Nr. 19/2006 vom 11.05.2006

Nahrungshilfe für Autos

Weil Erdöl knapp und teurer wird, drängen Motorfahrzeuge auf den Markt für Nahrungsmittel. Dieser verschärfte Wettbewerb kann für Hungernde tödlich enden. Der Bundesrat fördert diese Entwicklung mit Steuergeschenken.

Von Hanspeter Guggenbühl

Die Rechnung ist einfach, das Ergebnis eindrücklich: Ein Mensch verbraucht täglich 2700 Kilokalorien in Form von Nahrung. Das entspricht dem Energiegehalt von 0,3 Liter Benzin. Ein Auto, das pro Jahr 13 000 Kilometer zurücklegt, verbrennt pro Tag 3,0 Liter Benzin. Das Durchschnittsauto ist also zehnmal gefrässiger als der Mensch.

Die massigen, durchschnittlich 1,5 Tonnen schweren Mobile können ihren Energiehunger nur stillen, weil die Menschheit den Bodenschatz Erdöl hemmungslos plündert. Doch Erdöl wird allmählich knapp, und sein Marktpreis steigt. Darum suchen jene knapp zehn Prozent der Menschen, die heute weltweit Autos besitzen oder verkaufen wollen, nach Alternativen. Eine davon heisst Biotreibstoff. Dabei reicht die Palette vom Biogas, das aus Grünabfällen oder Fäkalien gewonnen wird, über Schlachtabfälle bis zum Ethanol (Alkohol), das die Produzenten aus Zuckerrohr oder Getreide destillieren.

Der Treibstoff aus Biomasse ist heute noch wesentlich teurer als jener aus Erdöl. Deshalb will der Bundesrat Biobenzin und Biodiesel von den Mineralölsteuern befreien und als Kompensation die Steuer pro Liter Benzin um wenige Rappen erhöhen. Dazu beantragt er jetzt dem Parlament eine Gesetzesänderung unter dem Titel «Steuerliche Förderung von umweltschonenden Treibstoffen». Das Parlament hat diese Revision mit einer Motion selber angeregt und wird ihr voraussichtlich zustimmen. Damit müssen AutomobilistInnen, die erneuerbare Energie in den Tank füllen, künftig nichts mehr an den Bau und Unterhalt der Strassen zahlen. Das Steuergeschenk dient in erster Linie dazu, den CO2-Ausstoss in der Schweiz zu senken, damit der Bund die Klimaziele des CO2-Gesetzes und Kioto-Protokolls bis 2010 erreichen kann. Denn Energie aus Biomasse gilt als CO2-neutral. Das trifft für den natürlichen Lebenszyklus von Pflanzen tatsächlich zu. Beispiel: Ein Baum wächst, nimmt CO2 auf, verfault oder wird verbrannt und gibt damit dieses CO2 wieder in die Atmosphäre ab.

Diese Bilanzierung ist jedoch unvollständig. Denn bei der Erzeugung von Nutzpflanzen wird - neben Sonnenenergie - fossile Energie für Kunstdünger, Landmaschinen und Verarbeitung eingesetzt. Das verschlechtert die Energie- und CO2-Bilanz. Studien zeigen, dass der Input an Fremdenergie je nach Pflanze und Produktionsform zuweilen grösser oder nur unwesentlich kleiner ist als die Energie, die Ethanol oder Biodiesel liefern. Deshalb gilt es zu unterscheiden: Biotreibstoff aus Rohstoffen wie Zuckerrohr, Mais, Raps oder Getreide ist energetisch und sozial problematischer als Bioenergie, die aus Abfällen wie Grüngut, Klärschlamm oder Jauche gewonnen wird.

Benzinplantagen im Ausland

Der Bundesrat aber differenziert nicht. Neben Biogas aus Grünabfällen, das in der Praxis schon heute steuerfrei ist, will er künftig auch Biotreibstoff aus pflanzlichen Rohstoffen aus dem In- und Ausland subventionieren. Seine Vorlage fördert damit vor allem den Import von Ethanol oder Rapsöl. Denn Benzingärten in der teuren und nur mässig fruchtbaren Schweiz können mit den Treibstoffäckern im Ausland nicht konkurrieren, räumt auch der Bundesrat in seiner Botschaft ein. Am ergiebigsten und billigsten unter den Biotreibstoffen ist

heute Ethanol aus Zuckerpflanzen. Schon 1973, als der Benzinpreis vorübergehend massiv stieg, begann Brasilien, Alkohol aus Zuckerrohr zu destillieren und dem Benzin beizumischen. Seither sind im Amazonasstaat tausende von Quadratkilometern Land, auf dem zuvor Grundnahrungsmittel oder Urwaldbäume wuchsen, zu Benzinplantagen umgepflügt worden. Und hunderttausende von Fahrzeugen, angetrieben von einem Gemisch aus Ethanol und fossilem Benzin, rollen heute an Millionen von mangelhaft ernährten BrasilianerInnen vorbei. Auch in den USA und in der EU wurden und werden immer mehr Nutzpflanzen in Biotreibstoff umgewandelt.

Verteilkampf am Futtertrog

Trotz dieser Anbauschlacht zugunsten der Mobilität vermögen Ethanol und Biodiesel heute nur 1,5 Prozent des globalen Treibstoffbedarfs zu decken. Und selbst wenn es der Agrarindustrie gelingen sollte, die landwirtschaftliche Produktion mit einem zusätzlichen Schub an Chemie und Gentechnik zu steigern, kann Biotreibstoff das Erdöl künftig nur zu einem Bruchteil ersetzen. Denn schon die heutigen rund 550 Millionen Autos auf diesem Planeten verbrauchen annähernd gleich viele Kalorien wie die 6,5 Milliarden Menschen. Derweil wächst der Autobestand unvermindert weiter. Die Erde vermag 6,5 Milliarden Menschen zu ernähren. Der Umstand, dass trotzdem viele Menschen hungern oder fehlernährt sind, ist weniger auf den globalen Mangel an Nahrung als auf die ungenügende Kaufkraft der Hungernden zurückzuführen. So fressen heute die Schweine und Rinder der Reichen einen Teil des Getreides, das sich die Armen nicht leisten können. Wenn nun die Schweiz der EU folgt und Biotreibstoffe aus Getreide, Mais oder Zuckerrohr finanziell fördert, verschärft sie den Verteilkampf zwischen Hungernden, SchweinehalterInnen und AutobesitzerInnen zusätzlich. Diesen Wettbewerb am Futtertrog werden die Hungernden gegen die kaufkräftigen AutobesitzerInnen verlieren. Todsicher.

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