Nr. 49/2020 vom 03.12.2020

Wie Diego das Empire vernaschte

Der argentinische Historiker Tomás Bartoletti erlebte als Zehnjähriger durch Diego Maradona seine politische Taufe. Der verstorbene Jahrhundertfussballer sei den Eliten stets ein Dorn im Auge gewesen, schreibt er.

Von Tomás Bartoletti

Göttlich, wie er die Poesie des Spiels mit dem hedonistischen Exzess verband: Maradona auf einem Wandbild im Armenviertel Villa Fiorito in Buenos Aires. Foto: Ricardo Moraes, Reuters

Ich weinte nicht um Maradona in diesen Tagen der Staatstrauer. Fussball interessiert mich schon seit Jahren nicht mehr. Da sind der unerträgliche Machismo, die millionenschwere Korruption der Fifa und der Regierungen auf Kosten der Ärmsten, der ausufernde Konsum der Fussballidole und so weiter und so fort. In den Tagen der Staatstrauer weinte ich nicht um Maradona, doch die Emotionen, die Diego in Argentinien und weltweit auslöste, fühlten sich vertraut an – es waren dieselben, die mich einst sein Poster an die Wand meines Kinderzimmers hängen liessen. Es war der Diego von 1981 im Trikot der Boca Juniors, noch bevor er Weltmeister, noch bevor er Partylöwe und Bösewicht der Presse wurde.

Aber ich habe 1994 um Maradona geweint. Damals war ich zehn Jahre alt, und in den USA fanden die Fussballweltmeisterschaften statt. Es war das erste Mal, dass ich wegen etwas weinte, das nicht mit mir zu tun hatte. Heute, viele Jahre später, begreife ich, dass dieses Ereignis für mich in einem neoliberal entpolitisierten Argentinien wie eine politische Taufe war. Wie konnte es sein, dass sie den besten Spieler der Geschichte von seiner letzten Fussballweltmeisterschaft ausschlossen? «Sie haben mir die Beine abgeschnitten», sagte Diego an der Pressekonferenz.

Die Fifa hatte Stunden zuvor bekannt gegeben, dass Maradonas Dopingtest positiv herausgekommen war. Es war nicht Kokain, sondern das im freien Handel erhältliche Ephedrin, und zwar in einer sehr geringen Dosis. Heute wertet die Weltantidopingagentur diese Menge Ephedrin im Urin nicht mehr als Doping.

Von Schande und Klassenhass

«Sie haben mir die Beine abgeschnitten» – damit bezog sich Maradona auf den damaligen Fifa-Präsidenten, den Brasilianer João Havelange. Laut Maradona wollte Havelange, dass Brasilien nach 24 Jahren wieder Weltmeister würde – doch mit Maradona war Argentinien unschlagbar. Für mich als Zehnjährigen bedeutete diese Episode nicht nur den Fall des Nationalhelden, sondern sie lehrte mich auch, dass sich der Fussball nicht immer an die Spielregeln hält. Politische Intrigen, globale Machtkämpfe und Erpressung jeglicher Art waren an der Tagesordnung – und bestimmender als die unbestreitbaren Fähigkeiten des besten Fussballers aller Zeiten.

Während dieser Episode wurde mir die Diskussion in den Medien bewusst, die das Ephedrindoping auf lokaler Ebene nach sich zog. Dieselben Medien, die Maradona Jahre später als Champion in den Himmel loben sollten, sprachen von der internationalen Schande, die dieser «Drogensüchtige» darstelle. Hinter solchen Angriffen war der Klassenhass zu erkennen, den beliebte Persönlichkeiten wie Maradona oder die Schauspielerin und Präsidentengattin Eva Perón in Argentinien hervorriefen. Da sie aus marginalisierten Schichten stammten, verzieh ihnen die Elite von Buenos Aires nie, dass sie die breite Bevölkerung begeisterten und weltweit als Ikonen Argentiniens galten. Diego sah keinen Widerspruch darin, in Villa Fiorito, einem der ärmsten Viertel von Buenos Aires, geboren zu sein und Ferraris zu kaufen oder Versace zu tragen. Er war im Gegenteil sogar stolz darauf, und dies konnte die Oberschicht nicht akzeptieren: Mochte er noch so ein guter Spieler und noch so reich sein, er war und blieb einer aus dem Elendsviertel.

Wer nicht springt

Seit dem Falklandkrieg im Jahr 1982 hört man bei Spielen der argentinischen Mannschaft in allen Stadien der Welt einen Fangesang: «El que no salta es un inglés», «Wer nicht springt, der ist ein Engländer!» Das Ritual hat einen tragischen Hintergrund und ist Teil der nationalen Identität geworden. Maradona verkörperte im gleichen Mass wie sein Landsmann Ernesto Che Guevara dieses patriotische Gefühl, das sich angesichts der fanatischen Begeisterung, die er in Indien, China und den entlegensten Regionen Afrikas auslöste, auch als antikoloniales Heldentum lesen lässt. Man schrieb das Jahr 1986, es liefen die Viertelfinals der Weltmeisterschaft. Es war nicht einfach ein Spiel elf gegen elf, auch keine Widerspiegelung der Strassenkämpfe zwischen Barras Bravas und Hooligans – es war die einzige und beste Revanche für die schmähliche argentinische Niederlage im Falklandkrieg. Nach der Diktatur war nun eine neue Zeit angebrochen, und Maradona machte den revanchistischen Traum der ArgentinierInnen wahr. Ein Goal mit der «Hand Gottes» und ein weiteres, bei dem er die englische Abwehr über das halbe Spielfeld ausspielte, führten Argentinien auf den Weg zum Weltmeistertitel. Diego ist der Nationalheld und der beste Fussballer der Geschichte – er hat die Engländer vernascht! Darüber freuten sich viele ArgentinierInnen, aber auch alle mit antiimperialistischer Gesinnung und die Unterdrückten der Welt.

So lässt sich auch sein Wechsel nach Neapel von 1984 bis 1990 verstehen. Die reichen Klubs des Nordens, darunter Silvio Berlusconis AC Milan, hatten die Vormachtstellung im italienischen Fussball. Diego gelang es, die italienische Meisterschaft und den italienischen Cup zum ersten Mal nach Neapel zu holen. Der arme und vom reichen Norden stigmatisierte italienische Süden gelangte zu Ruhm. Heute finden sich in allen Vierteln Neapels Tempel und Schreine für Maradona.

Nach der fragwürdigen Fifa-Sanktion von 1994 reiste Maradona nach Kuba, wo er Fidel Castro kennenlernte. Die beiden freundeten sich an, der Comandante war für ihn wie ein zweiter Vater. 1997 tätowierte sich Maradona das Porträt von Che Guevara auf den rechten Arm, und 2000 kehrte er für eine Kokainentziehungskur nach Kuba zurück. Da konnte er vorübergehend von der Droge lassen; vom Whiskey und vom Feiern jedoch nicht. Unterdessen warf ihm die argentinische Presse vor, er sei Kommunist. «Ich bin ein Ultrakapitalist», gab Maradona zur Antwort und liess sich ein Bild von Fidel Castro auf sein linkes Bein tätowieren. Das Problem des Kapitalismus liege darin, dass der Reichtum nicht unter den Armen verteilt werde. Wiederholt sagte er, dass Reiche «wie ich» mehr Steuern zahlen müssten.

Seine arme Herkunft leugnete er nie, und durch seine Zeit in Kuba begann er, die Ungerechtigkeit der Weltordnung auf eine neue Weise zu verstehen. Sein politisch engagiertester Auftritt war wohl derjenige von 2005. Damals fand der vierte Amerika-Gipfel statt, und George W. Bush reiste während der Militärinterventionen im Irak und in Afghanistan mit einem noch nie da gewesenen Sicherheitsaufgebot nach Argentinien. Bush hatte ein Freihandelsabkommen zwischen den nord- und südamerikanischen Staaten vorgeschlagen, das zweifelsohne die Dominanz des neoliberalen Neokolonialismus verstärkt hätte. Maradona füllte gemeinsam mit Hugo Chávez und Evo Morales ein Stadion mit Tausenden lateinamerikanischen AktivistInnen, die «Wer nicht springt, der ist ein Engländer» sangen. Schliesslich wurde das Abkommen am Gipfel abgelehnt, und Bush reiste als Unterlegener ab. Diego konnte einen weiteren Sieg gegen den Imperialismus feiern.

Gott ist tot

Ein Gott zu sein, ist keine persönliche Entscheidung, sondern ein kollektives Phänomen. Maradona löste von der Antarktis bis Bangladesch, von Syrien bis Japan Begeisterung aus. Vielleicht liegt der Schlüssel zum Verständnis dieser Emotionen in den komplexen Widersprüchen seiner Person. Kuba verteidigen und Ferraris fahren. Seine Töchter Dalma und Giannina lieben und Diego junior bis vor kurzem nicht anerkennen. Sich für die palästinensische Sache einsetzen und in Dubai als Trainer arbeiten. Der beste Fussballspieler sein und stets die Fifa kritisieren. Multimillionär sein und die Ungleichheit sowie die Macht des Establishments kritisieren. Weil Diego von bescheidener Herkunft war und die Scheinheiligkeit des Establishments anprangerte, schieden sich an ihm die Geister. Während ihm die Zuneigung der Massen stets eine Stütze war, verziehen ihm die Moralapostel mit ihren Ressentiments seinen Erfolg und seine mangelnde Ehrerbietung gegenüber dem Imperialismus nie.

In diesen Tagen der Trauer diskutieren Feministinnen in Argentinien über die Würdigungen Maradonas. Einige meinen, ihm zu huldigen, bedeute ein Lob des Machismo. Andere wiederum sind der Ansicht, dass seine Mängel und Widersprüche ihn der breiten Bevölkerung näherbrachten und Diego auch ein Opfer des Patriarchats gewesen sei. Der weltbeste Fussballspieler zu sein, bedeutet in einer leistungs- und konsumorientierten Welt auch, der grösste Partylöwe und standardmässig auch der grösste Macho zu sein.

Gott ist tot. Maradonas Göttlichkeit war nicht unbedingt christlich, sondern eine, die das Apollinische mit dem Dionysischen, die Poetik des Spiels mit dem hedonistischen Exzess vereinte. Der Beste aller Zeiten zu sein, ist etwas Besonderes, und Maradona zu sein, war bestimmt nicht einfach. Gott ist tot, aber Diego nicht. Wie es der Gesang in den Strassen ausdrückt – «vive en el pueblo», «im Volk lebt er weiter».

Der Argentinier Tomás Bartoletti arbeitet als Historiker an der ETH Zürich.

Aus dem Spanischen von Iris Leutert.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch