Nr. 19/2006 vom 11.05.2006

Heteros im Federkleid

Welchen Beitrag leisten Schwule (und Lesben) zum kulturellen Mainstream?

Von Jen Haas

Schwul lässt sich momentan gut verkaufen. In der US-amerikanischen Fernsehshow «Queer Eye for the Straight Guy» (auf RTL: «Schwul macht cool») möbelt ein quirliges Team von Schwulen einen heterosexuellen Mann auf: Innendekorateure, Coiffeure, Modeberater und weitere Fachkräfte bringen den Durchschnittshetero auf Vordermann, ähnlich wie in «Pimp My Ride» auf MTV, wo ein schrottreifes Auto von schwarzen Mechanikern zu einer eindrücklichen Limousine «getuned» wird. Auf den ausgeleierten Motor drückt man ein funkelndes Chassis. «Queer Eye» ist zwar bloss eine durchschnittliche Vorher-Nachher-Show. Sie bedient jedoch schonungslos zwei kollektive Fantasien: In punkto Geschmack waren uns erstens die Schwulen schon immer voraus. Und die etwas angerostete Büchse ist zweitens nicht schrottreif: Der heterosexuelle Mann lässt sich noch ganz gut rausputzen, trotz ungepflegter Haare ist er kein Auslaufmodell. Das Resultat überzeugt alle: Die Schwulen haben ihren Beitrag zu einer schöneren Welt erfolgreich geleistet, und der Hetero glänzt im aufregend neuen Federkleid.

«Gay Chic» nennt die gleichnamige Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich dieses Phänomen. In fünf Themenbereiche unterteilt wird hier der Frage nachgegangen, inwiefern die Ästhetik einer schwulen (und beschränkt auch lesbischen) Subkultur nun mehrheitsfähig wird und Teile unseres Alltags ziert. Und in der Tat: Belege dafür lassen sich zuhauf finden, der schwule Schick hat sich fest in unser visuelles Repertoire eingenistet. Die Exponate sind entsprechend vielfältig, sorgfältig recherchiert und überzeugend zusammengestellt. So finden wir im ersten Block unter der Bezeichnung Mode eine ganze Reihe von Vorläufern eines Modetrends, der vor allem in Lesben- und Schwulenkreisen weiterverarbeitet worden ist: die burschikose Garçonne, wie sie von der Lesbenikone wie beispielsweise Marlene Dietrich verkörpert worden ist. Oder der wilde Marlon Brando, dessen Lederlook die Fantasien der Schwulen beflügelte. Solche Szenentrends nähren wiederum die Werbeindustrie. Anschaulich illustriert wird am Motiv des Matrosen, wie eine subkulturelle Vorstellung zum Werbeträger für zahlreiche Produkte wird. Die Werbung wird zum wesentlichen Promotor des Verspielten, wie immer wieder zum Ausdruck kommt, genauso übrigens wie die Partykultur, die Modeströmungen willig aufnimmt und weiterspinnt. Doch nicht überall lässt sich das Argument dieser Verflechtung gleich gut durchziehen: Die vor allem auf visuelle Evidenz setzende Ausstellung sucht unter dem Thema Popmusik nicht wirklich Musik, sondern ihre visuelle Entsprechung, die Bilder der Musikmagazine oder Plattencover. Anstelle des Films prangt das Filmplakat - wir sehen, dass «Gay Chic» in der scheinbaren Fülle eine enge, vor allem auf das stille Bild konzentrierte Auswahl trifft. Im Zeichen des betörenden visuellen Eindrucks steht auch die Ausstellungsarchitektur von Frédéric Dedelley. In Pastell- und Erdtönen gehaltene Bereiche ergänzen sich zu einem harmonischen Boudoir, das mit einer geschwungenen Spiegellounge zu einer Art räumlichem und auch selbstbezogenem Zentrum wird.

Die Ausstellung «Gay Chic» verkauft «schwul» gut, etwas zu gut. Mit ihrem vielseitigen Rahmenprogramm wird sie zu einer visuellen Bonbonschachtel, doch dabei bedienen sich die KuratorInnen Cynthia Gavranic und Urs Küenzi einer etwas fragwürdigen These: Gesellschaftliche Fortschritte und eine postmoderne Lust am Spiel mit den Geschlechterzeichen ermögliche, dass sich eine ursprünglich verpönte schwule und lesbische Ästhetik zu einem breiten, heterosexuellen Trend entwickle.

Zum einen schmeichelt das den Lesben und Schwulen über Gebühr. Nicht alles, was gay ist, zeichnet sich durch besondere ästhetische Kriterien aus. Den heterosexuellen Modetrend vor allem im Gay zu suchen, ist dann doch ein bisschen zu viel Gel im Haar. Gut, man hörts gerne, wird es dadurch aber wahrer? Während meines Coming-outs war ich erst einmal darüber bass erstaunt, wie schlecht und geschmacklos viele meiner neuen Bekanntschaften gekleidet waren - und bei manchen hat sich seitdem nicht viel geändert. Auch am anderen Ufer bestimmt der Durchschnitt den Alltag. Gay Chic ist weniger ein befreiender Lebensstil als eine schwule oder lesbische Notstandsästhetik. Man wird der homosexuellen Subkultur nicht gerecht, indem man sie nachträglich mit Glamour aufpeppt.

Zum anderen wird hier ein kultureller Transfer überbewertet: Hat man sich nämlich einmal darauf eingeschworen, lässt sich Gay Chic plötzlich überall finden. Doch nicht jeder Hang zur modischen Selbstinszenierung ist auf eine rebellische Geste zurückzuführen, wie mit dem Zusatz des Schwulen oder Lesbischen insinuiert wird. Vieles ist nicht lustvoll verspielt, sondern einfach ein banaler Zwang. Ein Beispiel: Ist das Epilieren der männlichen Brusthaare nun wirklich ein Spiel mit dem Femininen oder doch eher die klare Fortsetzung eines Schönheitsdiktats, das Feministinnen schon vor Jahren heftig diskutiert haben? Etiketten wie Gay Chic verleihen dieser Entwicklung einen etwas verdrehten Sinn, zumal dieser Begriff eine Wortschöpfung der AusstellungsmacherInnen selbst ist, der sich wie ein bereits etabliertes Schlagwort präsentiert. Gibts diesen Chic tatsächlich, oder wird hier vielmehr ein Phänomen museal produziert?

Gay Chic ist primär ein Thema von der und für die Konsumgüterindustrie und ihre Medien. Das zeigen eine Vielzahl von Exponaten wie auch die Medienpartnerschaften: Das Modemagazin «annabelle» hat zur Ausstellung eine 32-seitige Beilage zum Thema herausgegeben, die versucht, der Leserin einen unverkrampften Zugang zur Ausstellung zu verschaffen. Das ist nicht wirklich verwerflich, aber auch nicht ganz uneigennützig, verleiht es doch dem biederen Geschäft mit der jährlich wiederkehrenden Mode eine aufregende Note. Nach der Ausstellung bleibt die Frage, ob nun tatsächlich vieles ganz anders geworden ist - oder ob wir zukünftig einfach alle etwas schöner aussehen müssen.

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