Nr. 07/2006 vom 16.02.2006

Gesattelte Gefühlspolitik

Der neue Film von Ang Lee ist kein schwules Manifest, aber ein klares Plädoyer für die gleichgeschlechtliche Liebe.

Von Jen Haas

Schon lange nicht mehr hat eine grosse Kiste bereits im Vorfeld so hohe Wellen geschlagen wie «Brokeback Mountain». Vordergründig verdankt er dies simplem Kalkül: Hollywood, zwei sich liebende Männer, die Wildnis - eine aufregende Mischung für die einen, müde Ikonografie für die andern. Auf diesem schmalen Grat wandert auch die Erzählung: Zwei junge Männer aus ärmlichen Verhältnissen verdienen sich etwas Geld, indem sie den Sommer über eine Schafherde in den Bergen von Wyoming hüten, das Ganze spielt in den sechziger Jahren. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die nach der anfänglichen Unbeschwertheit problematische Züge annimmt. Die jungen Männer trennen sich, heiraten und sehen sich nun nur noch selten - heimlich beim «Fischen». Doch dieser Film kann mehr, als er auf den ersten Blick verrät.

Über die gradlinige Erzählung hinaus glänzt «Brokeback Mountain» vor allem durch seine unprätentiöse Machart. Dieser Film entwaffnet und legt die Gefühle blank. Der in Taiwan aufgewachsene Regisseur Ang Lee erweist sich einmal mehr als präziser Beobachter kultureller Vorstellungen der AmerikanerInnen und weiss diese geschickt um eine Aussenseitergeschichte zu ergänzen. Mit Flanellhemden, Schafgeruch, Dosenfutter, Lagerfeuer und Countrymusik verführt uns Lee in die bekannte (Werbe-)Welt von Männerabenteuer, in die sich fast nebenbei eine Liebesgeschichte einnistet. Der gemächliche Rhythmus, eine ausgereifte Visualität und eine Bergkulisse von epischem Ausmass ziehen unweigerlich in den Bann. Die Schauspielkunst befindet sich auf dem hohen Niveau des Understatements. Gesprochen wird nicht viel, einfache Gesten bringen alles auf den Punkt und bescheren wahrlich ergreifende Momente: Nachdem die beiden Männer die Schafe ihrem Ranger übergeben haben und sich damit ihre Wege trennen, sehen wir, wie der eine hinter ein Haus zurücktritt und heftig schluchzend innehält. Ein Mann, der um einen anderen Mann weint, und dies am staubigen Strassenrand - ein Bild spricht Bände. Im zweiten Kapitel nimmt das melodramatische Handwerk überhand: Die Vorstadtgemeinschaft - und damit das darin vorherrschende, gewöhnliche Familienglück - erweist sich für beide als überlebensnotwendig, lässt aber immer stärker eine schmerzliche Entfremdung anwachsen. Wir sehen zwei mit ihren Gefühlen ringende Männer, von denen wir überzeugt sind, dass sie zusammengehören, die den Weg aber zueinander nicht mehr finden können. «Brokeback Mountain» ist keine beissende Kritik an unterdrückenden Verhältnissen, der Film ist überhaupt nicht revolutionär, sondern eine verstörend schöne schwule Liebesgeschichte. Aber vielleicht ist es gerade dieses raffiniert einfache Register, das eine so ungeheure wie umstrittene Wirkung entfaltet.

Dass sich religiöse Kreise in den USA bedrängt fühlen, spricht für den Film. Interessanter ist die Frage, für wen eigentlich dieser Film spricht. Politisch engagierte Schwule zeigen Mühe mit Lees humanistischer und melodramatischer Herangehensweise. Ihnen ist der Film einfach nicht schwul genug. Natürlich erzählt «Brokeback Mountain» nichts, was nicht schon vor Jahren hätte gesagt werden können - dazu noch völlig unkämpferisch. Mit einem fast nostalgisch anmutenden Ton ergreift er geschickt das Plädoyer für eine schwule Liebe, die ihre Reinheit vor der Identitätspolitik der siebziger Jahre bewahrt hat. Das ist pure sentimentale Politik, etwas, das unsere Herzen und nicht die Köpfe ansprechen soll. Aber sie erreicht wirkungsvoll das Publikum, welche das Gefühlsbad nötig hat: Einer von vielen Einträgen im Diskussionsforum der «Internet Movie Database» sticht mit seiner erschütternden Ehrlichkeit hervor: Er habe sich noch nie eingehend Gedanken zu diesem Thema gemacht, gesteht ein Diskussionsteilnehmer, doch der Film habe seine Sicht der Dinge für immer verändert. Alle seine Vorurteile seien wie weggefegt, und er habe, zutiefst ergriffen, die Liebe zwischen zwei Männern in ihrer ganzen Menschlichkeit erleben können.

Dies wiederum hat einige FilmkritikerInnen dazu verführt, in «Brokeback Mountain» gar nichts Schwules zu erkennen, sondern eine universale Liebesgeschichte. Ein heterosexistischer Schlag ins Gesicht aller, die sich endlich «ihre» Liebe auf der grossen Leinwand gönnen. Wenn universal, dann auch schwul - oder etwa nicht?

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