Nr. 08/2006 vom 23.02.2006

Keulen auf Vorrat

Niemand wird sich hierzulande an der Seuche anstecken. Für die Biobranche aber dürfte sie verheerende Auswirkungen haben.

Von Susan Boos

Die KonsumentenschützerInnen grummeln: Lang würden sie nicht dulden, dass Freiland als Freiland verkauft würde, obwohl es gar kein Freiland mehr ist. Doch die Biobauern haben keine Wahl: Sie müssen seit Anfang dieser Woche ihr Federvieh wieder einsperren - unbefristet. Und sie tun es ohne Murren. Denn mehr noch als die Vogelgrippe fürchten sie die KonsumentInnen. Das Zürcher Cateringunternehmen SV Group, das über 300 Betriebe beliefert, hat zum Beispiel bereits Geflügelfleisch aus den Hauptmenüs gestrichen. Die Grossverteiler sagen, die Absätze in den letzten Tagen seien stabil. Sobald aber hierzulande der erste Vogelgrippefall auftritt, dürfte das Geflügelgeschäft einbrechen.

Um die KonsumentInnen bei Laune zu halten, werden auf der deutschen Ostseeinsel Rügen - wo zwei Dutzend infizierte Wildvögel gefunden wurden - 10 000 Stück gesundes Federvieh geschlachtet. Nur der Deutsche Tierschutzbund opponiert: «Massenkeulung von gesunden Tieren darf es nicht geben. Dieser brutale und der Gefahrenlage nicht angemessene Umgang mit den Tieren darf keine Schule machen.»

Das Ende der Freilandhaltung?

Den Schweizer Bio-Organisationen graut es vor dem, was auf sie zukommt. Die Theorie besagt: Zugvögel übertragen das Virus; da es in den Nachbarländern schon gefunden wurde, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es unsere Geflügelbestände heimsucht. Noch konnte allerdings niemand beweisen, dass die kranken Tiere wirklich über Wildvögel angesteckt wurden. Als das Virus erstmals in Nigeria auftrat, glaubte man den Beweis zu haben. Das Problem war nur: Die ersten infizierten Bestände waren Grossfarmen, die weitab von den Winterquartieren der Zugvögel lagen. Zurzeit wird in Nigeria die industrielle Geflügelzucht aufgebaut, jährlich importiert das Land über eine Million Küken aus Ländern wie der Türkei, aber auch aus China. Es ist also gut möglich, dass der Mensch die Seuche mit den Küken nach Nigeria brachte.

Bei der Vogelgrippe geht es nicht nur um Seuchenbekämpfung, sondern auch um die Geflügelindustrie. Beides tangiert die Schweiz. Die Seuche könnte es schaffen, eine ganze Branche umzuwälzen: Die Freilandhaltung wird diskreditiert und die Massenhaltung als Lösung propagiert. Denn die Zugvogelthese suggeriert, dass in den nächsten Jahren Eier- und Hühnerfleischproduktion nur in geschlossenen Gebäuden sicher vonstatten gehen kann. Das stimmt zwar nachweislich nicht, da in Asien verschiedentlich geschlossene Hightechbetriebe von der Vogelgrippe heimgesucht wurden. Aber es klingt so logisch, dass man kaum dagegen argumentieren kann. Für die Schweiz könnte es bedeuten: Das Geflügel darf übers Jahr gesehen nur noch zwei, drei Monate ins Freie, weil in den restlichen Monaten Zugvögel unterwegs sind.

Die Nutztierschutzorganisation Kagfreiland hat letzte Woche versucht, die Problematik anzusprechen und verlangte eine «langfristige Strategie im Umgang mit der Vogelgrippe». Was könnte das heissen? Kagfreiland-Geschäftsleiter Roman Weibel: «Genau können wir das auch noch nicht sagen, im Moment gibt es vier Möglichkeiten: Präventive Impfung, resistente Rassen suchen, Risikogebiete ausscheiden oder lernen, damit zu leben.»

Umstrittene Impfung

Kagfreiland, BioSuisse («Knospe»), aber auch der Schweizer Tierschutz und das Bundesamt für Veterinärwesen (Bvet) stehen einer Impfung kritisch gegenüber. Geimpfte Tiere könnten trotzdem erkranken und das Virus weiterverbreiten, ohne dass man es bemerken würde. Die Impfstoffe, die im Moment im Gespräch sind, basieren auf gentechnologischen Verfahren - was auch nicht zu Biohühnern passen würde. Zudem fürchten ProduzentInnen wie Labelorganisationen, die KonsumentInnen würden schlecht auf die Impfung reagieren und kein Geflügel mehr kaufen. Ein berechtigter Einwand. Allerdings werden heute schon alle Lege- und Masthennen gegen diverse Viruserkrankungen geimpft, auch Biohühner - nur hat das die KonsumentInnen bislang nicht gekümmert.

Interessanterweise werden die Hühner der Organisation Pro Specie Rara, die sich um den Erhalt alter Nutztierrassen kümmert, nicht geimpft. Es gibt noch drei alte Schweizer Hühnerrassen (Spitzhaubenhuhn, Barthuhn, Schweizer Huhn), die vorwiegend dezentral und in kleinen Gruppen gezüchtet werden, weshalb die Impfungen weder nötig noch ökonomisch sinnvoll sind. Denn die Impfungen haben auch mit der Massenhaltung zu tun: Wenn ein Küken in einem Stall mit tausenden anderen Küken erkrankt, steckt es sofort alle an - der ganze Stall muss geräumt werden, der finanzielle Ausfall ist gravierend.

Gäbe es alte Rassen, die vogelgrippe-resistent sind? «Es wäre verwegen, wenn ich behaupten würde, es gebe eine», sagt Philippe Ammann, Tierexperte bei Pro Specie Rara: «Aber wenn man intensiv sucht, könnte man vielleicht eine finden.» Nur rentieren diese Hühner nicht. Ein modernes Hochleistungshuhn muss 320 Eier im Jahr legen. Das alte Schweizer Huhn schafft nur 160 bis 170.

Risikogebiete ausscheiden

Das resistente Huhn wäre also nicht wettbewerbsfähig. Was ist mit der Strategie «Risikogebiete ausscheiden»? Dazu braucht es eine verstärkte Überwachung der Wildvögel, was das Bundesamt für Veterinärwesen im Moment anstrebt, um einen Ausbruch möglichst früh zu erkennen. Danach könnte man das betroffene Gebiet absperren. Die Schweiz ist jedoch so kleinräumig und hat so viele Gewässer, dass dies äusserst schwierig werden dürfte.

Bleibt noch der letzte Vorschlag: Lernen, mit der Vogelgrippe zu leben - wie man auch gelernt hat, mit anderen Tierseuchen zu leben. Menschen dürften hierzulande ohnehin nicht Gefahr laufen, sich mit dem Virus anzustecken, da nur Fachleute mit Geflügel in Kontakt kommen; im Gegensatz zu Asien oder Afrika, wo die Bevölkerung eng mit Hühnern und Enten zusammenlebt.

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