Nr. 08/2006 vom 23.02.2006

Ins Schlafzimmer trampen

Umweltverbundene Menschen lieben die sanfte Wintersportart. Doch mit dem Boom ist sie zum Problem geworden.

Von Bettina Dyttrich

26. Dezember 1998: Ein sonniger Wintertag auf dem Risipass, zwischen Schwägalp und Toggenburg. Im tiefen Schnee ist jeder Schritt anstrengend. Es ist still, kein Mensch ist anzutreffen. Nur einige wenige Skispuren führen ins Toggenburg.

5. Februar 2006: Ein sonniger Wintertag auf dem Risipass. Vom Toggenburg ist gerade eine grössere Gruppe aufgestiegen. Zwei Paare rasten auf dem Pass, verschiedene kleine Gruppen mit oder ohne Hund ziehen weiter auf den Stockberg. Ski- und SnowboardfahrerInnen starten auf beiden Seiten. Der ganze Berg ist mit Spuren übersät, einige von Skiern, die meisten von Schneeschuhen. Sie sind überall, auch im Wald. Viele Schneeschuhwandernde suchen sich ihren Weg möglichst dort, wo noch niemand durchgegangen ist.

Schneeschuhwandern ist beliebt. Und wird jedes Jahr beliebter. Noch vor ein paar Jahren waren die Schneeschuhwandernden eine auf fast schon mystische Weise naturverbundene Minderheit, die mit Verachtung auf PistenskifahrerInnen und Massenanlässe blickte. Inzwischen ist Schneeschuhwandern selbst zum Massenanlass geworden.

Auf der Suche nach der Einsamkeit dringen Schneeschuhwandernde immer tiefer in Gebiete vor, wo bisher im Winter Ruhe herrschte. Tourenskifahren wurde nie zum Massensport - zu hoch sind die Anforderungen an Kondition und Fahrtechnik. Das Wandern mit Schneeschuhen hingegen ist einfach zu lernen. Anders als SkitourengängerInnen mögen Schneeschuhwandernde vor allem voralpine Gebiete zwischen 1000 und 1600 Metern über Meer. Gerade diese sind besonders empfindlich. Denn in den Bergwäldern und an der Waldgrenze überwintern Gämsen, Rehe und Hirsche. Zu fressen gibt es wenig, und im hohen Schnee ist die Fortbewegung sehr Kräfte raubend. Ende Februar, Anfang März sind die Fettreserven der Tiere fast aufgebraucht. Wenn sie in dieser Zeit gestört werden und flüchten müssen, droht die völlige Erschöpfung, oft der Tod. Vor kurzem meldeten Wildhüter aus dem Jura eine Häufung von toten Gämsen. «Manche Tiere verhungern mit vollem Magen, weil sie durch die häufigen Fluchten mehr verbrauchen, als die karge Nahrung hergibt», sagt Reinhard Schnidrig, Leiter der Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). Der Wintersport abseits der Pisten sei verantwortlich für viele Todesfälle.

König ohne Land

«Im Jura und in den Voralpen ist Schneeschuhlaufen heute das grösste Problem für die Wildtiere», sagt Schnidrig. «Die Leute suchen unberührte, romantische Waldgebiete, wo es aussieht wie in Kanada. Genau dort leben die Birk- und Auerhühner. Die Ibergeregg im Kanton Schwyz zum Beispiel, einer der letzten grossen Auerhuhnlebensräume in den Zentralschweizer Voralpen, wird massiv vom Schneeschuhlaufen gestört.» Das Bafu verhandelt mit Kantonen und Gemeinden, um in solchen empfindlichen Gebieten den Wintersport einzuschränken und besser zu kanalisieren. «Aber der Bund ist ein ‹König ohne Land›. Das Land gehört den Kantonen und Gemeinden. Und dort gibt es oft Interessenkonflikte zwischen Naturschutz und Tourismus», sagt Schnidrig. «Wir können ja nicht einfach hingehen und Schneeschuhwege oder Ruhezonen markieren. Alle Grundbesitzer müssen einverstanden sein.»

Vielen Sporttreibenden ist das Problem offenbar nicht bewusst. Und auch Bücher helfen oft nicht weiter: Vor kurzem wies Pro Natura darauf hin, dass beliebte Schneeschuhbücher verbotene Touren in Wildschutzgebiete vorschlagen. «Schneeschuhläufer können die Probleme für Wildtiere nicht selbst einschätzen», sagt Urs Tester von Pro Natura. «Man kann nicht erwarten, dass jeder Schneeschuhläufer ein Biologiestudium absolviert. Deshalb braucht es gute Grundlagen für die Routenwahl.»

Gibt es solche Grundlagen? Der Schweizerische Alpen-Club SAC hat zusammen mit Pro Natura Regeln für einen umweltschonenden Wintersport erarbeitet: Wildschutzgebiete respektieren, Abend- und Nachttouren vermeiden, Hunde nicht frei laufen lassen, im Wald auf den Wegen bleiben, bestehenden Spuren folgen, Wildtieren ausweichen. Rund vierzig Tourenanbieter haben sich verpflichtet, diese Regeln einzuhalten. «Die Regeln bringen etwas, sie sind aber nicht ausreichend», sagt Urs Tester. «Es braucht Ruhegebiete, in denen die Freizeitaktivitäten so gelenkt sind, dass Wildtiere möglichst nicht gestört werden.» Ruhegebiete fordert auch Schnidrig: «Wir trampen den Tieren sozusagen dauernd in die Küche und ins Schlafzimmer. Besuch in der Küche ist noch erträglich, aber zumindest aus dem Schlafzimmer müssen wir wieder raus.»

«Die Wurzel allen Übels ist häufig die Erschliessung», so Schnidrig. «Zum Beispiel die Forststrassen. Ohne sie kämen die Leute gar nicht in abgelegene Gebiete. Wieso nicht hier und dort Forststrassen aufgeben und wieder zuwachsen lassen?» Vor allem im Alpenraum werden aber immer noch neue Forststrassen gebaut. Auch hier bestimmen die Regionen, der Bund kann allerdings über die Steuerung der Subventionen Einfluss nehmen.

Und die Moral des Ganzen? Die Menschen suchen am Wochenende die Natur, die ihnen im Alltag fehlt - und gefährden dabei, was sie suchen. Eigentlich ginge es darum, den Alltag zu verändern. Doch das wäre eine Grundsatzdiskussion.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch