Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

«Konkurrenzieren sich die internationalen Archive?»

Wie virtuelle Archive entstehen oder wieso sich das Archiv der SPD in Amsterdam befindet, weiss Anita Ulrich, die kürzlich Abschied vom Schweizerischen Sozialarchiv nahm.

Von Nina Laky (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Anita Ulrich: «Ich beobachte, wie sich mein Zeitgefühl verändert, gerade beim Lesen. Ich verliere mich ganz in meiner Lektüre und vergesse alles um mich herum.»

WOZ: Frau Ulrich, der französische Philosoph Michel Foucault schreibt in seinem Werk «Ordnung der Dinge», dass jede Kultur ihre eigenen Ordnungscodes besitzt. Das war 1966. Hat sich die Archivarbeit inzwischen globalisiert?
Anita Ulrich: Das ist eine schwierige Frage. Ich kenne die Situation der Archive in Afrika oder Asien nicht. Das historisch ausgerichtete Archiv, wie wir es kennen, ist eine westliche Erfindung. Nicht in allen Ländern sind Archive öffentlich zugängliche und demokratische Einrichtungen. Nicht überall ist der politische Wille vorhanden, Akten so zu sichern, dass sie nicht einfach gestohlen oder vernichtet werden.

Bei der Präsentation von Archivbeständen lässt sich ein Aspekt der Globalisierung ausmachen. Das Internet spielt da eine wichtige Rolle. Auf Webportalen können Bestände, die geografisch weltweit verteilt in Archiven liegen, zusammen auf einer Oberfläche präsentiert werden. Ein Beispiel ist Europeana, eine virtuelle Bibliothek für die Vor- und Frühgeschichte Europas. Das Sozialarchiv ist da auch beteiligt.

Konkurrenzieren sich Archive?
Ich spüre einen Wettstreit; jedes Archiv will mit besonderen Leistungen und neuen Ideen punkten. Aber es ist nicht so, dass Archive einander Leckerbissen abjagen. Die Zuständigkeit von staatlichen Archiven ist immer territorial abgegrenzt. So ist die jeweilige Gebietskörperschaft, zum Beispiel eine Stadt, ein Kanton oder der Bund zuständig.

Das Internationale Institut für Sozialgeschichte  in Amsterdam hat in den sechziger und siebziger  Jahren sehr viel aufgekauft, häufig waren es Rettungsaktionen. In Amsterdam liegt zum Beispiel das Archiv der SPD – sie geben es auch nicht mehr zurück, sehr zum Ärger der Deutschen, weil es das Institut rechtlich erworben hat. Auf dem Feld der Privatarchive ist die Nachlasspolitik offener. Da sind Absprachen nötig. Wohin soll der Vorlass einer zürcherischen Stadträtin, die in der schweizerischen Friedens- und Frauenbewegung sehr aktiv war? Am Schluss zählt, dass die historisch wertvollen Dokumente aufbewahrt werden.

Müssten nicht alle Bestände in den Regionen lagern, zu denen sie einen Bezug haben?
Das wäre sicher wünschenswert. In einem politisch stabilen Land wie der Schweiz ist das einfacher als in Ländern, deren Geschichte durch Kolonialismus, Krieg, militärische Besetzung und Staatenteilung geprägt ist.

Es gibt auch bedrohte Archive. Hitlers Machtergreifung, die Entwicklungen in der Sowjetunion und in Spanien bedrohten etwa die Sammlungen der Arbeiterbewegung. Da trat das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam auf den Plan und rettete Material aus ganz Europa. Auch heute versucht es, Archive von verfolgten Personen und Organisationen zu sichern. Der Fokus hat sich dabei auf aussereuropäische Gebiete verschoben, nach Lateinamerika und Asien.

Seit Sie 1988 zum Sozialarchiv kamen, hat es viele technische Revolutionen gegeben. Heute ist das Sozialarchiv modern und gut vernetzt.
Mir war ziemlich schnell klar, dass das Sozialarchiv aufgrund seiner Grösse Kooperationen eingehen muss. Wir haben damals evaluiert, ob wir ein eigenes Bibliothekssystem entwickeln sollen. Aber wir haben uns dann dem Ethics-Verbund (heute Nebis-Verbund) der ETH-Bibliothek angeschlossen. Das war 1992. Seither ist das Sozialarchiv immer wieder projektbezogen Kooperationen eingegangen, etwa mit der Nationalbibliothek oder mit dem Verein Memoriav, der audiovisuelle Kulturgüter erhält.

Das Sozialarchiv nennt sich auch «interaktives Archiv». War das Ihre Idee?
Als es mit der Informatisierung und Digitalisierung losging, brauchte es auch neue Bezeichnungen. «E-Archive», «Online-Archive» oder «digitale Archive» waren geläufig. In einer Diskussion kam dann «interaktives Sozialarchiv» auf. Das stimmt ja auch, das Archiv interagiert tatsächlich mit den Benutzern, mit den Forscherinnen und mit den Universitäten, den Archivgebern. Natürlich gab es schon immer Interaktionen, aber heute ist das viel wichtiger. Wir müssen ständig kommunizieren, sei es über Facebook, einen Blog oder einen Feed.

Nach der erfolgreichen Digitalisierung: Geht Ihrem Nachfolger die Arbeit aus?
Auf keinen Fall, er wird immer viel zu tun haben. Die Medientechnologie schreitet fort, sie wird sich noch schneller wandeln. Man muss ja nicht gleich auf jeden Zug aufspringen, sondern klug auswählen. Sowohl die Digitalisierung analoger als auch die Archivierung rein digitaler Dokumente bleiben eine grosse Herausforderung. Dann geht es auch immer um Inhalte: Was soll gesammelt werden? Auch in der Vermittlung, der Kommunikation mit der Forschung und den Universitäten, den Benutzenden sind neue Ideen gefragt. Das Sozialarchiv kann auch als Ort neu gedacht werden. Warum nicht zum Beispiel doch noch ein Café als Treffpunkt einrichten?

Haben Sie bislang im Ruhestand die erhoffte Ruhe gefunden?
Ich bin ganz zufrieden mit mir. Ich beobachte, wie sich mein Zeitgefühl verändert, gerade beim Lesen. Ich verliere mich ganz in meiner Lektüre und vergesse alles um mich herum. Das ist wunderbar. Das nächste Übungsfeld ist das Kochen. Mal sehen, ob ich beim Schnetzeln für einen Mirepoix einen meditativen Rhythmus finde. Ich geniesse mein neues Leben sehr.

Anita Ulrich (64) leitete das Schweizerische Sozialarchiv 26 Jahre lang. Seit der Pensionierung wandert sie mehr und übt sich im Kochen.

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