Nr. 33/2014 vom 14.08.2014

«Welche sozialen Bewegungen kommen künftig auf uns zu?»

Nach 26 Jahren verlässt Anita Ulrich (64) das Schweizerische Sozialarchiv. Die Historikerin über ihren Weg von der Primarlehrerin zur Leiterin des einmaligen Archivs für Sozialgeschichte der Schweiz.

Von Nina Laky (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Anita Ulrich: «Ich habe daran geglaubt, dass die Welt friedlicher und gerechter werden könnte. 
In der aktuellen politischen Lage ist es sehr schwierig, eine solche Hoffnung zu bewahren.»

WOZ: Frau Ulrich, Sie sind seit einem Monat pensioniert. Halten Sie es zu Hause gut aus?
Ich habe aufgeräumt und meine Bibliothek neu aufgestellt. Ich bin aber auch viel unterwegs an kulturellen Veranstaltungen oder am Wandern. Dann beantworte ich noch die vielen Briefe, die ich zu meiner Pensionierung erhalten habe. Ich hätte während meiner Zeit im Sozialarchiv nicht zu Hause Ferien machen können, ich wäre immer noch halb bei der Arbeit gewesen. Ich hoffe, es gelingt mir, eine gute Balance zwischen Ruhestand und weiterem Aktivbleiben zu finden. Ich möchte nicht so fortfahren wie zuvor. Ich will mir erst einmal Zeit lassen, bevor ich neue Aufgaben anpacke. Das «dritte Lebensalter» wird immer wichtiger; ich denke, diese Personengruppe wird sich in Zukunft stärker zu Wort melden.

1972, ein Jahr nach der Einführung des Frauenstimmrechts, kamen Sie nach Zürich, um Geschichte zu studieren. Wann haben Sie das erste Mal von Ihrem Recht Gebrauch gemacht?
Ich weiss noch, wie ich das erste Mal an den Nationalratswahlen teilgenommen habe. Das war im Herbst 1971. Als das Frauenstimmrecht im Februar 1971 eingeführt wurde, war ich Primarlehrerin in Goldach. Am Tag nach der Abstimmung sagte ich zu den Mädchen: «Hört mal, wir können jetzt wählen und abstimmen!», und trug das geschichtsträchtige Ereignis auf einen Zeitstrahl über der Wandtafel ein. Das erste Mal zu wählen, fand ich nicht so einfach. Im Kanton St. Gallen gab es den Landesring und die SP, die kannte ich. Mein Vater war bei der FDP. Da ich nicht katholisch bin, kam die CVP nicht infrage. Es war wohl das erste und einzige Mal, dass ich Kandidierende mehrerer Parteien mit einer sozialliberalen Tendenz auf meinen Wahlzettel schrieb. Die ersten Wahlen fielen zeitlich auch mit dem Abschluss eines Selbstfindungsprozesses zusammen: Wo stehe ich politisch? Wie will ich mich engagieren?

War Ihr Geschichtsstudium also quasi der Aufbruch aus der Isolation?
Am Anfang stand mein Bildungshunger. Ich wollte an die Universität Zürich, um dort Geschichte und Sprache zu studieren. Ich hatte keine Ahnung, wie eine Uni funktioniert, und wusste nicht einmal, wo sie ist. Aber ich fand schnell Anschluss bei den Mitstudierenden. Im Historischen Seminar befand ich mich in einem lebendigen Milieu. Mir gingen während des Studiums viele Lichter auf. Ich entwickelte starkes Interesse an Sozialgeschichte. Die klassische Geschichtswissenschaft über die grossen Männer und ihre Politik hat mich nicht sonderlich interessiert. Mich fasziniert das Zusammenspiel von Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, wenn es darum geht, Entwicklungen zu erklären.

Da musste ich natürlich auch ins Sozialarchiv, das damals noch am Zürcher Neumarkt beheimatet war. Ich war häufig dort, obwohl ich manchmal gar nichts brauchte.

Haben Sie nach dem Studium wieder unterrichtet?
Ich wollte ursprünglich Geschichte studieren, um Geschichtslehrerin zu werden, und wieder in den Kanton St. Gallen zurückkehren. Neben dem Studium habe ich bis 1983 unterrichtet, vor allem Englisch für Erwachsene und allgemeinbildende Fächer an der Berufsschule. Dann bekam ich eine Assistenzstelle an der Universität, was für mich rückblickend ein Wendepunkt in meiner Biografie war. Ich dissertierte 1985 zum Thema «Bordelle, Strassendirnen und bürgerliche Sittlichkeit in der Belle Époque» .

In dieser Zeit schlossen viele meiner Kolleginnen wie ich ihr Studium ab und begannen, sich beruflich zu orientieren. Mehrere von uns liebäugelten mit einer Führungsposition. Die Stelle im Sozialarchiv wurde 1987 ausgeschrieben, ich wurde gewählt. Ich hatte neben dem Studium auch politisch einiges gemacht, was mich qualifizierte. Seit 1974 war ich Mitglied der SP und in verschiedenen Gremien aktiv.

In Ihrer langjährigen Tätigkeit haben Sie viele gesellschaftliche Strömungen mitverfolgt.
Für mich mit Jahrgang 1950 waren die siebziger Jahre prägend, in erster Linie die neue Frauenbewegung. «Das rosarote Mädchenbuch» von Hedi Wyss – sie schrieb auch für die WOZ – machte mir schlagartig klar, dass Frausein nichts Festgelegtes ist. Daraus entwickelte sich mein Engagement für Frauenpolitik. Aktiv verbunden war ich auch der Umweltbewegung einschliesslich der Anti-AKW-Bewegung; da ich als Mädchen in einer Naturschutzgruppe mitmachte, hat sich bei mir der Umweltschutzgedanke schon früh festgesetzt. Nach meiner Einschätzung besassen die sozialen Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre eine sie verbindende Vision. Ich habe daran geglaubt, dass die Welt friedlicher und gerechter werden könnte. In der aktuellen politischen Lage, auch weltpolitisch gesehen, ist es sehr schwierig, eine solche Hoffnung zu bewahren.

Soziale Bewegungen und soziale Fragen sind das Schwerpunktgebiet des Sozialarchivs, ich habe sie aus beruflichen und wissenschaftlichen Gründen beobachtet. Da sich soziale Bewegungen seit einiger Zeit stark in digitalen Netzwerken bewegen, wurde es schwieriger, sie zeitnah zu dokumentieren. Ich bin nun gespannt, wie sich die städtische Bewegung um öffentlichen Raum und Wohnraum und die Sans-Papiers-Bewegung entwickeln werden und was aus den politischen Aktivitäten von Seniorinnen und Senioren und den Initiativen der «jungen Alten» wird.

Anita Ulrich ist gelernte Primarlehrerin aus St. Gallen und hat in Zürich Geschichte studiert. Nach 26 Jahren im Schweizerischen Sozialarchiv ist sie in den Ruhestand getreten.

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