Nr. 07/2007 vom 15.02.2007

Stresstherapie mit Säge

Ein moderner Forstbetrieb hat noch viel mehr zu tun, als nur Holz zu gewinnen. Vor allem wenn er seinen Wald mit Felswänden und Auerhühnern teilt. Ein Besuch im Staatswald Tössstock im hintersten Tösstal.

Von Bettina Dyttrich

Holz und Schuhe. Beides gibt es im Lenzen im Überfluss. Das Holz liegt draussen, säuberlich getrennt: grosse Bündel aus Buchenscheitern für Cheminées und Holzöfen. Regelmässige Fichtenstämme, die zu Bauholz werden sollen. Gegenüber ein wilder Haufen aus Ästen, knorrigen Stammteilen und Baumkronen: Energieholz, das in Form von Schnitzeln Heizenergie liefern wird.

Die Schuhe sind drinnen: hohe, schwere Holzerstiefel, die auch dann schützen, wenn die Motorsäge ausrutscht. Klobige Wanderschuhe, mit Zacken beschlagen, damit sie auch an den steilsten Hängen Halt bieten. Denn steil ist das Gelände hier rund um den Weiler Lenzen zuhinterst im Zürcher Tösstal. Holz und Schuhe gehören der Staatsförsterei Tössstock, die den grössten Staatswald des Kantons Zürich bewirtschaftet.

Holzen mit der Katze

Staatswald ist Wald in kantonalem Besitz, nicht zu verwechseln mit Bundeswald, der der Eidgenossenschaft gehört. Nur fünf Prozent des Schweizer Waldes sind Staatswald. Fast sechzig Prozent gehören Gemeinden, ein Viertel ist Privatbesitz. Förster Viktor Erzinger ist seit elf Jahren Betriebsleiter der Staatsförsterei Tössstock, ein freundlicher 45-Jähriger mit kurzen dunklen Haaren und offenem Gesicht. Er ist in der Gemeinde aufgewachsen, schon sein Vater war hier Förster. So kannte er seinen Wald gut, als er nach Forstwartslehre, Försterschule und einigen Jahren Berufserfahrung seine Stelle antrat.

In der gemütlichen Sitzecke, natürlich aus Holz, im Werkgebäude erklärt Viktor Erzinger seine Aufgaben. Neben Arbeiten im Wald gehören dazu auch die Führung des Betriebs mit vier Angestellten und drei Lehrlingen, Öffentlichkeitsarbeit wie Waldführungen, die Organisation des Unterhalts von Liegenschaften und Waldstrassen und vieles mehr. Als Förster im Staatswald ist Viktor Erzinger vom Kanton angestellt. Der Betriebsplan der Staatsförsterei ist direkt vom Schweizer Waldgesetz hergeleitet. Laut Waldgesetz hat der Wald Nutz-, Schutz- und Wohlfahrtsfunktionen. Zu Letzteren gehört alles, was mit Kultur, Erholung und Naturschutz zu tun hat. «Je nach Wald werden die Funktionen unterschiedlich gewichtet», sagt der Förster. «Bei uns sind ökologische Funktionen und Schutzfunktionen am wichtigsten. Überall dort, wo Häuser und Strassen unter steilen Hängen stehen, wurde Schutzwald ausgeschieden. Der wirtschaftliche Nutzen durch das Holz steht hingegen nicht im Vordergrund, bringt aber einen namhaften Deckungsbeitrag.»

Dann will uns Viktor Erzinger die Arbeit mit dem mobilen Seilkran zeigen, dem wichtigsten Hilfsmittel zum Holzen an diesen Steilhängen. Da im Staatswald gerade kein Seilkran in Betrieb ist, fahren wir in einen Privatwald oberhalb des Weilers Lipperschwändi. Die schmale Strasse windet sich durch den feuchten Wald, gefährlich nah an den Felswänden. Oben erreicht sie ein kleines Plateau mit einem Bauernhaus. Ganz in der Nähe ist ein Mobilseilkran mit Baggerprozessor von der Forstunternehmung Nüesch und Ammann aus Eschenbach im Einsatz. Der zehn Meter hohe Mast des Seilkrans steht auf einer fast flachen Wiese, mit Stahlseilen fixiert. Wie eine Seilbahn hat er ein Trag- und ein Zugseil. Seine Spezialität ist jedoch der funkgesteuerte Laufwagen, Katze genannt, der am Tragseil hängt, die Stämme packt und in die Höhe zieht. David Zwischenbrugger, ein ehemaliger Lehrling des Staatswaldes Tössstock, steht ausser Sichtweite im steilen Wald und befestigt die Stämme am Zugseil. Ruedi Strübi nimmt sie oben mit dem Hightechgreifkopf des Baggerprozessors in Empfang: Metallzähne packen zu, heben einen Stamm in die Höhe, er wird entastet, gemessen und in gleich lange Stücke zersägt - alles in wenigen Sekunden. Dann sortiert die Maschine die Stammteile: Rundholz für die Sägerei nach hinten, Äste und Reste auf die Energieholzbeige.

«Auch wir im Staatswald erledigen achtzig Prozent der Holzernte mit dem Seilkran», sagt Förster Viktor Erzinger. «Das ist umweltschonend - die schweren Maschinen bleiben auf den Strassen und belasten den Waldboden nicht - und effizient: Mit Seilkran und modernen Maschinen können wir fast kostendeckend arbeiten.» Der Holzpreis, hat Erzinger vorhin erklärt, sei extremen Schwankungen unterworfen: Nach dem Orkan Lothar im Dezember 1999 fielen die Preise in den Keller, weil auf einen Schlag viel zu viel Holz auf den Markt kam. Inzwischen sind sie wieder gestiegen: «Der Bauwirtschaft geht es gut, und sie braucht viel Holz. Heute ist Bauen mit Holz im Trend, es gibt moderne Holzarchitektur, und die technischen Möglichkeiten im Holzbau haben sich enorm entwickelt.» Auch das Energieholz boomt: «Die Nachfrage ist im letzten Jahr stark gestiegen. Immer mehr Anbieter wollen Strom aus erneuerbaren Quellen verkaufen. Mehrere grosse Holzschnitzelkraftwerke sind geplant.» Trotzdem werde der Staatswald Tössstock auch in Zukunft nicht «rentieren»: «Unser Wald erbringt bei richtiger Pflege andere, langfristige Leistungen wie Lebensraumaufwertungen für seltene Tiere und Pflanzen und Schutz vor Erosion und Überschwemmungen. Der Ertrag vermag die Kosten für unseren Aufwand nicht zu decken. Den Wald zu pflegen, ist jedoch günstiger, als teure Schwemmschäden zu flicken.»

Mehr Licht!

Auf der Strahlegg schneit es. Hier oben auf 1050 Metern über Meer stehen ein paar Häuser auf einem schmalen Wiesenstreifen. Darunter auch eine kleine Gesamtschule, das höchstgelegene Schulhaus des Kantons. Die Kinder toben gerade im Schnee. Rundherum ist steiler Wald, immer wieder von kleinen Felswänden unterbrochen. Irgendwo tief unten fliesst, von hier nicht zu sehen, die Töss. Ihre vielen Quellen liegen in diesem grossen Wald, der grösstenteils zum Staatswald Tössstock gehört. Erzinger zeigt hinüber zum Gegenhang unter dem 1232 Meter hohen Hüttchopf: «Dort ist ein Waldreservat, in dem wir gar nichts machen.» Wer genau hinschaut, sieht, dass der Wald dort dichter und dunkler ist als in den bewirtschafteten Abschnitten daneben. Warum dieses Waldreservat? «Der Anteil an alten Bäumen und Totholz ist darin höher, davon profitieren zum Beispiel Spechte und verschiedene Käfersorten. Grundsätzlich bringen lichte Wälder der Natur mehr. In ihnen fällt mehr Licht auf den Boden. Dadurch können viele seltene Pflanzen wachsen, zum Beispiel Orchideen. Mehr Kräuter auf dem Boden geben Rehen, Hirschen und Gämsen mehr Nahrung, sodass sie die Jungbäume weniger verbeissen. Und auch die seltenen Auerhühner sind auf lichte Wälder angewiesen.» Nicht mehr Bäume pflanzen, sondern mehr fällen ist also das ökologische Gebot. «Jedes Jahr wachsen bei uns 5500 Kubikmeter Holz nach. In den letzten zwanzig Jahren wurden durchschnittlich aber nur 3000 Kubikmeter pro Jahr gefällt. Der Wald wurde also immer dichter und dunkler. Um lichte Wälder zu erreichen, müssen wir in den nächsten Jahren 8000 Kubikmeter pro Jahr schlagen.»

Wir fahren tiefer in den Wald hinein. Immer wieder weist der Förster auf Ergebnisse seiner Arbeit hin: «Hier haben wir gezielt unterhalb der kleinen Felswände geholzt, damit mehr Sonne auf die Felsen fällt und mehr Kräuter wachsen. Es sieht auch für die Wanderer schöner aus. - Hier haben wir Fichten gefällt und Weisstannen stehen lassen. Sie sind die wichtigste Baumart dieser Höhenstufe. Die Auerhühner brauchen sie als Schlafbäume und ernähren sich im Winter von ihren Nadeln.» Eine Gämse rast vor uns über die Waldstrasse und verschwindet in der Tiefe.

Verrücktes Klima, saurer Regen

Auf dem Rückweg ins Tal, vom Schnee zurück in den Matsch, erzählt Viktor Erzinger von den Ausbildungsgrundsätzen der Staatsförsterei: «Wir achten darauf, dass wir Lehrlinge aus der Gegend ausbilden. Viele von ihnen sind auf Bauernhöfen aufgewachsen, zu denen Waldflächen gehören. Sie werden hoffentlich später in ihrem Wald ökologisch und sicher holzen, wie sie es bei uns gelernt haben.» Die gefährliche

Arbeit an den Steilhängen und mit den Maschinen sicher zu organisieren, liegt Erzinger am Herzen: Die Staatsförsterei hat 2005 die Auszeichnung «Vorbildlicher Forstbetrieb» der Suva gewonnen. Die Sicherheit in den Privatwäldern sei hingegen immer noch ein Problem. «Forstwart lernen ist am Anfang sehr hart - ich bin in der Lehre mehrmals im Ausgang eingeschlafen. Aber bei uns haben in den letzten Jahren alle die Lehre abgeschlossen.»

Heute schneit es zwar - aber auch im Tösstal spielt das Klima verrückt. Der einst beliebte Skilift von Steg war diesen Winter noch keinen einzigen Tag in Betrieb. «Der Wald ist heute im Dauerstress», sagt Erzinger. «Wenn es nie richtig kalt wird, können sich die Bäume nicht ausruhen. Hitzesommer mit Trockenheit sind auch sehr anstrengend für die Bäume und erhöhen das Risiko von Käferbefall. Und die Übersäuerung des Bodens ist weiterhin ein Problem, auch wenn niemand mehr vom sauren Regen spricht.» Langfristig sind im Wald Vegetationsveränderungen zu erwarten - heutige Baumarten werden verdrängt, andere wandern ein. «Doch wie diese Veränderungen vor sich gehen, ob graduell oder mit einem Zusammenbruch des heutigen Waldes, wissen wir nicht.»

Viktor Erzinger propagiert erneuerbare Energien wie Holzenergie, auch wenn sie nie für alle Heizungen reichen wird. Er befürwortet massiv höhere Benzinpreise und fährt mit dem Zug zur Arbeit. «Im Wald sehe ich, dass alles ein Kreislauf ist. Die Schadstoffe, die wir produzieren, werden wir nicht mehr los. Die heutige Bewirtschaftung der Erde muss unsern Kindern zuliebe wieder nachhaltig werden.»

Der Staatswald Tössstock

Der Staatswald Tössstock ist 740 Hektar gross und liegt im Quellgebiet der Töss im Zürcher Oberland, an der Grenze zum Toggenburg. Die wichtigsten Baumarten sind Fichte (31 Prozent), Weisstanne (30 Prozent) und Rotbuche (23 Prozent). Die Staatsförsterei Tössstock unter der Leitung von Viktor Erzinger beschäftigt zurzeit vier Forstwarte und bildet drei Forstwartlehrlinge aus.

Lieber abhauen als verrotten lassen

Bäume pflanzen! Mit diesem Appell endet der Klimafilm «An Inconvenient Truth» von Al Gore, dem früheren US-Vizepräsidenten und Präsidentschaftskandidaten von 2000. Auch Bundesrat Moritz Leuenberger schwärmte am Weltklimagipfel von Nairobi vergangenen November vom Bäumepflanzen, und der englische Rockstar Thom Yorke liess sich ausrechnen, wie viele Bäume nötig wären, um den CO2-Ausstoss einer Tournee seiner Band Radiohead zu kompensieren. Sind Bäume und Wälder eine Wunderwaffe im Kampf gegen die Klimaerwärmung?

Leider nicht. Bäume sind wie alle Pflanzen in den sogenannten Kohlenstoffkreislauf eingebunden: Sie nehmen CO2 (Kohlendioxid) aus der Luft auf und bauen den darin enthaltenen Kohlenstoff in ihre Zellen ein. Dadurch wird das CO2 der Luft entzogen - jedoch nicht für immer: Wenn der Baum stirbt und verrottet, wird die gleiche Menge CO2 wieder freigesetzt. Ein ausgewachsener, ungenutzter Wald setzt gleich viel CO2 frei, wie er aufnimmt. Global nimmt die Waldfläche jedes Jahr um 0,2 Prozent ab. In der Schweiz hingegen wächst sie jährlich um 0,4 Prozent. Auch im bestehenden Wald wachsen mehr Bäume nach, als gefällt werden. Dieses zusätzliche Wachstum bindet tatsächlich mehr CO2, allerdings nur für einige Jahre. Und es hat ökologische Nachteile: Der neue Wald wächst auf ehemaligen Landwirtschaftsflächen im Berggebiet, deren Artenvielfalt sehr gross ist (siehe WOZ Nr. 41/06). Und das Wachstum in bestehenden Wäldern führt dazu, dass sie dichter und dunkler werden - auch das ist ein Verlust für die Artenvielfalt.

Das Kiotoprotokoll gibt Staaten die Möglichkeit, sich sogenannte Senken an die Klimabilanz anrechnen zu lassen. Eine Senke ist zum Beispiel ein junger Wald, der mehr CO2 aufnimmt, als er abgibt. Die Schweiz könnte also einen Teil ihrer Reduktionsziele mit den wachsenden Wäldern statt mit sinkendem CO2-Ausstoss erreichen. Senken werden jedoch das Klima nicht retten: Wir verbrauchen die fossilen Brennstoffe heute 400 Mal schneller, als die Pflanzen, die für ihre Entstehung nötig waren, zum Wachsen brauchten. Auch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) kritisiert die Senkenpolitik: «Die Senkenleistung des Schweizer Waldes ist zeitlich begrenzt, lässt sich nur mit beträchtlichem Aufwand berechnen und ist mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. (...) Stürme, Trockenheit, Waldbrände oder Borkenkäferepidemien können die Senkenwirkung reduzieren oder sogar dazu führen, dass der Wald zu einer (CO2-)Quelle wird.» Der Schwerpunkt solle «in einer nachhaltigen Waldnutzung liegen, das heisst in der Förderung des klimafreundlichen Energieträgers und Baustoffes Holz», schreibt das Bafu. Denn CO2 wird beim Verrotten wie beim Verbrennen gleichermassen frei - in einem Holzkraftwerk wird wenigstens noch Energie produziert. Noch klimafreundlicher ist die Verwendung von Holz beim Hausbau oder der Herstellung von Gebrauchsgegenständen: Das CO2 bleibt so viel länger gebunden. Aktiver Klimaschutz heisst in der Schweiz also: Mehr Bäume fällen, mehr Holz nutzen.

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