Nr. 18/2006 vom 04.05.2006

Ist man zu sensibel?

Interview Daniel Ryser

WOZ: Hans Fässler, Sie sind gerade aus Frankreich zurückgekommen.
Hans Fässler: Ich spazierte mit meiner Frau der Seine entlang, und die Polizei fischte eine Wasserleiche aus dem Fluss.

Das war in Paris?
Ja. Grund für den Besuch war mein Buch «Reise in Schwarz-Weiss», das die Verwicklungen der Schweiz in die Sklaverei aufzeigt. Es soll im April 2007 in Frankreich erscheinen. Ich wollte den Verleger kennen lernen. Und er mich. Der Verleger ist ein Journalist aus Kamerun, der in Paris lebt.

Der Zuger Nationalrat Jo Lang hat eine Interpellation eingereicht zum Thema «Die Schweiz und die Sklaverei». Er zitiert dabei Ihr Buch.
Es gab schon früher parlamentarische Vorstösse, von der grünen St. Galler Nationalrätin Pia Hollenstein zum Beispiel. Der Zeitpunkt für die Interpellation ist gut. Es gibt inzwischen drei Schweizer Bücher, die die Zusammenhänge der Schweiz mit der Sklaverei herausarbeiten. Man kann nicht mehr sagen, man wisse nicht so recht. Es gibt viele harte Fakten.

In Ihrem Buch steht, Frankreich müsste Haiti 21 Milliarden Franken Wiedergutmachung zahlen.
Historisch fände ich diese Zahlung richtig.

Wie realistisch ist sie?
So realistisch wie alle scheinbar verrückten Forderungen.

Vor kurzem haben Sie SVP-Nationalrat Toni Brunner aufgefordert, zum Thema Schweiz und Sklaverei nicht länger Unwahrheiten in Leserbriefen zu verbreiten und sich stattdessen auf einem Podium der Diskussion zu stellen. Was hat er gesagt?
Er liess ausrichten, er habe keine Zeit. Brunner drückt sich, wie er sich auch schon im Toggenburg um die Rassismusdebatte gedrückt hat.

Die «Weltwoche» schrieb im März in Bezug auf die Forderungen Haitis gegenüber Frankreich, es sei grotesk, wenn Urenkel für die Untaten ihrer Urahnen zahlen müssten. Eine Aufarbeitung der Geschichte bringe sowieso nichts, weil bei genauer Betrachtung klar werde, dass jede und jeder Dreck am Stecken habe.
Mit diesem Argument kann man überhaupt keine historische Debatte mehr führen. Ein St. Galler Künstler, den ich eigentlich sehr schätze, sagte damals in der Debatte um den Industriellenerben Flick und die Zwangsarbeiter: «Was soll das? Geld ist immer Blutgeld.» Damit tötet man jegliche politische Diskussion. Dieses Argument kommt vor allem dann, wenn einem eine Aufarbeitung nicht passt.

Was wollen Sie?
Dass man die Menschen ernst nimmt. In Paris traf ich eine Frau aus Martinique. Sie sagte: «Ich bin ein Möbel, ein bewegliches Gut.» Sie trug das Sklavereigesetz Frankreichs in der Tasche,das bis 1848 in den Kolonien galt. «Der Schwarze ist ein Möbel», steht dort. Die Betroffenheit der Nachkommen ist lebendig. Es geht darum, sie ernst zu nehmen. Das sagte ich auch Karl Güntzel.

Güntzel?
Ein St. Galler SVP-Kantonsrat. Aus Anlass des 200-Jahre-Jubiläums des Kantons St. Gallens führte ich vor drei Jahren das Kabarettprogramm «Louverture stirbt 1803» auf. Wie mein Buch befasste es sich unter anderem mit der Rolle von Ostschweizern im Sklavenhandel. Güntzel lancierte einen Vorstoss, ob die Regierung auch die Schlacht bei Vögelinsegg aufarbeiten lassen würde. Welch ein Ablenkungsmanöver.

Sie mussten einiges an Kritik einstecken.
In den achtziger Jahren war das wilder. Im Kantonsparlament sprangen mir die Bürgerlichen an die Gurgel. Ich hatte bei der Abstimmung um den Beitrag für das Frauenhaus einen Namensaufruf verlangt. Die Gegner samt Presse behaupteten dann, der Betrag sei nur deshalb abgelehnt worden, weil ich den Namensaufruf verlangt hatte. Eine Dolchstosslegende! Viele sind heute heftige Debatten nicht mehr gewohnt. Ich streite gern, ich bin nicht zimperlich. Das hat mich der St. Galler SP-Nationalrat Paul Rechsteiner gelehrt: Ehrverletzungsklagen im politischen Geschäft bringen nichts.

Ist man heute zu sensibel?
Die Linke ist zu defensiv. Und die Fixierung auf Blocher, die ist unsäglich. Das ist ein Politikersatz. Man findet Blocher das Letzte, das ist gratis. Der Rapper Stress sagte kürzlich: «Fuck Blocher». Jetzt macht er mit Toni Brunner in dieser Fussballreihe «Der Match» mit. Ich frage mich: Ist es so einfach? Auf wie vielen Hochzeiten kann man tanzen?

Hans Fässler ist Historiker und lebt in St. Gallen. 2005 erschien im Rotpunktverlag sein Buch «Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei».

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch