso mehr überraschen Eva Haules Fotos in ihrer vielseitigen und individuellen Komposition: Das Gesicht einer Schwarzen in Nahaufnahme kontrastiert sie mit einer weissen Callablüte. Bei einem Rückenakt umrahmen lange dichte Haare einen hageren Frauenkörper. Eine barbusige Frau zeigt, fast trotzig, ihre von Einstichnadeln vernarbten Arme. Und eine üppige dunkelhaarige Schönheit trägt nichts am Körper ausser einem Tuch um die Schultern.

Aktfotos im Knast? Eva Haule bemerkte schnell, dass die Frauen sich noch einmal ganz anders vor der Kamera verhielten, wenn sie ihre Kleidung abgelegt hatten. Die allerwenigsten Frauen ziehen sich im Knast genauso an wie draussen. Meist vernachlässigen sie ihr Äusseres, weil es ihnen hinter Gefängnismauern nicht wichtig erscheint. «Viele tragen einfach Trainingsanzüge, oft sogar aus dem Anstaltsfundus. Wenn sie dann ihre Sachen ausziehen, sind sie irgendwie ganz bei sich», hat Eva Haule beobachtet. Sich so von ihr fotografieren zu lassen - das setzt Vertrauen voraus. «Und sich zu zeigen, wie man sich fühlt. Eine ganz andere Offenheit, als man sonst im Knastalltag draufhat.»

Zu einigen ihrer Modelle entstand mit der Zeit eine echte Freundschaft. In den fünfzehn Jahren, die Eva Haule in Frankfurt-Preungesheim verbrachte, sah sie viele Frauen immer wieder zurückkehren. Vor allem Drogenabhängige kamen mitunter mehrmals pro Jahr in den Knast, für einige Wochen oder Monate. Die Rebellischen, die, «die sich wehren - wie auch immer», interessierten Eva Haule am meisten. Lizza zum Beispiel, eine schwarze Deutsche: Die 38-Jährige nahm seit mehr als zwanzig Jahren aus voller Überzeugung Drogen. Eva Haule fotografierte sie zwei Monate vor ihrem Tod. Auf einem Foto scheint Lizza zu schlummern wie ein Baby, auf einem anderen Bild breitet sie ihre Arme aus wie zum Tanzen. Auf einem dritten Foto blickt sie ganz ruhig und offen in die Kamera.

Diese Vertrautheit miteinander und das Vertrauen der Frauen in die Fotografin machen die besondere Qualität der Fotos aus. Mit ihnen bewarb Eva Haule sich schliesslich bei der renommierten Schule Fotografie am Schiffbauerdamm in Berlin - und wurde sofort angenommen. Die Ausbildung, die unter anderem vom Hessischen Gefangenen-Bildungswerk finanziert wird, begann im April 2004. Um den Unterricht besuchen zu können, wurde Eva Haule von Frankfurt nach Berlin in den offenen Strafvollzug verlegt. Als «Freigängerin» der Frauen-Justizvollzugsanstalt Neukölln mischt sie sich seither unter die normalen Werktätigen der Stadt. Von 10 bis 18 Uhr ist sie mit ihrer Ausbildung und ihrem neuen Fotoprojekt über antifaschistische Widerstandskämpfer beschäftigt. Danach hat sie bis 23 Uhr Ausgang für private Unternehmungen.

«Zunächst bin ich hier in Berlin wieder in die Welt gefallen, nachdem ich achtzehn Jahre weg war», erinnert sich Eva Haule. Im geschlossenen Vollzug erschien ihr die Welt jenseits der Mauer unendlich weit weg. Und jetzt? Es fällt ihr schwer, ihre Gefühle zu beschreiben: Wie das ist - so mit einem Fuss in der Freiheit und doch noch immer unter staatlicher Kontrolle. «Ein Gefühl von Freiheit stellt sich da nicht ein», sagt sie schliesslich.

Im Juni beantragte Eva Haule ihre Entlassung. Kaum zwei Wochen später, erzählt sie, habe sie vom Bundesgerichtshof eine Vorladung als Zeugin erhalten. Die Justiz möchte von ihr wissen, wer an den Straftaten, für die sie vor zwanzig Jahren verurteilt wurde, noch beteiligt war. Im Dezember fuhr Eva Haule nach Karlsruhe, verweigerte jedoch die Aussage. Für diesen Akt des Widerstands verhängte das Gericht sechs Monate Beugehaft. Dagegen haben ihre Anwälte zwar Einspruch eingelegt, und die Strafe ist vorübergehend ausser Vollzug gesetzt worden. Sie hängt aber wie ein Damoklesschwert über der Fotografin: Eine Beugehaft bedeutete nicht nur einen Rückfall in erschwerte Haftbedingungen, sie würde auch ihre Ausbildung an der Fotoschule gefährden.

«Glauben Sie wirklich, nach zwanzig Jahren Haft könnte mich das noch schrecken?», fragt Eva Haule rhetorisch. Sollten die Justizbehörden sie für erpressbar halten, hätten sie sich verkalkuliert. Ihre Entscheidung steht fest: Obwohl sie inzwischen die Freiheit geschnuppert hat, wird sie keine ihrer früheren WeggefährtInnen verraten. Das Ende ihrer Haft ist daher ungewisser denn je. Dennoch wagt Eva Haule einen Blick nach vorn: Sollte sie 2007 doch entlassen werden, möchte sie auf Reisen gehen und Fotoreportagen machen. «Das wäre so ein Wunsch von mir. Aber wie der umzusetzen ist, das ist mir alles noch nicht klar.»

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