Nr. 14/2006 vom 06.04.2006

Nach uns die Sintflut

Der Merowe-Staudamm im Nordsudan ist eine ökologische und soziale Zeitbombe. Darin sind sich Fachleute einig. Die beteiligten Unternehmen - darunter auch ABB - drücken sich um ihre Verantwortung.

Von Markus Spörndli

«Alles wird schlecht gemacht», ruft Egon Failer ins Telefon. Der Bereichsleiter Wasserkraft der Lahmeyer International GmbH fühlt sich missverstanden und ist empört. Der Grund: Eine Studie des ETH-Forschungszentrums für Wasser und Gewässer (Eawag) und ein Bericht der US-amerikanischen Umweltorganisation International Rivers Network (IRN) kritisieren das deutsche Ingenieur- und Beratungsunternehmen scharf. Es missachte beim Bau des Merowe-Staudamms im Nordsudan minimale, international gängige Umwelt- und Sozialstandards. Failer sieht das anders: Solche Berichte könne nur jemand schreiben, der noch nie vor Ort gewesen sei und keine Ahnung von Energiewirtschaft habe: «Die Vorwürfe stimmen nicht, sie stimmen einfach nicht!»

Doch entgegen Failers Behauptungen waren ExpertInnen von Eawag und IRN in den letzten Monaten vor Ort in den trockenen Ebenen, die den Nil 800 Kilometer nördlich von Khartum umgeben. Dort wird seit Ende 2003 an einem 67 Meter hohen Damm gebaut, der den Hauptarm des Nils zu einem bis zu 200 Kilometer langen See stauen und die Stromproduktion im Sudan beinahe verdoppeln wird. Das Projekt mit einem budgetierten Investitionsvolumen von 1,2 Milliarden US-Dollar soll zwischen 2007 und 2008 fertig gestellt sein und soll Strom für die sudanesischen Städte liefern. Die Hauptinvestoren sind neben der sudanesischen Regierung die China Export Import Bank und verschiedene arabische Entwicklungsfonds. Der Merowe-Staudamm wird mehrheitlich von chinesischen Unternehmen gebaut. Die deutsche Lahmeyer International leitet als Generalunternehmen die Dammkonstruktion; die französische Alstom liefert elektromechanische Anlagen. Schliesslich ist auch die ABB beteiligt: ABB (Schweiz) installiert Schaltanlagen im Wert von vierzig Millionen Franken, ABB (Deutschland) ist im Freileitungsbereich mit einem Volumen von siebzehn Millionen Franken beteiligt.

Mickriger Bericht

Zur Pflicht des Generalunternehmens gehört es nicht zuletzt, in der Planungsphase eines Projektes eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorzunehmen, die auch soziale und archäologische Aspekte mit einschliesst. Entgegen internationalen Standards für solche Studien fertigte Lahmeyer International die Umweltverträglichkeitsprüfung gleich selber an, anstatt dafür eine unabhängige Organisation wie beispielsweise die Eawag zu beauftragen. Zudem hielt die Firma ihren Bericht lange Zeit unter Verschluss, anstatt den Dialog mit Fachleuten und Betroffenen zu suchen. So erstaunt es wenig, dass der dünne Bericht Probleme, die in der Vergangenheit in ähnlichen Projekten auftauchten, ignoriert. Das jedenfalls kritisiert Bernhard Wehrli vom Eawag, der mit zwei Koautoren ein unabhängiges Zweitgutachten erstellte. Dies geschah auf Anregung des IRN, das für ein Fünftel der Kosten aufkommt. In der soeben veröffentlichten Studie kommen die Autoren zum Schluss, dass der Staudamm nach heutigem Wissensstand zu schwerwiegenden Umweltproblemen führen dürfte, die Lahmeyer ignoriere oder durch vage Zusatzkonstruktionen lösen wolle.

Ein grosses Problem sieht die Eawag-Studie in den jährlich schätzungsweise 130 Millionen Tonnen Sediment - organische und mineralische Teilchen im Wasser -, die der Damm stauen wird. Dies werde einerseits die Lebensdauer des Damms deutlich verringern, andererseits die Bauern auf den Feldern unterhalb des Damms massiv schädigen, die auf das Sediment für die Düngung ihrer Felder angewiesen sind. Die Menschen, die traditionell den Nil entlang eine so genannte Überschwemmungslandwirtschaft betreiben, werden auch sonst die Leidtragenden des Projekts sein. Die Bäuerinnen nutzen die jährlich wiederkehrende Flut des Nils, um ihre Felder zu bewässern und zu düngen und danach zu bepflanzen. «Mit dem Damm werden die jährlichen Wasserstandsschwankungen nur noch minim sein», führt Bernhard Wehrli vom Eawag aus, «die tägliche Produktion von Spitzenstrom wird hingegen dazu führen, dass der Wasserspiegel täglich um etwa vier Meter schwankt.» Auf diese Weise wird die traditionelle Landwirtschaftsform verunmöglicht, das Leben entlang dem Nil überhaupt infrage gestellt und das fragile Ökosystem bedroht.

Da lässt sich Wehrli auch von den vagen Plänen nicht beruhigen, denen zufolge mit dem Damm etwa neun Prozent des Nilwassers für Bewässerungsprojekte abgezweigt werden: «Grosse Bewässerungsprojekte sind in der Vergangenheit oft gescheitert, weil die bewässerten Böden versalzten und die lokale Bevölkerung nicht ausgebildet wurde, die Projekte nachhaltig aufrechtzuerhalten.» Egon Failer von Lahmeyer International weist solche Vorwürfe weit von sich: «Hören Sie, das ist Clean Energy, Clean Energy. Und die Biomasse, die sich oben ablagert, wird einfach durch Flushing nach unten verlagert.» Für genauere Erklärungen hat der Manager keine Zeit («Na, Flushing eben ...»). Gemäss Bernhard Wehrli vom Eawag führt das Ingenieurunternehmen eine Reihe solcher technischer Lösungen auch in der Umweltverträglichkeitsprüfung nicht aus. Vor diesem Hintergrund wird gar die ansonsten als wenig zimperlich geltende Weltbank gerühmt. Immerhin verlangt sie gemäss Wehrli in den von ihr finanzierten Projekten Umweltverträglichkeitsprüfungen nach strengen Standards.

Ab in die Wüste

Vor einem Jahr besuchten VertreterInnen des IRN auch die Gebiete in der Nubischen Wüste, in die bereits ein Teil der insgesamt 50 000 Menschen aus dem fruchtbaren Niltal umgesiedelt wurde. «Wir mussten feststellen, dass die Betroffenen dort keine Lebensgrundlage haben», sagt Peter Bosshard vom IRN. Egon Failer ist anderer Meinung: «Ich war vor Ort. Ich kenne kein anderes Projekt in Afrika, wo so viel Geld eingesetzt wurde für die Umsiedlung der Bevölkerung. Die Jungen sahen das positiv und haben die Kompensation gerne genommen, nur die Alten waren etwas sturer.»

Und wie reagiert die ABB auf den Eawag-Bericht? Konzernsprecher Wolfram Eberhard beteuert, der Konzern sei derzeit dabei, die Studie zu prüfen. Eberhard betont gleichzeitig die kleine Rolle, die ABB im Projekt spiele: «Als Unterlieferant können wir nicht das Gesamtprojekt überblicken und verlassen uns auf die Einschätzung des Generalunternehmers.» In diesem Falle also Lahmeyer International. Ob man sich auf ein Unternehmen verlassen sollte, das vor wenigen Jahren von südafrikanischen Gerichten schuldig gesprochen wurde, den früheren Chef des Lesotho-Hochland-Wasserprojekts bestochen zu haben, um an Aufträge zu kommen? Peter Bosshard vom IRN findet die Haltung der ABB jedenfalls naiv.

Schliesslich kenne das Unternehmen die gängigen internationalen Standards und hätte auf den ersten Blick erkennen können, dass der Lahmeyer-Bericht diese bei weitem verfehle: «Die Blauäugigkeit von Firmen wie ABB erlaubt es Firmen wie Lahmeyer, Umweltverträglichkeitsprüfungen zur Farce zu machen - auf Kosten der Umwelt und der betroffenen Bevölkerung.»

Schon zu spät

Das Sudan-Engagement der ABB ist auch durch fünf US-amerikanische Pensionskassen, die ABB-Aktien halten, unter Druck geraten: Sie wollen nicht mit terroristischen Aktivitäten oder Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht werden. Die institutionellen Anleger, darunter die grösste öffentliche US-amerikanische Pensionskasse Calpers, kündigten an, ihre Beteiligung abzustossen, sollte ABB weiterhin im Sudan tätig bleiben. Laut ABB-Sprecher Wolfram Eberhard habe das Unternehmen daraufhin Amnesty International kontaktiert und den Rat bekommen, im Land zu bleiben, vorsichtig zu sein und den Dialog mit lokalen Interessengruppen zu suchen. Die VertreterInnen von IRN und Eawag wollen nicht ausschliessen, dass je nach Situation auch Grossprojekte sinnvoll sein können. «Man muss aber auf jeden Fall verhindern, alte Fehler zu wiederholen, und in Afrika gibt es leider mehr misslungene als erfolgreiche Staudammprojekte», sagt Bernhard Wehrli. «Wichtig wäre, zuerst gemeinsam mit den lokalen Betroffenen abzuklären, was für ein Projekt sinnvoll ist. Doch faktisch läuft es derzeit so, dass Grossprojekte von Anfang an gesetzt sind und von Regierungen und Investoren fast um jeden Preis realisiert werden.»

Chinesische Unternehmen expandieren derzeit aggressiv in Bergbau-, Erd-öl- und Wasserkraftprojekte in Afrika, Asien und Lateinamerika. Sie bauen schneller und um etwa ein Drittel billiger als ihre westlichen Rivalen, nehmen aber laut IRN keinerlei Rücksicht auf die Menschenrechte und die Umwelt. «Wir müssen alle Projekte, Firmen und Regierungen an denselben internationalen Minimalstandards messen», sagt Peter Bosshard. «Wenn ABB auf die gründliche Kritik von Eawag nicht reagiert, macht sie sich zur wissentlichen Komplizin im Trauerspiel um das Merowe-Projekt.» Dumm nur, dass die ABB ihre Aufträge im Projekt laut Konzernsprecher Eberhard bereits heute «weitgehend abgeschlossen» hat.

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