Nr. 24/2007 vom 14.06.2007

Frau Biber ist der Boss

«Biber, Wolf und Wachtelkönig» porträtiert engagiert und anschaulich Schweizer Wildtiere.

Von Bettina Dyttrich

Ein wichtiger Schritt in der Zusammenarbeit der Staaten war die Berner Konvention von 1979, das Abkommen über den Schutz der europäischen Wildpflanzen und -tiere. Die Schweiz gehört zu den Gründungsmitgliedern, inzwischen haben fast fünfzig Staaten die Konvention unterzeichnet.

1989 hat der ständige Ausschuss der Berner Konvention das Smaragd-Programm lanciert. Es soll grenzübergreifend die Lebensräume bedrohter Arten schützen. Jeder Staat trägt für eine Anzahl Arten besondere Verantwortung, weil ein wichtiger Teil ihres Verbreitungsgebietes innerhalb seiner Grenzen liegt oder weil - bei Vögeln - ein bedeutender Teil des Bestandes darin brütet oder überwintert. So verbringen zum Beispiel achtzig Prozent der Kolbenenten Westeuropas den Winter an Schweizer Seen, deshalb ist diese Ente ein Schweizer Smaragd-Vogel.

Bauch an Bauch

In der Schweiz ist das Smaragd-Programm wenig bekannt. Ein neues Buch könnte das jedoch ändern. «Biber, Wolf und Wachtelkönig» stellt neun Säugetiere und vierzehn Vögel vor, für die die Schweiz Verantwortung trägt. Hansjakob Baumgartners anschauliche Texte und die schönen Fotos bringen die vorgestellten Tiere den LeserInnen so nahe, als wären sie persönliche Bekannte.

Wir erfahren zum Beispiel, dass im Biberbau das Matriarchat gilt und Biber ein fast menschliches Liebesleben pflegen: «Sanft berühren sie sich mit der Schnauze, stossen dabei murmelnde und fast klagende Laute aus, ähnlich dem leisen Schrei neugeborener Biber. Danach dreht sich eines der Tiere seitwärts auf den Rücken.

In einer für Säugetiere ungewöhnlichen Position - Bauch an Bauch - erfolgt die Begattung. Sie dauert manchmal mehrere Minuten.» Mauerläufer hingegen, die Felsvögel, die mit ihren leuchtend roten Flügeln wie Riesenschmetterlinge aussehen, neigen - ebenfalls recht menschenähnlich - zu Ehekrach: «Balz und Paarung gleichen einer in aller Knappheit vollstreckten ehelichen Pflicht. Meist geht dem Ganzen noch ein Gezänke voraus.»

Vorsicht beim Schneeschuhlaufen

Noch viel mehr gibt es in diesem Buch zu lernen: wie das Konzept «Bär Schweiz» einen Schadbären von einem Problembären unterscheidet, dass das Ausrotten des Fischotters früher per Gesetz vorgeschrieben war, was den Wanderfalken mit der Basler Chemieindustrie verbindet oder warum ausgerechnet der Wachtelkönig, der fast alles frisst, zu den bedrohtesten Vögeln Europas gehört.

LeserInnen von Baumgartners Buch sollten in Zukunft beim Schneeschuhlaufen nicht mehr quer durch den Wald trampen, weil sie wissen, dass das das Birkhuhn stört. Im Sommer nehmen sie beim Baden hoffentlich Rücksicht auf den Flussuferläufer, und bei der Renovation von alten Gebäuden achten sie vielleicht darauf, dass das grosse Mausohr und andere Fledermäuse freien Flug in den Dachstock haben. Doch individuelles Verhalten genügt nicht: Die entscheidenden Instrumente zur Durchsetzung des Smaragd-Programms liegen ider Politik, in der Raumplanung und im Einrichten von Schutzgebieten. Während es in den der EU mit dem Schutzgebietssystem Natura 2000 verbindliche Richtlinien gibt, hinkt die Schweiz hinterher. Im Herbst 2006 hat das Bundesamt für Umwelt (Bafu) die Verantwortung für das Smaragd-Programm den Kantonen übertragen. Sie sollen für das Programm zwar Gelder aus dem Neuen Finanzausgleich brauchen können. Doch beschleunigen wird das die Umsetzung sicher nicht.

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