Nr. 19/2006 vom 11.05.2006

Selektiver Allesfresser

Archive sind eigenartige Einrichtungen. Auch im digitalen Zeitalter wollen sie die Vergangenheit mit einem Dickicht aus Ordnungssinn erfassen - zu Besuch im Schweizerischen Sozialarchiv.

Von Mischa Suter

Es gibt viele Möglichkeiten, eine Geschichte kennen zu lernen. Der Weg ins Archiv ist eine mögliche Schneise durch den bunten Garten denkbarer Zugänge - doch findet man dort nur ein weiteres Gestrüpp vor, eines aus Ablegeordnungen und Klassifikationssystemen. Das Dickicht aus Ordentlichkeit führt zu Geschichten, verrät aber nichts über die Geschichte des Archivs selbst. Es gibt kein Archiv des Archivs. Es würde den Endloseffekt riskieren, der von öffentlichen Toiletten her vertraut ist, wenn beim Händewaschen der Blick in den Spiegel den Spiegel gegenüber trifft.

Mag seine eigene Geschichte auch verborgen sein, so hat doch jedes Archiv eine Adresse. Diese lautet im Fall des Schweizerischen Sozialarchivs Stadelhoferstrasse 12 in Zürich - ein herrschaftliches Haus aus dem 17. Jahrhundert, dessen repräsentatives Vordach einen Kastanienbaum erdrückt. Hier ist die Einrichtung untergebracht, die seit hundert Jahren «soziales Wissen» sammelt, wie es ein Werbeslogan etwas vage formuliert, weil im Gegensatz zum Sammelort der Sammelgegenstand nicht einfach beschreibbar ist. Drinnen Stuckaturdecke, purpurne Seidentapeten im Katalograum, ansonsten moderne Einrichtung, weisse Wände im Lesesaal, von denen die Bilder früherer Benutzer - und weitaus weniger Benutzerinnen - kürzlich entfernt wurden: von Lenin und Trotzki, vom anarchistischen Arzt Fritz Brupbacher, von Clara Zetkin, die den 8. März als Frauenkampftag ausgerufen hat. Auf den Tischen ordentlich arrangiert Stabilo Boss, Wasserfläschchen, Notebooks, die Unterlagen heutiger BenutzerInnen. Sachlich, aufgeräumt und komfortabel ist die Atmosphäre - im Kontrast zu den Dokumenten, die häufig von Mangel und Kämpfen berichten.

Fragen statt Probleme

Am 27. Juni 1906 wurde der Verein Zentralstelle für soziale Literatur gegründet. Im Vorstand sassen honorable Persönlichkeiten, etwa ein NZZ-Redaktor und ein Oberrichter, der das Parteiprogramm der Schweizer SP geschrieben hatte. Hauptinitiant der Dokumentationsstelle war Paul Pflüger, Pfarrer, Sozialdemokrat, später Stadt- und Nationalrat. 1898 war er vom thurgauischen Dussnang ins Zürcher Arbeiterquartier Aussersihl berufen worden. Die Abschiedspredigt in Dussnang hiess «Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer», die Antrittspredigt in der Kirche St. Jakob versöhnlicher «Neues und Altes». Zweck des von Kanton, Stadt und Bund subventionierten Vereins war, die wissenschaftliche Beschäftigung mit der «sozialen Frage» zu dokumentieren. Heute gibt es Probleme, dem ausgehenden 19. Jahrhundert stellten sich Fragen: Die Frauenfrage, die Arbeiterfrage, die Wohnungsfrage, die Lohnfrage, die Ehefrage, die Einwandererfrage, die Alkoholfrage und so weiter verbanden sich im Komplex der sozialen Frage. Deren wissenschaftliche Erfassung sollte den Lösungsweg aufzeigen für die Umbrüche und Verwerfungen der modernen Industriegesellschaft. Tuchfühlung im Klassenkampf und gegenseitige Affinitäten zwischen bürgerlichen Reformern und Sozialdemokraten kennzeichnen das breite Konflikt- und Kontaktfeld jener Zeit, als Wissenschaft und Verwaltung mit Statistik und Recht die «Gesellschaft» zu modellieren begannen.

«Das Sozialarchiv ist kein Bewegungsarchiv und verstand sich auch nie als solches», sagt Urs Kälin, heute Archivar des Sozialarchivs, wie die Zentralstelle seit 1942 heisst. Aber es bot stets Anknüpfungspunkte für verschiedene Nutzungen: Was die Leute im Lesesaal aus den Dokumenten machen, ist ihre Sache. Schon die erwähnte revolutionäre Prominenz hatte mit den konsultierten Zeitschriften etwas anderes im Sinn als der Initiant Paul Pflüger, der ausserdem heutigen Fragestellungen vermutlich mit höflichem Unverständnis begegnen würde.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Bibliothek des Sozialarchivs um die Sammlung von Zeitungsausschnitten erweitert. Dadurch hat das Sozialarchiv laufend den Puls der gesellschaftlichen Auseinandersetzung gefühlt. Anita Ulrich, seit 1988 Vorsteherin des Archivs, misst den Zeitungsausschnitten zentrale Bedeutung zu: «Durch diese Abteilung ist das Sozialarchiv am nächsten am Tagesgeschehen. Kampagnen werden im Moment ihres Entstehens dokumentiert.» Die Zeitungsabteilung saugt das soziale Plankton ein, die Bibliothek nagt den Knochenbau öffentlicher Debatten ab. In der kriegsverschonten Schweiz war das - eine internationale Besonderheit - unterbruchslos möglich.

Zu kämpfen hat das Sozialarchiv immer wieder mit dem, was jedes Archiv als selektiver Allesfresser fürchtet: Platzmangel. Der natürliche Feind des Archivs ist weniger die Nichtanschaffung als die Doublette. Sie raubt hundert Prozent zu viel Platz. Bei seinen vielen Umzügen blieb das Sozialarchiv stets in räumlicher Nähe zur Universität, deren Publikum den Hauptanteil der täglich rund 150 BesucherInnen ausmacht. Mangels Ressourcen begann das Sozialarchiv erst in den siebziger Jahren eigentliche Archivalien zielstrebig zu sammeln: ungedruckte Dokumente aus Nachlässen, Protokolle, Memoranden und Korrespondenzen, die das Innenleben von Organisationen und manchmal auch Personen freilegen.

Das Dokument als Kuriosum

«Zu uns kommen die Archivbestände stets mit zeitlicher Verzögerung», sagt Archivar Urs Kälin. Anlass für den Eintritt ins Archiv können offizielle Zäsuren sein, wie etwa die Fusion von mehreren Gewerkschaften zur Unia, die 2004 eine Dauerleihgabe der gut gepflegten Gewerkschaftsarchive brachte. Doch die Eintrittsdaten erzählen auch eine Geschichte der Auflösungen und Umgruppierungen, sie zeugen vom schleichenden Desinteresse, das Sozialbewegungen bei ihrem Verschwinden begleitet, wenn die einst sorgsam gehorteten Ordner und Bananenschachteln den Engagierten plötzlich auf die Nerven gehen. Die Dokumente sedimentieren im Sozialarchiv, wenn sie für AktivistInnen keinen Rohstoff mehr bedeuten.

Seit den neunziger Jahren findet die Neue Linke vermehrt Einzug ins Archiv. Dabei halten auch Bewegungsarchive Eingang, die einst angetreten waren, selbst Gegengeschichte zu schreiben. Ob weit zurück oder aus nächster Vergangenheit: Abgesteckt in Laufmetern, verpackt in Schachteln und Mappen, werden die Quellen von Neugierigen mit neuen Fragen hervorgezogen. Von seinem Zeitumfeld abgeschnitten, wird das Dokument zum Kuriosum. Im Lesesaal schreckt deshalb von Zeit zu Zeit ein schrulliges Auflachen erschöpfte Mitbenutzende aus dem Minutenschlaf.

Datenverlust ist eine Realität

Mit der Digitalisierung der Gesellschaft löst im Lesesaal leichtes Augenflimmern das typische Niesen ob des feinen Papierstaubs nur teilweise ab. Auf jeden Fall schafft die Digitalära keine geschichtslosen Zeiten, sondern eine Flut neuer Quellen. Anita Ulrich und Urs Kälin nennen als nächste grosse Aufgabe das Sammeln von Daten, die in elektronischer Form erscheinen. «Vorderhand drucken wir noch Online-Dokumente aus. Aber der bibliothekarische Grundsatz, dass die Dokumente so gesammelt werden, wie sie erscheinen, muss natürlich auch für elektronische Daten gelten», meint Ulrich. Man denkt angesichts des Hintergrundrauschens täglich gelöschter Blogs an ein albtraumhaftes Unterfangen. Doch Kälin sieht keinen Grund zur Beunruhigung: «Datenverlust ist eine Realität, die man akzeptieren muss. Für uns ist wichtig, möglichst exklusive Bestände zu haben, die unserem Sammlungsprofil entsprechen. Wir müssen schauen, ob es Schnittstellen zu unseren Beständen gibt.»

Das Sozialarchiv ist grundsätzlich daran interessiert, zugänglich zu sein. Wer an den Schalter tritt, wird ohne Reglementreiterei bedient. Für die Abliefernden aber enthalten die Akten manchmal sensible Daten. Fallweise werden mit den Betroffenen Schutzregelungen ausgehandelt. Der Aktenkreislauf des Komitees «Schluss mit dem Schnüffelstaat» zeigt die Ambivalenz jedes Archivs zwischen Kontrolle, Gedächtnis und Transparenz: Als die Fichenaffäre von 1990 abebbte, wurde für die Fichen im Bundesarchiv eine fünfzigjährige Sperrfrist verhängt. Eine Gruppe von Fichierten wollte ihre Akten, die sie nun als Zeitdokumente des Spitzelstaats verstand, vorher zugänglich machen und übergab sie deshalb dem Sozialarchiv. Die Aktenschränke der politischen Polizei, die ProtagonistInnen erfasste, deren Arbeit das Sozialarchiv nun dokumentiert, bilden also teilweise ein Pendant zum öffentlichen Dienstleistungszentrum Sozialarchiv. So können also Akten von Archiv zu Archiv wandern, wobei sie jeweils unter verschiedener Perspektive begutachtet werden, nie aber dem Dickicht aus Ordentlichkeit entkommen.

www.sozialarchiv.ch

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