Nr. 09/2006 vom 02.03.2006

Das Kadaknath-Huhn und die Zwangsschlachtung

Die Vogelgrippe hat ein Massenelend verursacht - unter den Menschen.

Von Joseph Keve

Offenbar braucht es jeweils eine Katastrophe, bis die Menschen und vor allem die PolitikerInnen ihre Lage und ihr Tun überdenken. Erst nach drei Erdbeben haben die Staaten des indischen Subkontinents begriffen, dass sie sich auf fragilem Boden befinden. Es benötigte einen Tsunami, bis Gesellschaften merkten, dass sie trotz aller technischen Fortschritte mit der Natur zu rechnen haben.

Und nun macht die Vogelgrippe, die seit zwei Wochen die indischen Bundesstaaten Maharashtra und Gujarat heimsucht, vielen Menschen klar, dass sie mit ihrer Massentierhaltung ein Einfallstor für das H5N1-Virus bieten - und dafür von eben jenen Behörden bestraft werden, die die Kommerzialisierung der Hühnerzucht seit Jahren vorantreiben. Gewiss: Die für Menschen noch nicht gefährliche Vogelgrippe hat ursächlich mit Tierhaltung nichts zu tun. Aber: Je mehr anfällige Tiere zusammengepfercht werden, desto schneller verbreitet sich das Virus - und desto verheerender sind die Folgen für die in diesem Geschäftszweig beschäftigten Menschen.

In Indien ist die Hühnerzucht in den letzten Jahrzehnten zu einer mächtigen Industrie herangewachsen. Das Land exportiert Hühnerfleisch in über zwanzig andere Staaten und ist der fünftgrösste Eierproduzent der Welt. Zehntausende verdienen mit der Aufzucht und dem Handel von Hühnerfleisch ihren Lebensunterhalt. In der Stadt Navapur im Grenzgebiet von Maharashtra und Gujarat hängt sogar der Lebensunterhalt von zwei Dritteln der Bevölkerung von dieser Branche ab. Viele KleinbäuerInnen haben aufgrund der Dürre, die das Grossstauprojekt des Narmada-Flusses regelmässig hervorruft, ihre Subsistenzwirtschaft aufgeben müssen. Die Stadt mit ihren rund 150 000 EinwohnerInnen hatte - wenn überhaupt - bisher nur für negative Schlagzeilen gesorgt: Tod durch Unterernährung, immer wieder religiöse Konflikte, Wassermangel. Nur die rund fünfzig grossen Hühnerfarmen schienen Erfolg zu versprechen. Bis vor zwei Wochen. Dann aber tauchten VeterinärInnen auf und in ihrem Gefolge Medienleute und PolitikerInnen wie Vilasrao Deshmukh, Chefminister von Maharashtra, der das Gebiet vom Helikopter aus inspizierte und das Keulen von einer halben Million Hühner anordnete. Seither haben in Navapur tausende kein Einkommen mehr.

Dass die zahllosen Geflügelfarmen im Land unter oft schmutzigsten Bedingungen hunderte von Millionen Hühner besonders anfälliger Sorten züchten, ist Ergebnis einer Politik, in der nur das Geld zählt. Über Jahrhunderte hinweg gab es in Indien eine Vielfalt an traditionellen Enten-, Truthahn-, Hühner- und anderen Hausvogelarten. In den letzten drei Jahrzehnten zwangen die Regierungen die Landbevölkerung jedoch, «leistungsfähigere» und «zuchtgeeignetere» exotische Sorten zu akzeptieren. Die Veterinärabteilungen vieler Behörden verlangten von den KleinbäuerInnen sogar, dass sie alle Hausvögel herkömmlicher Art töten - erst dann würde ihr Antrag auf staatliche Unterstützung bearbeitet.

Auf diese Weise verschwanden viele Tiere, darunter auch das Kadaknath-Huhn. Früher galt diese Sorte mit ihrem schwarzen Gefieder, ihrer schwarzen Haut und ihrem schwarzem Fleisch als Delikatesse. Das Kadaknath-Huhn ist seuchenresistent, passt sich den extremsten Verhältnissen an und war bei den britischen Kolonialherren und den ehemaligen indischen Fürsten ausserordentlich beliebt - auch weil ihm Heilkräfte zugeschrieben werden. Heute gibt es in ganz Indien weniger als 2500 Exemplare. Sechs Jahre lang habe ich in halb Indien nach Eiern dieser Sorte gesucht, mittlerweile scharren elf Kadaknath-Hühner auf meiner Wiese, und Leute reisen von weit her an, um mir ein paar Eier abzukaufen. Vielleicht steht morgen aber auch schon ein Beamter vor dem Gatter, der mir die Tötung auch der anderen traditionellen und bislang krankheitsresistenten Hühner-, Enten- und Geflügelarten auf dem Hof befiehlt, weil die Seuche näher rückt.

Die Massenschlachtungen und die Hysterie, die derzeit in Indien herrscht, erhöhen das soziale Gefälle. Angesichts der Ungewissheit wachsen Einfluss und Profit von privaten Forschungslabors und Pharma-Unternehmen, die immer mehr Aufträge zugeschanzt bekommen. Die grossen kapitalorientierten Geflügelfarmen sind versichert und erhalten Schadenersatz. VeterinärInnen spekulieren auf höher dotierte Posten. Auf der Strecke bleiben die Lohnabhängigen der Mastunternehmer. Und die Landbevölkerung. «Sie haben alle meine Vögel getötet», sagt der Kleinbauer Ram Dothre in Navapur. «Ich glaube nicht, dass ich die mir zugesicherte Entschädigung erhalte. Die Beamten sind heute da, aber sie verschwinden morgen wieder. Und mit ihnen verschwindet auch meine Existenzgrundlage.»

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