Nr. 19/2006 vom 11.05.2006

Fahren Sie heute Auto?

Interview Daniel Ryser

WOZ: Sie waren in der GSoA und gleichzeitig Füsilier. Was war besser?
Hans Fässler: Ich habe nicht gerne geschossen.

Nicht?
Sehe ich so aus? Nein. Aber es war mir auch nicht zuwider. Raketenrohr und Gewehrgranate und Handgranate – das musste ich alles machen.

Klebten Sie ein Peace-Zeichen auf ihr Rakrohr?
So offensiv waren wir nicht. Wir diskutierten und vertraten antimilitaristische Standpunkte. Das Militär war auch eine Weiterbildung. Vieles würde ich heute weniger verstehen, zum Beispiel Autoritäten, Hierarchien. Für einen Historiker ist ein Blick auf die Armee spannend. Die Welt besteht zu einem grossen Teil aus Armeen und Konflikten, Kriegen und Schiessen.

Soldat Fässler. Wo standen Sie in der Hierarchie?
Ich blieb Soldat. Das war immer klar. Offizier werden, das kam nicht infrage.

Bevor Sie sich intensiv mit der Sklaverei beschäftigten, widmeten Sie sich dem Auto.
Das war in den Achtzigern. Die Schweiz diskutierte Tempo 100 für die Autobahn. Dieser Vorschlag löste bei den Autofahrern und der Autolobby massive Proteste aus. Das habe ich nie verstanden. Wenn du hingehst und sagst, alle Bosse werden enteignet, oder es gibt ab sofort eine Erbschaftssteuer oder eine Reichtumssteuer, dann ist klar, dass die Leute auf die Barrikaden gehen. Da geht es um Besitz und Produktionsmittel, Fabrik und Boden. Aber ob 100 Kilometer pro Stunde oder 130?

Ihr Beitrag war ein Kabarettprogramm.
Inspiriert vom französischen Geschwindigkeitstheoretiker Paul Virilio machte ich mich an die Arbeit. Virilio ist ein grosser Denker, jedoch sehr kompliziert. Ich habe bis heute nur die 
Hälfte seiner Theorien verstanden. 
Diese eine Hälfte ist jedoch so gut, dass ich es aushalte, die andere nicht zu verstehen. Ich behandelte die Rolle der Autobahn und des Faschismus – Mussolini, Hitler, Autobahnbau. Und auch die Demokratisierung der Geschwindigkeit durch den Volkswagen. Das Stück hiess «Geschwindigkeit, Faschismus, Autobahn». Es wurde 1986 anlässlich der Eröffnung der St. Galler Stadtautobahn aufgeführt.

Eine schöne Eröffnung …
Die bürgerlichen Parteien waren bestürzt, der Zusammenhang zum Faschismus sei eine Beleidigung der Schweizer Autobahningenieure. Das Theater müsse sich entschuldigen, die SP sich von mir distanzieren.

Und heute fahren Sie Auto?
Das Billett habe ich seit dreissig Jahren. Ich war Taxifahrer in St. Gallen. Ich musste alle Hotels, Beizen und Ärzte der Stadt kennen.

Keine Notfälle?
Ich musste einmal Paola Felix ins Spital fahren. Aber zurück zu Ihrer Frage: Selbst hatte ich nie ein Auto.

Einer, der in seinen jungen Jahren Autos verabscheute, könnte nach gängigem Muster heute feurige Artikel für das Nummer-eins-Luxusgut Auto schreiben. Wie kippt man nicht auf die andere Seite?
Man muss es aushalten, nicht in zu sein. Vielleicht liegt es bei mir am Elternhaus. Ich bin prinzipientreu. Der Vater war Bauer, arbeitete dann in der Maestrani-Fabrik. Die Mutter war Diätköchin im Spital. Ich habe trotz Studium nie vergessen, wo ich herkomme. Es gibt ja zwei Arten zu kippen. Ich könnte plötzlich sagen, dass das Auto toll ist, ein Zeichen von Individualität, und nicht schädlich für die Umwelt. Irgendeine Studie liesse sich sicher finden, die behauptet, dass es die Eisenbahn ist, die schädlich ist. Die andere Art zu kippen bedeutet, Tabus auszuleben. Das hiesse dann im Chevrolet-Cabriolet durch St. Gallen zu fahren.

Eine schöne Vorstellung.
Als ich politisiert wurde, in den Siebzigern, war die Weltanschauung sehr streng. Es gab klare Prinzipien. Das klang so: Mode ist Scheisse. Schönheitskult ist Scheisse. Auto ist Scheisse. Sport ist Massenverdummung. Viele dieser Prinzipien waren etwas lebensfeindlich. Trotzdem hat es mich befremdet, wie schnell Prinzipien über den Haufen geworfen wurden. Es gab keine Trauerarbeit. Jetzt fährt man dicke Autos und raucht Zigarren wie die grössten Bourgeois, schwärmt vom Champions-League-Fussball, und hat Designermöbel.

Freuen Sie sich auf die WM?
Sie interessiert mich nicht. Auch das ist in der Linken plötzlich angesagt: Wer ist der grössere Fussballfan? Wer war es schon immer?

Die Linke lebt halt ...
Verweigerung auf Dauer ist anstrengend. Man gönnt sich wieder was.

Hans Fässler, Historiker, lebt in 
St. Gallen. 2005 erschien im Rotpunktverlag sein Buch «Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei».

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