Nr. 20/2006 vom 18.05.2006

«Das sind keine Ungeheuer»

Eine Begegnung mit der kroatischen Schriftstellerin, die die Suche nach Wahrheit zu ihrem Lebensinhalt gemacht hat.

Von Maike van Schwamen

Slavenka Drakulic hat sich für unser Treffen am Rande der Messe Buch Basel einen lauten Platz ausgesucht: auf der schmalen, sonnigen Caféterrasse ihres Hotels am verkehrsreichen Basler Messeplatz. Wir verstehen uns trotzdem, denn mit ihrer tiefen Stimme spricht die Journalistin und Schriftstellerin laut und sehr bestimmt.

Laut und bestimmt war die Kroatin schon immer. Und deshalb musste die Redaktorin der in Zagreb erscheinenden politischen Wochenzeitschrift «Danas» gehen, als eine Gruppe nationalistischer AnhängerInnen des Präsidenten Franjo Tudjman 1992 das vormals staatliche Magazin übernahm. «Wir verloren alle unseren Job», sagt Slavenka Drakulic mit einem Anflug von Bitterkeit. «Einige der besten Journalisten des Landes landeten auf dem Arbeitsamt.»

Viele KollegInnen gaben ihren Beruf damals resigniert auf, denn die Stellen in der Branche waren knapp. Slavenka Drakulic hingegen machte weiter und richtete sich nach dem Ausland aus. Sie schrieb für linksgerichtete US-Zeitschriften wie «The New Republic» und «The Nation», sie verfasste Artikel für die britische, italienische und schwedische Presse und schrieb in Deutschland als Gastautorin für die Wochenzeitung «Die Zeit» sowie für grosse Tageszeitungen.

Für ihre kritischen Analysen und Kommentare zum kroatischen Regime wurde sie von regierungstreuen JournalistInnen regelmässig attackiert. In den Augen ihrer ehemaligen KollegInnen war Slavenka Drakulic zur Nestbeschmutzerin geworden. «Sie nannten mich eine Dissidentin», erinnert sich die studierte Soziologin und Literaturwissenschaftlerin. «Doch in einer Demokratie gibt es keine Dissidenten, es gibt nur Menschen mit unterschiedlichen Meinungen.»

Seit Ende der achtziger Jahre schreibt Drakulic neben ihrer journalistischen Tätigkeit auch Romane. Nach dem Bosnienkrieg wurden die Folgen der Kriegsverbrechen und das weltweite Schweigen zu ihrem Hauptthema. Ein Verbrechen, das ihr besonders nahe geht, sind die Massenvergewaltigungen von Frauen während des Krieges. Wenn sie darüber spricht, redet sie sich in Rage. Noch immer wisse niemand, wie viele Kinder in Bosnien Folge dieser Vergewaltigungen seien. «Heute will niemand mehr davon wissen und niemand spricht darüber. Diese Frauen werden behandelt, als existierten sie nicht.» Die grösste Tragödie ist für Drakulic, dass die misshandelten Frauen in Bosnien noch immer nicht den Status ziviler Kriegsopfer haben und daher keinerlei Unterstützung erhalten, obwohl Vergewaltigungen nach internationalem Recht bereits seit 2002 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gelten.

Drakulic betrachtet deshalb den Film «Grbavica» der jungen bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic als hervorragende Gelegenheit, die vergessenen Frauen in das Bewusstsein der Gesellschaft zurück-zuholen. Der Film behandelt genau dieses Thema und hat an den Berliner Filmfestspielen 2006 den Goldenen Bären gewonnen. «Es ist grossartig, dass ‹Grbavica› diesen Preis gewonnen hat und nun überall gezeigt werden wird. Er wurde auf solch einfühlsame Weise realisiert, dass sich alle mit der Protagonis-tin Esma als Vertreterin all dieser Frauen identifizieren können.»

Von Facts zur Faction

Der Film fängt dort an, wo Drakulics 1999 erschienener Roman «Als gäbe es mich nicht» aufhört. Darin erzählt sie vom Schicksal einer jungen Frau, die im Bosnienkrieg Opfer von Massenvergewaltigungen in einem serbischen Gefangenenlager wurde und in einem schwedischen Krankenhaus ihr Kind, die Frucht zahlloser Erniedrigungen, zur Welt bringt. Während Drakulic über die schwere Entscheidung der jungen Frau schreibt, ihr Kind zu behalten, schildert Zbanic in ihrem Film die aus einer solchen Entscheidung resultierenden Konflikte zwischen einer Mutter und ihrer Tochter zwölf Jahre später.

«Der Film hat nicht nur hervorragende Schauspieler und eine wunderbare Regisseurin. Er ist vor allem wichtig, weil er konkrete Aktionen nach sich gezogen hat», hält Drakulic fest. So riefen verschiedene Frauenhilfsorganisationen und andere Institutionen in Bosnien-Herzegowina die Kampagne «Für die Würde der Überlebenden» ins Leben. Sie legten dem Parlament den Entwurf für eine Gesetzesänderung vor, der vergewaltigten Frauen die Anerkennung als zivile Kriegsopfer verschaffen soll. Überall in Bosnien, wo der Film gezeigt wurde, sammelten sie Unterschriften für ihre Petition. Die bosnische Regierung habe reagiert und versprochen, das Gesetz zu ändern, sagt Drakulic.

In ihrer Beschäftigung mit den vergessenen Frauen fühlte die Journalistin Ende der neunziger Jahre, dass sie an die Grenzen ihrer journalistischen Ausdruckmöglichkeiten stiess. «Ich habe viel über Vergewaltigungen geschrieben – Reportagen, Interviews, Artikel –, aber an einem gewissen Punkt merkte ich, dass ich die Leserinnen und Leser nicht mehr berühren konnte. Ich merkte, dass ich das Genre ausgeschöpft hatte und wechselte deshalb in ein anderes über.» Sie gab den Schicksalen tausender Frauen eine Seele in ihrer Romanfigur S., deren Geschichte sie auf berührende und aufrüttelnde Weise im Roman «Als gäbe es mich nicht» schildert. Diese Mischung aus Realität und fiktiven Elementen nennt Drakulic «faction». Auch in ihrem im Jahr 2003 erschienenen Buch «Keiner war dabei» über die Verfahren vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag bedient sie sich dieses Genres. Über mehrere Monate beobachtete sie die Prozesse in Den Haag sowie in Kroatien und beschäftigte sich mit der Frage, wie es zu den grausamen Geschehnissen kommen konnte. Dabei spann sie die Geschichten der Täter, die sie am Tribunal hörte, fiktiv weiter. Sie sollten nicht als abstrakte Ungeheuer erscheinen, sondern als Menschen. Dabei ist Drakulic weit davon entfernt, die Täter oder ihre Taten verteidigen zu wollen. Es gehe ihr nur darum, klar zu machen, dass das Gute wie das Böse in jedem Menschen verankert sei.

Hingehen und anschauen

«Wenn du ein Buch über Kriegsverbrecher schreibst, fragen dich die Leute oft: ‹Warum schreibst du über Ungeheuer?› Aber so ist es nicht, sie sind keine Ungeheuer. Wir sagen das, um uns von ihnen zu distanzieren. Es ist bedrückend zu erfahren, was Menschen sich gegenseitig anzutun imstande sind. Natürlich gibt es Verrückte, die aufgrund irgend-eines Defekts zu Massenmördern werden. Aber sie sind in der Minderheit.»

Woher nimmt sie die Stärke, über Monate tagtäglich dem Unfassbaren zuzuhören? «Diese Frage habe ich mir nie gestellt», sagt Drakulic. «Ich wollte sehen, wer diese Leute sind, und wenn du bestimmte Dinge sehen willst, dann musst du eben hingehen und sie dir anschauen.» Ist Drakulic so etwas wie das Gewissen ihres Landes? «Ich denke, das ist stark übertrieben», wehrt sich Drakulic. «Ich repräsentiere niemanden ausser mich selbst. Mein Gewissen gehört nur mir, was mich aber nicht davon abhält, mich als Schriftstellerin und Journalistin verpflichtet zu fühlen, gewisse Dinge aufzugreifen.» Ihre Aufgabe als Intellektuelle sieht sie darin, Bewusstsein zu schaffen – Bewusstsein dafür, dass Demokratie nicht als gegeben angesehen werden kann und dass man unablässig für sie kämpfen muss. «Es gibt keine Garantien. Wir sind in Europa in der Tradition aufgewachsen zu denken, dass Wissen unser Leben verändern kann. Vielleicht ist auch alles umsonst, aber ich kann nichts tun als damit weiterzumachen, so wie es schon viele vor mir getan haben.»

Eine Zusammenarbeit mit gleich gesinnten KollegInnen aus Exjugoslawien oder ein entsprechendes Netzwerk gebe es nicht. Man treffe sich zwar ab und zu an internationalen Kongressen und besuche dieselben Veranstaltungen. Aber oft spreche man nicht einmal miteinander. Obwohl es in Kroatien, Bosnien und Serbien viele Intellektuelle mit denselben Zielen und Anliegen gibt, sieht sich Slavenka Drakulic bei ihrer Suche nach Wahrheit als Einzelkämpferin. «Die Arbeit des Intellektuellen, des Schriftstellers ist per definitionem eine individuelle Arbeit. Was mich betrifft, gibt es kein gemeinsames Projekt. Es sei denn, dieses gemeinsame Projekt wäre die Wahrheit.»

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