Nr. 17/2010 vom 29.04.2010

Unerhörtes auf der Leinwand

Ich liebe dich» ist in Filmen mit homosexuellen ProtagonistInnen nur sehr selten zu hören. 
Warum eigentlich? Am schwul-lesbischen Filmfestival in Zürich und Frauenfeld gibt es Antworten.

Von Silvia Süess

Es können nur drei Worte sein oder eine ausschweifende Erläuterung, es kann im stillen Kämmerlein geschehen oder öffentlich, in Tränen enden oder in einer innigen Umarmung. Sicher ist eins: Eine Liebeserklärung ist keine einfache Sache. Man wagt sich in einen Zustand der existenziellen Ungewissheit: Wie wird die Antwort des Gegenübers sein? Wie wird die Beziehung von nun an weitergehen? Anders wird es auf jeden Fall werden.

Im Alltag sind wir selten ZeugInnen einer Liebeserklärung – es sei denn, sie betrifft uns selbst. Wie, wo oder wann eine Liebeserklärung gemacht werden soll, wissen wir vor allem aus der Fiktion – aus der Literatur oder dem Kino. Der Zürcher Filmwissenschaftler und Dozent Philipp Brunner hat sich für seine Dissertation «Konventionen eines Sternmoments. Die Liebeserklärung im Spielfilm» jahrelang mit dem Thema auseinandergesetzt. Er untersuchte zahlreiche Szenen aus dem westlichen Tonfilm – sowohl aus dem klassischen Kino wie auch dem Mainstreamfilm oder dem Art Cinema. Im letzten Kapitel widmet er sich den Liebeserklärungen unter Homosexuel-len im Film. Am schwul-lesbischen Filmfestival Pink Apple in Frauenfeld und Zürich 2010 hält Brunner einen Vortrag zum Thema und zeigt ergänzende Filmbeispiele.

Strategie der Vereinnahmung

Bei seinen Untersuchungen stellte Brunner fest, dass Liebeserklärungen unter Schwulen oder Lesben im Film kaum vorkommen. «Dass sich im Mainstreamkino kaum Schwule oder Lesben ihre Liebe eingestehen, erstaunt mich nicht», sagt Brunner, «denn die Filme sind für ein heterosexuelles Publikum gemacht und erzählen heterosexuelle Geschichten. Es gibt ja auch kaum homosexuelle Protagonisten in den mehrheitsfähigen Filmen.»

Wenn in einem Mainstream-Spielfilm einmal eine Liebeserklärung unter Homosexuellen gezeigt wird, endet sie meist glücklos. Homosexuelle Liebe entspricht nicht der Norm und ist somit in einer heteronormierten Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. An zwei Beispielen beschreibt Brunner anschaulich, wie die homosexuelle Liebe entweder als abnorm gezeigt wird («The Children’s Hour», USA 1961) oder die Filme die Strategie der Vereinnahmung propagieren: In «Making Love» (USA 1982) integriert eine heterosexuelle Mehrheit eine homosexuelle Minderheit nur unter der Bedingung, dass diese eine bürgerliche Lebensweise nach Vorbild der Heterosexuellen führt.

Dass Liebeserklärungen auch im Queer Cinema fehlen, hat Brunner jedoch überrascht, handelt es sich hier doch um Filme von Schwulen und Lesben für Schwule und Lesben. Das Queer Cinema ist in den achtziger Jahren aus der schwul-lesbischen Bewegung her-aus entstanden. Die Filme, die in diesem Umfeld gedreht wurden, haben eine starke sozialpolitische Dimension. Sie dienen politischen Zielen: Die FilmemacherInnen wollen gehört werden und sich eine Identität verschaffen. In diesem Zusammenhang entstanden vor allem Dokumentarfilme und konfrontative Spielfilme, jedoch kaum Liebesfilme – und somit gibt es dort auch keine Liebeserklärungen.

Wo gay nicht nur «good» ist

Das New Queer Cinema der neunziger Jahre schlug künstlerisch wie inhaltlich neue Wege ein: Gay ist hier nicht nur «good», es gibt in diesen Filmen auch unsympathische Schwule und Lesben. Doch auch hier fehlen die Liebesgeschichten. Eine Ausnahme, die Brunner in seinem Buch herauspickt, ist Gus Van Sants «My Own Private Idaho» (1991): In einer Nacht am Feuer unter freiem Himmel gesteht Mike (River Phoenix) Scott (Keanu Reeves) seine Liebe. Auch wenn Mikes Liebe nicht erwidert wird, sieht Brunner in dem Film einen Paradigmenwechsel: Nicht mehr die Homosexualität der Figur wird für das Scheitern der Liebe verantwortlich gemacht, sondern die Heteronormiertheit bürgerlicher Vorstellungen. Die Liebe selber erscheint nun als menschliches und nicht nur als heterosexuelles Phänomen. Das ist allerdings bis heute – nicht nur im Film – noch keine Selbstverständlichkeit: «In seiner Fixierung auf bürgerliche und daher heteronormierte Vorstellungen ist der westliche Liebesdiskurs nicht für schwule und lesbische Paare konzipiert», schreibt Brunner und schliesst: «Insofern geschieht stets Unerhörtes, wenn sich Schwule und Lesben auf der Leinwand dennoch die Liebe erklären, unabhängig davon, ob der Akt selber als erfolglos oder erfolgreich geschildert wird.»

www.pinkapple.ch

Philipp Brunner: «Konventionen eines Sternmoments. Die Liebeserklärung im Spielfilm». Schüren Verlag. Marburg 2009. 285 Seiten. Fr. 42.90.

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