Nr. 48/2016 vom 01.12.2016

Trick me, baby, one more time

Etrit Hasler fragt sich, ob Fairness im Sport überbewertet ist

Von Etrit Hasler

Es wird aktuell viel über Fairness im Sport gesprochen. Der «Blick» fährt seine x-te Kampagne zum «Basel-Bonus», also zur These, dass die Schiedsrichter den FC Basel milder bewerten als andere Fussballklubs. Und natürlich zum damit impliziten Vorwurf, der reiche Serienmeister kaufe sich Schiedsrichter. Ausnahmsweise belegt das Boulevardblatt seine Behauptungen sogar mit Zahlen (zur Verfügung gestellt von leading-sport.com, einem Portal mit dem Motto «Sport ist unsere Passion, das politisch Korrekte unsere Abneigung») – dass der FC Basel im Schnitt nämlich 11,38 Fouls begehen darf, bis die Schiedsrichter eine Karte zücken. Bei anderen Vereinen sei das schon nach 5 Fouls der Fall. Ein Skandal. Oder so. Wobei, wie Sepp Blatter immer so schön sagte, ein bisschen Ungerechtigkeit zum Fussball einfach dazugehört. Das gibt Emotionen. Und böse Briefe an die Schiris.

Viel unfairer gehts anscheinend in der Formel 1 zu. Im letzten Rennen der soeben beendeten Weltmeisterschaft bremste der in Führung liegende Lewis Hamilton absichtlich ab in der vagen Hoffnung, sein direkt hinter ihm fahrender Teamkollege Nico Rosberg könnte noch von einem Konkurrenten überholt werden. Dies hätte dazu geführt, dass Hamilton im Gesamtklassement Rosberg noch überholt hätte. Da in der Formel 1 eben nicht die Fahrer, sondern die Teamchefs die Entscheidungen treffen, riskiert Hamilton nun eine Sperre oder gar eine Auflösung des Vertrags, denn: «Es kann nicht jeder machen, wozu er lustig ist, und Anarchie walten lassen», wie sich der Motorsportchef des Mercedes-Teams zitieren liess.

In den USA, dem Land der unbegrenzten Unfairness, Verzeihung, Millionen illegaler WählerInnenstimmen, Verzeihung, unbeschränkten Falschmeldungen, kursiert derzeit die Geschichte über den «Manhattan Bandit» – einen Highschoolläufer, der bei diversen Rennen über 800 Meter betrogen hatte, indem er in der ersten Runde am Rand stehen blieb und wartete, bis das Feld wieder bei ihm war. Also der alte Trick, bei dem man sich im Turnunterricht hinter einem Baum versteckt – aber das bei einem echten Rennen. Nachdem er das erste Mal bei einem Rennen aufgeflogen war, weil er seine Bestzeit verdächtig verbessert hatte, tauchten plötzlich Bilder und Videos von diversen Rennen auf, die ihn mit derselben Masche zeigen. Weil der Betrug so dreist ist und sich niemand so richtig zu erklären vermag, wie er mit diesem simplen Trick so lange davongekommen ist, wird der Manhattan Bandit in den sozialen Medien beinahe als Held, aber zumindest als bewundernswertes Schlitzohr gefeiert.

Die Masche ist natürlich nicht ganz neu: Die Siegerin des 1980er Boston-Marathons, die kubanische Läuferin Rosie Ruiz, flog mit derselben Masche auf, nachdem zwei Studenten aufgefallen war, dass sie aus den ZuschauerInnen zurück ins Feld gelaufen war. Im Rahmen der Untersuchungen stellte sich heraus, dass sie beim Qualifikationslauf in New York zwischendurch die U-Bahn genommen hatte, anstatt selber zu rennen.

Wobei die schönsten Betrüger natürlich jene sind, die selber betrogen werden. Bei den Paralympics in Sydney 2000 wurde dem spanischen Basketballteam in der Kategorie der intellektuellen Beeinträchtigungen der Titel aberkannt, nachdem herausgekommen war, dass der spanische Verband «normale» Athleten als Behinderte ausgegeben hatte, um damit mehr Medaillen zu gewinnen. Die Geschichte kam heraus, weil sich einer der angeworbenen Athleten, Carlos Ribagorda, als Undercoverjournalist herausstellte. Er berichtete unter anderem, der Coach hätte seine Spieler im Final gegen China angewiesen, «einen Gang herunterzuschalten, damit sie nicht auffliegen». Die Konsequenz war leider nicht nur, dass die Spanier ihre Medaillen zurückgeben mussten – aus Angst vor weiteren BetrügerInnen wurde gleich die ganze Kategorie der intellektuellen Beeinträchtigungen abgeschafft.

Etrit Hasler schummelt nie, schliesslich ist er Kantonsrat.

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