Argentinien : Neue Liebe zum Pass

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Der mutmassliche Weltmeister spielt mit viel System, etwas Genie - und trotzdem schön. Entspricht das noch der argentinischen Schöpfung des «linken Fussballs»?

Letzte Woche jährte sich zum zwanzigsten Mal jenes Tor, das der Argentinier Diego Maradona im WM-Spiel gegen England mit der viel zitierten «Hand Gottes» erzielt hatte. Das war vielen Zeitungen Anlass, en passant auch eine Aktion zu würdigen, die Maradona wenige Minuten später vollendete und die, obwohl die Fifa sie 2002 zum «Tor des Jahrhunderts» kürte, neben der religiös aufgeladenen Handbewegung etwas in Vergessenheit geriet: Zehn Sekunden lang war Maradona über das halbe Spielfeld gedribbelt, und die halbe englische Mannschaft hatte vergeblich versucht, ihn am Torerfolg zu hindern.

Jorge Valdano, 1986 Mitspieler Maradonas, später als Trainer und Manager von Real Madrid sowie als Schriftsteller erfolgreich und heute unter anderem als Unternehmensberater tätig, schrieb in einem Jubiläumsartikel für die englische Zeitung «Guardian» über dieses Jahrhundertereignis, der Torschütze habe demonstriert, was es heisst, «in fussballerischer Sicht ein Argentinier zu sein. Maradona machte einen argentinischen Fussballtraum wahr: Wir lieben den Ball mehr als das Spiel und daher das Dribbling mehr als den Pass.»

Das mag vor zwanzig Jahren gestimmt haben, aber heute nicht mehr - zumindest, wenn man die Darbietungen der argentinischen Mannschaft bei der Fussball-WM in Deutschland als Massstab nimmt. Das spektakulärste Tor dieser Weltmeisterschaft, gleichzeitig das spektakulärste in der argentinischen WM-Geschichte seit Maradonas Jahrhundertdribbling, entsprang nämlich, um es mit Valdano zu sagen, der Liebe zum Pass: Beim zweiten Tor im Vorrundenspiel gegen Serbien-Montenegro, das die Argentinier schliesslich mit 6:0 gewannen, lief der Ball, bevor ihn Esteban Cambiasso im gegnerischen Gehäuse unterbrachte, über 26 Stationen. Ein kollektives Kunstwerk - und ein Höhepunkt der aktuellen argentinischen Kurzpassphilosophie, mit der die Mannschaft bisher in fast allen WM-Partien beeindruckte.

Der Versuch, diese Spielweise sozusagen ideengeschichtlich einzuordnen, ist reizvoll, und er führt zwangsläufig noch einmal zurück ins Jahr 1986. Es war nämlich nicht nur jenes Jahr, in dem Maradona das Tor des Jahrhunderts schoss, vielmehr formulierte seinerzeit auch der ehemalige argentinische Auswahltrainer César Luis Menotti in dem Buch «Fútbol sin trampa» sein Manifest des so genannten linken Fussballs. Der Weg müsse das Ziel sein und rein ergebnisorientierter Fussball sei verdammenswert und rechts, proklamierte er. Beim «linken Fussball» sei «der Spieler die Hauptperson, die auf andere Menschen jene besonderen Gefühle und Stimmungen überträgt und eine kollektive Gefühlswelt verkörpert, welche zu verschandeln niemand das Recht hat». Der Spieler sei hier «ein denkendes Wesen, das Schönheit schafft», und der linke Fussball erfülle letztlich «dieselbe Funktion wie andere Ausdrucksformen der Kunst - wie ein guter Film, ein gutes Lied, ein gutes Gedicht, ein gutes Bild». Diese Gedanken hat Menotti im Laufe der Jahre immer wieder ergänzt, 1994 etwa wetterte er gegen den Systemfussball: «Die Systeme dienen quasi als Schutzschild für die Mittelmässigkeit. Manche systematisieren das Spiel so sehr, dass sie es computerisieren wollen. Das verwechseln sie mit Ordnung.»

Jorge Valdano hat nun einige Wochen vor der WM in einem Interview mit «Spiegel special» «die Unterscheidung in rechten und linken Fussball» als «Irrtum» bezeichnet. «Ich würde eher von einer progressiven und von einer konservativen Spielauffassung sprechen.» Progressiv wäre «ein Fussball gegen die Tendenz, die da sagt: Ordnung ist wichtiger als Freiheit. Gegen einen Fussball, in dem das Kollektiv mehr Bedeutung hat als das Individuum. Gegen einen Fussball, in dem Ideen des Trainers wichtiger sind als die Ideen der Spieler.» Abgesehen davon, dass er die Begriffe «links» und «rechts» nicht verwenden mag, sagt Valdano damit aber dasselbe wie Menotti in den letzten zwanzig Jahren.

Auf den ersten Blick ist das argentinische Spiel derzeit nichts für den Dichter Valdano und den Denker Menotti. Das Spiel der Elf von José Pekerman ist hoch systematisiert, wenn man spöttisch sein möchte, könnte man sogar sagen: computerisiert. Viele ExpertInnen loben die automatisierten Laufwege, die identisch sind mit denen der argentinischen Nachwuchsnationalteams, und allemal hat das «Kollektiv mehr Bedeutung als das Individuum». Trotzdem kommt, in der Regel, am Ende etwas heraus, das im Sinne Menottis und Valdanos und aller Fussballkundigen schön ist.

Pekermans Systemfussball funktioniert nicht ohne Stars, allerdings sind es vor allem solche, die nur systemabhängig funktionieren, es sind keine Fussballgötter an sich. Der Taktgeber Román Riquelme etwa kam beim FC Barcelona nicht zurecht, auch Pekermans Vorgänger in der argentinischen Auswahlmannschaft schätzten ihn nicht richtig ein, weshalb er für die WM 2002 nicht einmal nominiert war. Heute sei Riquelme, mittlerweile 28 Jahre alt, nicht schlechter als Ronaldinho, sagt Pekerman, der den Mittelfeldstrategen schon 1997 coachte, als sie gemeinsam U-20-Weltmeister wurden. Manche sagen, Riquelme sei zu langsam, aber er hat sich als der ideale Protagonist für die argentinische Tempowechselstrategie erwiesen: Man schläfert den Gegner zunächst mit einigen gemächlichen Ballstafetten etwas ein, um dann urplötzlich umzuschalten.

Auch Stürmer Javier Saviola, der die ersten drei Tore beim denkwürdigen Sieg gegen Serbien-Montenegro vorbereitete, galt nach einem furiosen Karriereauftakt zwischendurch schon als beinahe gescheitert. 1999 wurde er bereits als Achtzehnjähriger Torschützenkönig der 1. Liga in Argentinien, später hatte er aber, wie Riquelme, beim FC Barcelona Probleme. Bei dem Klub steht Saviola, zuletzt an den FC Sevilla ausgeliehen, weiterhin unter Vertrag. Beide argentinischen Schlüsselspieler haben ein überaus erfolgreiches Jahr hinter sich: Riquelme führte den FC Villareal ins Halbfinale der Champions League, Saviola war einer der Hauptverantwortlichen für den Uefa-Cup-Triumph des FC Sevilla.

Der in vielerlei Hinsicht spektakulärste Spieler des Kaders, der am Samstag neunzehn Jahre alt gewordene Lionel Messi von Champions-League-Sieger FC Barcelona, spielt bisher eher eine Nebenrolle. Im vergangenen Jahr war er schon Weltmeister - mit der argentinischen U 20. Der 1,69 Meter kleine Linksfuss entschied das Finale seinerzeit mit zwei Elfmetern nach an ihm selbst verübten Fouls. Messi, im Mittelfeld wie im Angriff einsetzbar, ist extrem schnell; schon heute ist legendär, wie er im Champions-League-Achtelfinal den FC Chelsea, die teuerste Mannschaft der Welt, verwirrte. Ein weiterer junger Weltstar war bisher ebenfalls nur Ergänzungsspieler: Carlos Tévez von Corinthians São Paulo, ein verbissener Wühler.

Tévez und Messi deuteten allerdings nach ihren späten Einwechslungen beim mühevollen Achtelfinalsieg gegen Mexiko bereits an, dass sie mit dazu beitragen können, in entscheidenden Phasen den Sieg zu erzwingen. Die beiden garantieren immer zumindest ein paar Augenblicke der Genialität, die man braucht, wenn ein Gegner das System fast lahm legt.

Das Spiel gegen Mexiko blieb zwar zurück hinter den Leistungen der Vorrunde; Schwächen, die sich vorher allenfalls angedeutet hatten, wurden nun offenkundig, vor allem in der Innenverteidigung. Andererseits sind bei Weltmeisterschaften die Gruppenspiele unter spielerischen Aspekten ohnehin oft interessanter als die K.-o.-Runden. Ab dem Achtelfinal dominieren Kampf, Hektik und Spannung, teilweise vermeiden die Teams Risiken, weil der kleinste individuelle Fehler ein brillantes Turnier verderben kann. Bezeichnenderweise war das Achtelfinalspiel zwischen den Niederlanden und Portugal, zwei spielerisch hoch eingeschätzten Mannschaften, nicht schön anzusehen, aber aufregend.

Von César Luis Menotti hört man im Übrigen dieser Tage nicht viel. Er arbeitet während der WM bei einem mexikanischen TV-Sender, der wenig Interesse daran hat, dass sich der berühmte Mitarbeiter woanders äussert. Am vergangenen Wochenende gab Menotti dennoch einer österreichischen Zeitung ein Blitzinterview, das einerseits nostalgisch-pessimistisch klingt: «Auch ein Messi oder Tévez ist kein Maradona. Diego war ein Genie. Bei ihm war Fussball Kunst, Sorglosigkeit. Das ist heute fast nicht mehr möglich.» Dennoch freut sich Menotti über den Trend zum Offensivfussball bei dieser WM, über eine «generöse» und «aufrichtige» Spielweise. «Der linke Fussball fördert Fantasie, er möchte Feste feiern», so der Philosoph unter den Trainern. Der Trend geht, so gesehen, zu linkem Fussball mit anderen Mitteln, aber spätestens jetzt muss man wohl mit anderen Begriffen arbeiten, denn «links» wäre nach Menottis Auffassung ja auch der risikobetonte Powerfussball der deutschen Elf, der derzeit für ein Patriotismus-Revival ungeahnten Ausmasses instrumentalisiert wird.

Am Freitag, im Viertelfinale, haben die Argentinier nun den ehrenvollen Job, mit einem Sieg gegen Deutschland die Bevölkerung des Gastgeberlandes aus ihrem nationalen Taumel zu reissen. Eine linke Aufgabe ist das wohl - ob sie dabei auch «linken» Fussball spielen, wird an diesem Tag allerdings von nur geringer Bedeutung sein.