Nr. 32/2006 vom 10.08.2006

Ein Film ohne Helden

Die Stadt ist ein Rätsel, voller Widersprüche. Gedanken aus einem untergehenden Ort, wo Hippies, Rocker, Mudschaheddin, Scheichs und Priester nebeneinander gehen.

Von Nisar Ghanem, Beirut

Es gibt im Jazz eine sozusagen gebrochene Schönheit, widersprüchlich in ihrer Art und gleichzeitig sehr komplex. Sie lässt bei jedem Hören Neues entdecken. Sie gleicht einer Ungewissheit - verborgen, geheim und relativ.

Beirut ist wie Jazz. Ich lächelte bei diesem Gedanken, beim letzten Schluck meines Almaza-Biers im Café de Prague in der einmal mehr kriegserschütterten Stadt Beirut. Undurchsichtig, lebendig, unwillig zu sterben, sich dafür ständig neu definierend, ist diese Stadt ein Rätsel von endlosen Widersprüchen. Ich betrachtete rundum die lächelnden Gesichter der Beiruter Intellektuellen, die hier nach einem harten Tag ihr Bier trinken. Beirut tanzt immer noch, hört immer noch Jazz. Das also ist Beirut, das Herz, die Leidenschaft, die Liebe. Prost!

BesucherInnen sagen, die Stadt habe einen gewissen Charme. Sie ist voller Kunst, Pubs, Theater, verrückter Ideen und voll von dieser äusserst süssen Freiheit, wo Bikinis neben Kopftüchern einhergehen. Es ist der Ort, wo Hippies, Rocker, Mudschaheddin, Scheichs und Priester nebeneinander gehen. Ich habe mich immer darüber gewundert, warum Beirut diesen so lebhaften, so einnehmenden Charakter hat. Ich habe schliesslich befunden, dies komme davon, dass wir uns unbewusst sehr über unsere Sterblichkeit im Klaren sind.

Beirut befindet sich im Krieg. Eine riesige Wolke schwarzen Rauchs umgibt die Hauptstadt und ihre Umgebung. Der Nahostkorrespondent des britischen «Independent», Robert Fisk, schrieb kürzlich, die Beiruter würden ihren eigenen Untergang einatmen. Dabei strotzte die Stadt nur kurze Zeit zuvor vor Leben, als hunderttausende von TouristInnen aus aller Welt herkamen, um ein bisschen vom Geschmack der einmaligen Beiruter Ambiance zu erleben. Hotels waren ausgebucht, die Restaurants in der Innenstadt voller Gäste, und die Strassen barsten vor Menschen verschiedener Rassen, Nationalitäten und Religionen. Beirut verbreitete erneut jenen Glanz, der während des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 so tragisch verschwunden, aber nie vergessen war.

Aufgeweckt von den Explosionen der Bomben und vom Brummen der F-16-Jets im Himmel über der Stadt können die LibanesInnen nicht glauben, was ihnen geschieht. Ein Taxifahrer sagte mir einmal: «Um Beirut zu verstehen, muss man die Welt verstehen.» Libanesische Taxifahrer sind ebenso sehr politische Analytiker wie sie Transportdienstleister sind. Wer die Geschehnisse im Libanon verstehen will, braucht ein Verständnis für die regionalen und internationalen Kräfte und für deren Interessen - für den Fluch der Geografie und die Last der Geschichte.

Warum befinden wir uns im Krieg? Diese Frage stellen sich die LibanesInnen, während sie sich beeilen, ihre Wunden zu heilen und die Toten in den Trümmern einer Stadt zu zählen, bei der sie sich einzig darauf verlassen, dass sie unberechenbar ist. Weitere Fragen bleiben unbeantwortet: Woher kommt dieses ganze internationale Schweigen? Bedeuten die Genfer Konventionen in der heutigen Welt rein gar nichts mehr? Was ist mit den Menschenrechten? Was mit den Rechten der Kinder? Doch in Beirut scheint nichts Sinn zu ergeben. Eine politische Partei erklärt Israel den Krieg, eine andere Syrien, während die verbliebenen WestlerInnen immer noch ihre eigene Party im endlosen Nachtleben Beiruts geniessen. Mir kommt es vor, als ob ich einen existenzialistischen Film betrachten würde, ohne Helden, mit grauem Hintergrund. Aus meiner Ecke sehe ich eine attraktive libanesische Frau vorübergehen, gefolgt von einem Mann mit Krawatte, dann einer der selbst ernannten Mudschaheddin, eine Rakete, dann ein israelischer Tank, auf dem Bush ein Lied über Demokratie singt. Dem Panzer folgt eine europäische Frau auf einem Fahrrad, und tatsächlich: Sie fordert Frieden!

Zuvor, in einer schmuddligen Beiruter Wohnung, sass ich in meinem Zimmer und hörte Nachrichten. Hunderte wurden getötet in Kriegen um den Irak, Palästina und nun auch den Libanon. Mein Mitbewohner, ein Hisbollah-Anhänger, raucht Hasch und hört die Infected Mushrooms, ein israelisches Duo, das psychedelischen Trance spielt. Von draussen mischt sich das Geräusch der Bomben mit dem Ruf zum islamischen Gebet, während der tödliche schwarze Rauch sich in die Strassen und Gassen schleicht. Am Fernsehen spricht US-Aussenministerin Condoleezza Rice über den «Neuen Nahen Osten». Und dann komm ich endlich drauf: Jazz drückt Unvollkommenheit und Unsicherheit aus. Jazz ist dialektisch, er dreht und wendet sich, und wie Mathematik konstruiert er eine Welt von komplexen Beziehungen. Aber irgendwann ist es nicht mehr möglich, ihn zu sezieren und zu analysieren. Du fällst in eine Benommenheit. Jazz handelt von Benommenheit.

Während die Menschen im Nahen Osten allen Formen von Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit ausgesetzt sind, werden sie aufgefordert, Liebe und Versöhnlichkeit zu zeigen. Nichts für ungut, Frau Rice, aber der Ruf nach einem «Neuen Nahen Osten» scheint nicht mehr als hysterisches, manisches Lachen hervorzurufen. Wir sind völlig benommen, in einem solchen Mass, dass alle Rhetorik, Logik oder schöne Rede zwangsläufig versagt. Es ist, als ob dies keine Rolle spielte - Präsident Bush wird diesen Neuen Nahen Osten bauen, er tut es mit Blut und Feuer.

Wie oft können wir aus der Asche auferstehen und unser Leben von vorne beginnen?, fragte ich mich in der Dunkelheit der Beiruter Nacht. Wie oft können wir vergeben, unsere Häuser wieder aufbauen? Ich hatte keine Antwort. Mich dünkt, der Nahe Osten müsste eine Musik komponieren, die seine Vergangenheit, seine problembelastete Gegenwart und seine unsichere Zukunft ausdrückt. Weder der Schmerz des Rock noch die Aggressivität des Rap würde ausreichen, und es müsste sicherlich etwas viel Komplizierteres sein als moderner Jazz. Es wäre etwas, das es noch zu entdecken gilt.