Nr. 16/2006 vom 20.04.2006

Gute Stimmung auf der Polizeiwache

Von Marcel Hänggi

Welch eine Überraschung: Da blättere ich alte WOZen durch, um unserer 25-Jahre-Serie Genüge zu tun, und finde in der Ausgabe des Jahres 1990 ein Foto von mir. Vollkommen unkenntlich bin ich da zwar, aber ich weiss, dieser schwarze Fleck, das war ich. Im Text bin ich auch erwähnt: «Die St. Galler Kantonspolizei versuchte zwar, ihre numerische Unterlegenheit durch ein brutaleres Vorgehen zu kompensieren und die BesetzerInnen mit Anzeigen wegen Nötigung und Hausfriedensbruch sowie Verhaftungen abzuschrecken (acht Personen wurden ins Bezirksgefängnis von Gossau SG abgeführt, sieben davon nach ein paar Stunden freigelassen, einer sass auch Mittwoch nachmittag noch).» Ich gehörte zu den sieben.

Ostern 1990: Oberhalb Gossau SG hatten die Bauarbeiten für den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen begonnen. ArmeegegnerInnen, aber auch ArmeebefürworterInnen, die sich vom Eidgenössischen Militärdepartement nicht mehr alles bieten lassen wollten, behinderten die Arbeiten von der ersten Minute an mit gewaltfreien Blockadeaktionen. Nach viel positivem Medienecho (hier gehörte die WOZ zum Mainstream) und einem grossartigen Osterfest erreichte der Widerstand seinen Höhepunkt: «Am Dienstag sassen frühmorgens um 7 Uhr 250 Leute auf den Zufahrtswegen, stoppten Lastwagen und Bagger und schoben gar einen kleinen Kipper wieder aus dem eingezäunten Bauplatz hinaus» - mit der genannten Verhaftung als Konsequenz. Eine lustige Geschichte übrigens: Wir wurden in die Zellen im obersten Geschoss der Polizeiwache Gossau gesperrt, aber eine Tür fiel nicht recht ins Schloss, wir konnten die Zellen verlassen, fanden ein Transistorradio und duschten im Wärterzimmer; die Polizei war ziemlich verdutzt, als sie uns fand. Die Stimmung war laut Hansueli Trüb, den die WOZ damals interviewte, «aufgestellt».

Später setzte die Polizei Beamte aus ferneren Kantonsteilen ein, weil einheimische PolizistInnen sich solidarisierten. Gummischrot wurde verschossen und, erstmals in der Schweiz, eine nach verbranntem Gummi stinkende, nicht aus den Haaren waschbare Flüssigkeit. Helikopter überflogen die Blockade (und wurden wiederum mit Luftballons blockiert ...). Grobes Geschütz - dabei wusste die Armee bereits, dass sie keinen Bedarf für einen zusätzlichen Waffenplatz hatte.

Man befürchtete ein neues Kaiseraugst. Doch die Armee konnte sich keine Niederlage leisten. Erst im November 1989 hatte sie einen grässlichen Pyrrhussieg erlitten: Die Armeeabschaffungsinitiative war verworfen worden, aber über ein Drittel der Stimmenden sagte Ja. Als heilige Kuh war die Armee tot.

Gegen den Waffenplatz wurde eine Initiative lanciert, zudem wenig später eine weitere gegen den Kauf neuer F/A-18-Kampfflugzeuge. Beide kamen 1993 am selben Sonntag zur Abstimmung, und beide drohten angenommen zu werden: Der fantasievolle Widerstand gegen den Waffenplatz hatte viel Sympathie geschaffen, die Stopp-F/A-18-InitiantInnen sammelten in nur drei Monaten eine Viertelmillion Unterschriften.

Das EMD gewann die Abstimmungen knapp - dank der ersten Kampagne, die vom Bundesrat (respektive von Militärminister Kaspar Villigers Berater Daniel Eckmann) als professionelle PR-Kampagne geführt worden war. Doch der Preis war hoch: Man brauchte als Verbündete die TraditionalistInnen. Dabei hatte die Armee nach dem Ende des Kalten Kriegs begonnen, sich neu zu orientieren: Die F/A-18 waren nur als Eintrittspreis in die Nato-Zusammenarbeit sinnvoll. Heute bereiten die TraditionalistInnen der Armeeführung mehr Bauchschmerzen als die armeekritische Linke.

Zehn Jahre später besuchte ich die Gegend wieder. Auf dem Weg zum Waffenplatz war ein Einfamilienhausquartier entstanden. Die militärischen Anlagen mit der Kaserne sind nicht halb so hässlich wie die Einfamilienhäuschen. Doch darum gings ja nicht. Es war ein symbolischer Kampf.

Das Interview mit Hansueli Trüb finden Sie hier: «... bis Villiger den Bau stoppt»

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