Nr. 10/2006 vom 09.03.2006

Moslig, die Metropole

Kommen bald Weltmeister aus einem Voralpendorf mit 2900 EinwohnerInnen? Die Trainingshalle liegt nicht weit entfernt von der Kirche - und die steht noch im Dorf.

Von Steffen Lindig, Mosnang

Einer der zwei Mosliger Spieler gestikuliert heftig und redet auf den Schiedsrichter ein. Aus den dünnen Reihen der ZuschauerInnen kommen erregte Zurufe. Es geht heiss zu im Spiel Mosnang gegen Winterthur im Cupfinal der Schweizer Radballer in der Schulsporthalle Mosnang. 4:3 steht es für Mosnang. Mit dem Penalty, den Spieler und die Mehrheit des Publikums fordern, wäre die Entscheidung wohl zugunsten der Mosliger gefallen. Der Ref lässt sich aber nicht umstimmen. Ein paar Minuten später wieder das gleiche Drama, das sich diesmal fast bis zum Tumult steigert. Und wieder entscheidet der Ref gegen Mosnang. «Wissen Sie», flüstert ein Zuschauer nebenan, «der Grosse da drüben, der sich so lautstark für Winterthur einsetzt, das ist der Vater eines Winterthurer Spielers. Dazu ist er noch Funktionär im Hallenradsportverband.» Und nach einer Sekunde des Besinnens: «Auch im Radball ist leider nicht alles sauber.» Dann sagt er noch leiser: «Aber Vorsicht, die da links mit dem langen Mantel, das ist seine Frau.»

Knallende Räder

Mit Mosnang und Winterthur stehen sich zwei alte Rivalen im Cupfinal gegenüber, in dem die fünf Finalisten zum Saisonende noch einmal alle gegen alle spielen. Etwa 150 ZuschauerInnen sitzen und stehen in der Halle, hinter den Goals sind sie durch ein Netz vor dem Ball geschützt. Die beiden Mannschaften, gebildet aus je zwei Spielern, schenken sich nichts. Hin und wieder dröhnt dumpf eine Pauke, und dazu tönt es schrill: «Moslig! Moslig! Moslig!» Drücken mit dem Ellenbogen, Tritte gegen das Rad des Gegenspielers, Festhalten und Sperren. Der Schiedsrichter wirkt überfordert. Es klirrt metallisch, wenn die Räder gegeneinander knallen. Verliert ein Spieler im Gerangel das Gleichgewicht und landet mit einem Fuss auf dem Boden, muss er den Regeln entsprechend sofort hinter die Auslinie seines Goals fahren und ist in dieser Zeit nicht spielberechtigt. Ist die andere Mannschaft in Ballbesitz, ermöglicht dieser Moment der Überzahl eine gute Angriffschance. Nach schnellen Sprints den Aussenlinien entlang können die Spieler nicht mehr abbremsen und lassen sich samt Rad über die hölzerne Abgrenzung am Spielfeldrand fallen. Die Atemstösse der vier Sportler sind bis in die hintersten Zuschauerreihen zu hören.

Ein Mosliger Spieler bleibt benommen am Boden liegen. Der Schiedsrichter unterbricht das Spiel. «Radball ist in den letzten Jahren athletischer geworden. Es ist viel mehr Tempo im Spiel. Da braucht es manchmal nur wenig, und man fliegt etwas unsanft, aber wir haben eigentlich nur wenige Verletzungen. Alle haben von klein auf gelernt, vom Rad zu fallen», sagt Ruedi Artho, der Präsident des Mosliger Radballvereins. Nach ein paar Minuten kann das Spiel fortgesetzt werden.

Die Spieler sind mit ihren Rädern - die Bezeichnung Velo ist unter Radballern verpönt - wie verwachsen. Sie stehen in den Pedalen, können vorwärts und rückwärts fahren oder nach Belieben still stehen und aus dem Stand Sprünge in alle Richtungen machen. Die Räder haben keinen Leerlauf und keine Bremsen, gebremst wird mit einem blockierenden Druck auf die Pedalen. Das Kettenblatt an der Tretkurbel hat nur 24 Zähne, hinten sind es 22. Die niedrige Übersetzung ermöglicht schnelle, überraschende Sprints auf dem nur vierzehn Meter langen und elf Meter breiten Feld. Mit kurzen Bewegungen des Vorderrads dribbeln die Spieler mit dem Ball, können ihn auch mit dem Hinterrad annehmen und mit einer kräftigen Drehung des Lenkers zu einem präzisen Schlag ausholen. Eine perfekte Symbiose zwischen Mensch und Maschine. Umso beschämender erscheinen die eigenen tapsigen Versuche, mit dem Velo bei Rot stillzustehen, ohne die Füsse von den Pedalen zu nehmen.

Radball wird traditionell nur in Tschechien, Österreich, Deutschland und der Schweiz gespielt. An den jährlichen Weltmeisterschaften machen diese vier den Titel unter sich aus. «In Belgien, Frankreich, in der Türkei und in einigen osteuropäischen Ländern und neuerdings in Japan und in Fernost gibt es unseren Sport auch noch. Aber die stehen erst am Anfang», sagt Ruedi Artho. Es fällt auf, dass dieser Randsport meist in kleinen Ortschaften beheimatet ist, in der Schweiz zum Beispiel in Bassersdorf, Oftringen, Sirnach, Altdorf oder eben in Mosnang, deren Radballvereine heute zusammen mit Winterthur den Final bestreiten. «In Österreich und in Deutschland ist das auch so», sagt Artho. Aber die MosligerInnen selber zeigen zumindest heute wenig Verbundenheit mit ihrem Radballverein und sind zu Hause geblieben. Die wenigen ZuschauerInnen sind Teil der verstreuten Schweizer Radballszene, die eine Art Familienfest unter sich begehen.

5:4 für Winterthur steht es eine Minute vor Schluss. Ein Winterthurer kommt vor dem leeren Mosliger Goal frei zum Schuss, zielt präzis - aber der Mosliger, der eben noch am Boden lag, sprintet wie wahnsinnig los, wirft sich mit seinem Rad durch die Luft, erwischt mit einem gewaltigen Hechter den Ball und geht mitsamt dem Goal, das nicht verankert ist, zu Boden. Es bleibt beim 5:4, damit haben die Mosliger keine Chancen mehr auf den Gewinn des Cups, den sich Altdorf vor Winterthur holt. Mosnang wird mit viel Glück Dritter.

Oberhänsli, Meile, Osterwalder

2900 EinwohnerInnen, davon 2400 katholisch, die CVP besetzt sechs von sieben Exekutivsitzen. «Damit ist sie allerdings etwas übervertreten», sagt Gemeindepräsident Bernhard Graf. 54 AusländerInnen wohnen im Dorf, die Arbeitslosigkeit liegt unter einem Prozent. Ein paar Kilometer abseits vom Untertoggenburger Talboden im Kanton St. Gallen liegt Mosnang auf 735 Meter Höhe. Aber im Dorf sagt niemand den offiziellen Namen Mosnang, hier heisst es Moslig. «Bodenständig, bäuerlich, verlässlich, traditionell», sei die Bevölkerung, so Graf. «Wir haben schöne Wanderrouten, ein paar Bergbeizli und den 300 Meter langen Skilift Hochwacht, an dem die Mosligerin Maria Walliser in ihrer Kindheit Skifahren gelernt hat.» Im Dorfzentrum mit dem beeindruckenden romanischen Kirchturm und seinem Barockhelm obendrauf zeigt ein freundlicher Jogger den Weg zur Trainingshalle der Mosliger Radballer. Gegründet 1925 als «All Heil Mosnang», ist der RMV, der Rad- und Motorfahrverein, seit den fünfziger Jahren eine der feinsten Adressen im Schweizer Radball. Mit Spielernamen wie Oberhänsli, Meile, Osterwalder, Schönenberger und Schneider, die den Verein fast dynastisch begleiten, holte sich Mosnang dutzende von Meistertiteln in allen Kategorien.

Ein paar Schüler kurven mit dem Ball um eng gestellte Töggeli. Lukas Schönenberger, das ist der Spieler, der die unglaubliche Parade in der Schlussminute im Cupfinal geleistet hat, schaut nach dem Rechten und korrigiert hier und da. «Wir sind breit abgestützt und haben verschiedene Mannschaften bei den Schülern und Junioren, in der ersten Liga und den Nationalligen A und B. Insgesamt spielen neunzehn Mosliger Mannschaften.» An der hinteren Hallenwand hängen und stehen etwa fünfzig Räder mit ihren steilen Lenkern und den Stangen überm Hinterrad, an denen ganz hinten der Sattel befestigt ist. Die Räder müssen besonders stabil sein und wiegen je nach Ausführung bis zu zwanzig Kilogramm. Ein Vereinsmitglied macht sich an einer Werkbank an einem Rad zu schaffen. «2500 Franken kostet so ein Rad. Die älteren Räder stammen noch von einem Schweizer Hersteller. Der hat inzwischen aufgegeben. Jetzt kommen die Räder meistens aus Tschechien.»

Brüderliche Mannschaften

Lukas Schönenberger, 21, und Daniel Schneider, 22, bilden die erfolgreichere der beiden Mannschaften des RMV Mosnang in der Nationalliga A. Lukas ist von Beruf Plattenleger und hilft manchmal mit auf dem Bauernhof seiner Familie, wo er auch wohnt. «Mich muss man runterholen, wenn ich allzu übermütig bin. Bei mir muss der Sport auch Spass bringen.» Daniel will sich zum Physiotherapeuten ausbilden lassen. Sein Vater ist Schulabwart im Dorf. «Ich bin eher der Typ, der analysiert und das Spiel liest», sagt er. Lukas übernimmt die Rolle des Angreifers, sprintet gern nach vorn oder stört das Spiel der gegnerischen Mannschaft. Daniel spielt im Goal und versucht, seinen Mitspieler aus der Defensive mit genauen Pässen anzuspielen.

Etwa als Zehnjährige haben beide mit dem Radball angefangen. Der frühe Beginn sei von Vorteil, sagen sie, weil sich so das Gefühl für ihr Sportgerät am besten entwickeln könne. Sie spielen erst seit zwei Jahren zusammen und haben sich von ihren früheren Spielpartnern getrennt, was ihnen nicht leicht gefallen ist. Aber die Auffassungen über das Training passten nicht mehr zusammen. «Auch sonst sind wir nicht mehr so gut ausgekommen.» Oft bilden Brüder eine Mannschaft; die amtierenden deutschen Weltmeister sind Zwillingsbrüder. «Sogar im Ausgang sind wir meistens zusammen.» Mit Ausnahme der jetzigen Fasnacht «läuft nicht viel hier oben».

Der Verein zahlt ihnen die Räder und die Fahrten zu den Spielen, ein Sponsor sorgt für ihre Sportkleidung. Lukas zeigt seinen vom Sturz im Spiel gegen Winterthur immer noch geschwollenen Ellenbogen: «Schleimbeutelentzündung. Schon das zweite Mal in diesem Jahr. Wahrscheinlich muss ich mich operieren lassen.»

Im ersten gemeinsamen Jahr in der Nationalliga A wurden sie Zweite, jetzt Dritte. Dreimal wöchentlich ist Training, davon einmal Konditionstraining. Dazu kommen noch die Spiele an den Wochenenden. Es passiert ihnen leider immer wieder, dass sie in Rückstand geraten und erst richtig aufwachen und loslegen, wenn der Gegner schon ein paar Goals gemacht hat. «Vielleicht brauchen wir irgendwann mal mentales Training», meint Daniel. Aber eins ist klar: Sie wollen bald Schweizer Meister werden und dann schauen, was für sie an den jährlich stattfindenden Weltmeisterschaften drin liegt.

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