Nr. 12/2006 vom 23.03.2006

Osteuropäisch

Von Christian Koller

Wie kam es, dass schweizerische Turnlehrer Ende des 19. Jahrhunderts den Fussball nach Bulgarien exportierten? Warum demonstrierten in Budapest nach dem WM-Final von 1954 aufgebrachte Menschen gegen die kommunistische Regierung? Und weshalb hat der Frauenfussball im Russland der neunziger Jahre einen gewaltigen Aufschwung genommen? Die Neuerscheinung «Überall ist der Ball rund. Zur Geschichte und Gegenwart des Fussballs in Ost- und Südosteuropa» gibt Antworten.

Ein erster Abschnitt schildert die Entstehung und Entwicklung des Fussballs im ausgehenden Zarenreich und in der Sowjetunion bis ins Jahr 1960, als die «sbornaja» - die Nationalelf - den erstmals ausgespielten Europacup der Nationen zu gewinnen vermochte. Ein spezieller Beitrag widmet sich dabei der Geschichte von Dynamo Kiew zwischen 1923 und 1989 und der Ära des legendären Trainers Valerij Lobanowski, der neben Dynamo auch die sowjetische und dann die ukrainische Nationalmannschaft trainierte.

Ein informativer Artikel behandelt die Entwicklung des russischen Frauenfussballs, dessen Anfänge bereits in den letzten Jahren vor Beginn des Ersten Weltkriegs liegen. Auch in den ersten Jahren der Sowjetunion waren Frauen im Fussball präsent. Dies änderte sich indessen schon Mitte der zwanziger Jahre, als das avantgardistische Klima zunehmend wieder traditionelleren Vorstellungen von der Rolle der Geschlechter wich. Erst in den sechziger Jahren kam es - zeitgleich zum Westen - zu einer Renaissance des sowjetischen Frauenfussballs, die jedoch 1973 abgewürgt wurde. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entfaltete sich dann in Russland ein eigentlicher, bis heute anhaltender Boom, der offenbar paradoxerweise damit zusammenhängt, dass gerade wegen der stärker hierarchisierten Geschlechterordnung der russische Frauenfussball nicht in den «Verdacht» des Emanzipatorischen geriet und ihm deswegen von der Männerwelt weniger Steine in den Weg gelegt wurden als in Westeuropa.

Der nächste Block widmet sich dem tschechoslowakischen Fussball. In der Zwischenkriegszeit wurde der dortige Fussball politisiert - sowohl in der tschechoslowakischen Republik als auch im «Reichsprotektorat» Böhmen-Mähren, in dem die deutschen Besatzer schwankten zwischen der Furcht vor nationalistischen Manifestationen gegen die Nazis im Umfeld von Fussballspielen und der Versuchung, den Sport zur Entpolitisierung der Massen zu instrumentalisieren.

Die jüngere Fussballgeschichte Jugoslawiens nahm politische Entwicklungen vorweg: In den Stadien wurden entsprechende Namen und Parolen skandiert. Weitere Beiträge behandeln die «goldenen Zeiten» des rumänischen, ungarischen und polnischen Fussballs. Der rumänische Fussball hatte sein «legendäres Jahrzehnt» in den dreissiger Jahren. Die ungarische Nationalmannschaft erlebte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg einen kometenhaften Aufstieg, gewann das Olympische Fussballturnier von 1952, fegte im Jahr darauf England im Wembley-Stadion mit 6:3 vom Felde und blieb zwischen 1950 und 1954 in 32 Länderspielen unbesiegt. Kein Wunder, dass die kommunistischen Machthaber dieses Team für ihre propagandistischen Ziele zu vereinnahmen versuchten. Dies rächte sich allerdings, als die ungarische Siegesserie im Sommer 1954 ausgerechnet im wichtigsten Spiel abbrach, im WM-Final im Berner Wankdorf. Daraufhin kam es in Budapest und anderswo zu Ausschreitungen, die rasch in regimefeindliche Demonstrationen umschlugen und einen Vorgeschmack auf den Volksaufstand von 1956 gaben. Der polnische Fussball erlebte sein «Goldenes Zeitalter» in den siebziger Jahren. Es endete an der WM 1982, als die polnische Nationalmannschaft vor dem Hintergrund des Kriegsrechts in der Zwischenrunde die Sowjetunion ausschaltete und zum zweiten Mal nach 1974 den dritten Platz erreichte.

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