Nr. 31/2006 vom 03.08.2006

Verbrennungen, die keine sind

Von Alfred Hackensberger, Saida

Im Kühlhaus des Bachir-Cham-Krankenhauses in Sidon liegen acht Leichen. Sie sind notdürftig in grosse, schwarze Plastikfolien gewickelt. Doktor Mansur zieht sterile Gummihandschuhe an, bevor er eines der Pakete öffnet. Vorsichtig holt er den schwarz verkrusteten Kopf eines jungen Mädchens hervor. Es ist die fünfjährige Darine Kanun, die am 17. Juli mit ihrer Familie vor den israelischen Bomben in Richtung Beirut geflüchtet war. Kurz nach Saida wurde ihr Minibus von einer israelischen Rakete getroffen. Doktor Mansur weist auf den Kopf des toten Mädchens. «Die Haare sind völlig intakt», sagt der Chirurg. «Und hier die schwarze Hautfarbe. Das sieht aus wie Verbrennungen, aber es sind keine.» Neben der Leiche des Mädchens liegt ihr blaues T-Shirt: «Völlig intakt, ohne jegliche Brandflecken, wie auch die Kleider der anderen Leichen». Im Konferenzraum empfängt der Chefarzt und Besitzer des modernen Krankenhauses: «Wir gehen davon aus, dass das Mädchen und ihre Familie von chemischen Kampfstoffen getötet wurde», sagt Professor Bachir Cham. «Normalerweise weisen die Opfer einer Bombenexplosion oder eines Autounfalls Spuren von Verbrennungen oder Blut auf. Aber bei diesen Leichen gibt es nichts dergleichen. Nur die Haut ist vollständig schwarz, während das Muskelgewebe darunter unversehrt ist.»

Sein Befund deckt sich mit ähnlichen Berichten aus dem Südlibanon. Das libanesische Fernsehen zeigte Bilder von zwanzig schwarz gefärbten Leichen aus der Nähe des Grenzdorfs Marwhin. In der Hafenstadt Tyros beklagen ÄrztInnen «schwarz aussehende» Kriegsopfer. Besorgniserregend sind die Berichte aus dem Regierungskrankenhaus in Tyros. «Wir haben Opfer, die zur Hälfte ihrer normalen Grösse geschrumpft sind», sagte der Direktor Raed Salman Seinedin. «Zuerst denkt man, es handelt sich um ein Kind. Doch es ist ein erwachsener Mann». Bisher könne man aber nur spekulieren. Professor Cham hat in Zusammenarbeit mit der libanesischen Regierung und der nationalen ÄrztInnenkammer 24 Hautproben der Leichen zur weiteren Untersuchung an die Weltgesundheitsorganisation in Genf geschickt.

Nach Auskunft des California Center for Strategic Studies (CCSS) wurden Waffen, die ähnliche Verletzungen verursachen, bereits im Irak von der US-amerikanischen Armee eingesetzt. Brett Wagner, der Präsident des CCSS, vermutet Waffen, die auf einem ähnlichen Effekt beruhen wie Mikrowellen. Auf Anfrage der WOZ bestätigt Wagner, dass die Verletzungen der Opfer im Libanon «nicht von konventionellen Waffen herzurühren scheinen». Nach der Beweislage bestehe die Möglichkeit, dass modernste chemische oder neu entwickelte Waffen bei diesen Angriffen benutzt wurden.

Gegenüber dem Uno-Informationsdienst Irin sagte der ehemalige Sprecher der Uno-Beobachtertruppe Unifil, Timor Goksel, letzte Woche: «Die israelische Armee hat schon immer Phosphatbomben eingesetzt.» Goksel war im Krankenhaus von Tyros: «Die Verbrennungen der Opfer stammen mit grosser Wahrscheinlichkeit von Phosphorbomben. Diese werden normalerweise nur in unbewohnten Gebieten eingesetzt und sollen der Erleuchtung des Schlachtfeldes dienen.»

Die US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat Israel zudem die Anwendung von Splitterbomben vorgeworfen, die gegen ZivilistInnen in Süden des Libanon eingesetzt würden. Die israelische Armee gibt deren Einsatz zu, bestreitet aber bis heute die Verwendung von Phosphor.

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