Nr. 06/2012 vom 09.02.2012

Bedroht von Freund und Feind

Das syrische Regime wird kaum freiwillig abtreten. Es ist auch in früheren schwierigen Situationen hart geblieben. Und es weiss um die Symbolkraft des Landes.

Von Robert Fisk

Die Gewalt steigt weiter. Die Arabische Liga verwirft die Hände. US-Aussenministerin Hillary Clinton macht bei der Uno Druck. Aber das syrische Regime und die AnhängerInnen der regierenden Baath-Partei bewegen sich nicht. Nur die AraberInnen sind davon nicht überrascht. Das Land gilt zumindest in den Augen der BaathistInnen als «Um al-Arabia wahida», als die Mutter des einigen arabischen Volks. Syrien ist ein zähes Wesen, auch wenn es derzeit für Ränkespiele von Freund und Feind gebraucht wird. Seine Machthaber gehören zu den stursten im ganzen Nahen Osten. Ihr Nein zu allem anderen als dem totalen israelischen Abzug von den besetzten Golanhöhen im Gegenzug zu Frieden ist grandios. Fast so grandios wie das Nein des früheren französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle, der sich dem britischen Eintritt in die damalige Europäische Gemeinschaft widersetzte.

Allerdings war das syrische Regime noch nie mit so einer starken Opposition wie jetzt konfrontiert. Der Aufstand von 1982 war lokal begrenzt. Damals liess Hafez al-Assad, der Vater des heutigen Machthabers Baschar al-Assad, in der Stadt Hama 10 000 bis 20 000 Menschen umbringen. Jetzt wird im ganzen Land gegen Assad demonstriert. Syrien befindet sich in der gefährlichsten Lage seit Beginn seiner Unabhängigkeit im Jahr 1941. Die jetzige Rebellion ist breit getragen, und die syrische Armee ist mit einer hohen Zahl von Deserteuren konfrontiert. Ausserdem hat der syrische Staat ausser dem kleinen Libanon alle seine arabischen Verbündeten verloren. Der Aufstand entwickelt sich langsam zu einem Bürgerkrieg. Wie kann Präsident Baschar al-Assad da weiter ausharren?

Irans Brückenkopf

Noch kann Assad auf Russland zählen. Die russische Führung unter Wladimir Putin und Dmitri Medwedew will sich vom Westen nicht noch einmal so über den Tisch ziehen lassen wie letztes Jahr im Fall von Libyen. Damals verpasste es die russische Regierung im Uno-Sicherheitsrat, das Veto gegen die Errichtung einer Flugverbotszone einzulegen. Was dann folgte, führte letztlich zum von Russland nicht gewollten Sturz von Muammar al-Gaddafi. Auch Iran steht hinter Assad. Für den iranischen Staat stellt Syrien den arabischen Brückenkopf dar. Irans Verdacht, dass Syrien vor allem wegen dieser Allianz unter internationalen Beschuss geraten ist, hat seine Berechtigung. Wer das syrische Baath-Regime zerschlägt und seinen alewitischen Präsidenten stürzt, schneidet auch tief in die iranische Seele. Und da ist auch noch die israelische Regierung. Sie verliert kaum ein Wort über die syrischen Zustände. Sie muss befürchten, dass nach al-Assads Herrschaft ein noch weit kompromissloseres Regime an seine Stelle tritt.

Aber Syrien ist auch ein Symbol. In arabischen Augen hat es sich mit der Zurückweisung eines ungerechten Friedens im Nahen Osten alleine gegen den Westen gestellt. Syrien war auch alleine, als es den Frieden des früheren ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat mit Israel verurteilte. Und noch früher stand die syrische Bevölkerung ebenfalls einsam da, als sie sich 1920 und wieder 1945 den französischen Besatzungstruppen widersetzte. Im Libanon haben sich viele dazu entschlossen, ihre eigene Geschichte zu vergessen. Doch es bleibt eine Tatsache, dass nach dem Ersten Weltkrieg die meisten LibanesInnen es lieber gehabt hätten, wenn ihr Land ein Teil von Syrien geworden wäre, statt in einer separaten Nation unter französischer Schirmherrschaft zu leben.

Sympathie und Respekt

Weit davon entfernt, ein Staat zu sein, der auf Expansion basiert, wie in den USA oft kolportiert wird, hat Syrien stetig an Land eingebüsst. Es verlor auf französische Machenschaften hin den Libanon. Es verlor 1939 Alexandretta (heute: Iskenderun), als Frankreich es nach einem betrügerischen Referendum der Türkei zuschlug – in der vergeblichen Hoffnung, die Türkei würde sich dann den Alliierten im Kampf gegen Hitler anschliessen. Und es verlor 1967 den Golan an Israel. In der arabischen Welt besteht für Syrien als Nation grosse Sympathie und grosser Respekt. Baschar al-Assad weiss das. Er ist weder ein Kriecher, wie es Hosni Mubarak als ägyptischer Staatspräsident war, noch verrückt wie Muammar al-Gaddafi.

Doch Baathismus bedeutet nicht «Arabismus», wenn auch die meisten BaathistInnen vom Gegenteil überzeugt sind. Jahrzehnte der Stabilität haben Syrien nicht vor der Korruption gefeit. In der syrischen Diktatur gelten die gleichen dummen Schlüsse, welche in allen arabischen Staaten so lange Jahre toleriert wurden: Besser Autokratie als Anarchie; lieber Friede statt Freiheit; und lieber säkular als konfessionell – auch wenn das Land dabei von einer alewitischen Minderheit kontrolliert wird. Wohin ein konfessioneller Staat führt, hat man im Nachbarland Libanon gesehen, wo lange ein schrecklicher Bürgerkrieg tobte.

Eine libanesische Friedenstruppe?

Peinlich berührt, schaue ich zurück auf diesen Konflikt und die bösen Worte, die ich vor vielen Jahren brauchte: Dass eines Tages, nach Jahren der syrischen «Friedensmission» im Libanon, die libanesische Armee gefragt werden könnte, dieselbe Rolle einer «Friedenstruppe» in Syrien zu spielen. Zu jener Zeit war das sarkastisch gemeint. Heute könnte tatsächlich eine libanesische Friedenstruppe in Syrien – die alle libanesischen Gemeinschaften (Sunniten, Schiiten, christliche Maroniten, Orthodoxe, Drusen, Armenier) repräsentierte – ein Weg sein, den Konflikt zu deeskalieren. Eine Ironie sondergleichen wäre es dennoch, nachdem die syrische Armee von 1976 bis 2000 im Libanon präsent war. Doch so etwas ist natürlich unmöglich. Aber das Gedankenspiel zeigt, welchen politischen Wandel der Nahe Osten durchgemacht hat.

In der Realität wird die syrische Regierung wohl alleine weiterkämpfen. Wie sie es immer gemacht hat. Die Doktrin von Vater und Sohn al-Assad war immer eine der Ausdauer: Hart bleiben, wie gross auch immer die Verdammung seitens des Rests der Welt ist, wie schrecklich auch immer die Drohungen von Israel oder den USA sind. Und vielleicht wird sich das Glücksrad ja einmal mehr in ihre Richtung drehen.

Das entsetzliche Blutbad in Homs und an anderen Orten Syriens, die gezielten Tötungen und Folterungen weisen allerdings daraufhin, dass die Herrschaft al-Assads zu Ende geht. Die syrische Bevölkerung kämpft wie in Ägypten, Libyen und Jemen für die Würde, sich selbst zu regieren. Baschar al-Assad glaubt derweil immer noch, dass er dank seiner versprochenen Reformen das Schlimmste abwenden könne. Niemand ausserhalb Syriens scheint zu glauben, dass er es schafft. Aber eine Frage wurde bisher nicht gestellt: Nur angenommen, das Regime würde überleben – über was für ein Syrien würde es herrschen?

Robert Fisk ist Nahostkorrespondent der britischen Zeitung «The Independent».

Mazhar Tayyara (1988–2012)

Tod eines Medienaktivisten

Er nannte sich «Omar von Syrien» oder auch «Omar Astalavistas». Mazhar Tayyara gehörte zu den über 200 Menschen, die Ende letzter Woche durch die Bombenangriffe des syrischen Militärs auf die Stadt Homs getötet wurden. Tayyara war Aktivist der Demokratiebewegung, aber auch ein wichtiger Informant internationaler Medien. Im Dezember lieferte er der Agence France-Presse erste Videoaufnahmen von syrischen Panzern, die in die Stadt fuhren. Tayyara führte auch die wenigen internationalen JournalistInnen herum, die es in die Stadt geschafft hatten. Er begleitete sie als Fahrer und Übersetzer. Per Skype telefonierte er mit RedaktorInnen in Europa und wurde live auf al-Dschasira und CNN zugeschaltet. Über die genauen Umstände seines Todes gibt es widersprüchliche Angaben. Während die einen berichten, sein Haus sei von einem Mörsergeschoss zerstört worden, sagen andere, eine Panzergranate habe ihn auf der Strasse getroffen, während er Verletzten half.

Mazhar Tayyara studierte Bauingenieurswissenschaften in Homs. Seit Beginn des Aufstands schaffte er es jedoch kaum mehr an die Universität. Er engagierte sich mit ganzer Kraft gegen das Regime von Baschar al-Assad. Neben seiner Medienarbeit liess er sich beim Roten Halbmond als Sanitäter ausbilden, um Verwundeten helfen zu können. Gegenüber JournalistInnen zeigte er sich Ende Januar noch optimistisch. Er sagte, es sei nur noch eine «Frage von Tagen, bis Homs eine freie Stadt ist». Am 21. Juli wäre er 24 Jahre alt geworden.

Daniel Stern

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