Nr. 18/2020 vom 30.04.2020

Genhacking oder Untergang?

Ist die «humangenetische Revolution» unausweichlich? Der einflussreiche Technofuturist Jamie Metzl fordert eine weltweite Debatte über die Chancen und Risiken gentechnischer Eingriffe am Menschen. Klingt gut, ist aus seinem Mund aber scheinheilig.

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Genome Editing konkret: Das Crispr-Protein zerschneidet an der gewünschten Stelle einen DNA-Strang (blau). VISUALISIERUNG: CARLOS CLARIVAN, SPL / KEYSTONE

Ein moralischer Aufschrei ging Ende November 2018 um die Welt: Der chinesische Biophysiker He Jiankui hatte die Geburt von Zwillingen verkündet, deren Erbgut er mittels gentechnischer Eingriffe in die Keimbahn verändert hatte.

Eine Keimbahntherapie soll genetisch bedingte Krankheiten verhindern – was im Fall von He gar nicht das Ziel war –, sie wirkt sich aber auch auf künftige Generationen aus (vgl. «Eine Welt ohne zystische Fibrose?» im Anschluss an diesen Text). Aktuell ist sie in praktisch allen Ländern verboten. Möglich gemacht hat Hes Eingriff das sogenannte Genome Editing – genauer gesagt, die Crispr/Cas-Methode, die oft als «Genschere» oder «molekulares Skalpell» für Eingriffe ins Erbgut bezeichnet wird. Dieses Genome Editing hat TA-Swiss, die Stiftung für Technologiefolgenabschätzung, 2019 in einer umfassenden Studie durchleuchtet. Ihre dringlichste Empfehlung: «Die Schweiz sollte ihre ablehnende Haltung gegenüber Keimbahneingriffen beim Menschen auch auf internationaler Ebene aktiv einbringen.»

Für Jamie Metzl steht angesichts einer sich Bahn brechenden «humangenetischen Revolution» gar die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel. Metzl – von Haus aus Historiker – arbeitet für den regierungsnahen US-Thinktank Atlantic Council und war früher beim Nationalen Sicherheitsrat und während der Präsidentschaft von Bill Clinton im US-Aussenministerium tätig. Seit 2019 berät er die WHO als Mitglied der ExpertInnenkommission zur Regulierung und Kontrolle von Genome Editing am Menschen. Die Kommission wurde als Reaktion auf He Jiankuis Keimbahneingriffe ins Leben gerufen. In seinem Bestseller von 2019, «Hacking Darwin» (deutsche Ausgabe: «Der designte Mensch»), warnt Metzl vor BiohackerInnen, die sich «weltweit explosionsartig» ausbreiten und Genome Editing anwenden könnten, «um tödliche Krankheitserreger zu erzeugen und damit Millionen Menschen umzubringen». Ein internationales Regelwerk, vergleichbar mit dem Atomwaffensperrvertrag, sei jetzt zu schaffen – in einem weltweiten Dialog mit möglichst breiter Beteiligung der Bevölkerung.

Eine ganze Liste heikler Fragen

Die relevanten ethischen Fragen, die es dabei zu klären gilt, listet er gleich selber auf – darunter: Soll sich Genome Editing auf die Beseitigung von Krankheiten beschränken? Welche Freiheiten haben Eltern bei der Embryoauswahl nach einer künstlichen Befruchtung? Und natürlich: Sind Keimbahneingriffe legitim?

Bloss sind diese am Ende des Buchs formulierten Fragen für Metzl rein rhetorischer Natur, die bösen BiohackerInnen eine irreführende Drohkulisse – die Antworten hat er auf den Seiten zuvor nämlich längst gegeben: «Künftig wird nicht mehr von natürlicher Selektion die Rede sein können. Sie wird von uns selbst gelenkt werden.» Die humangenetische Revolution ist «unausweichlich» – und, daran lässt Metzl als selbsterklärter Gesundheits- und Technofuturist keine Zweifel: Sie ist gut und deshalb ethisch richtig.

Das vermeintliche «Crispr-Wunder»

Genome Editing ist der Schlüssel zu dieser behaupteten Revolution: Dank der Crispr/Cas-Methode können, so das Versprechen, Krankheiten nicht nur geheilt, sondern sogar verhindert werden. (Und das ist erst die halbe Revolution – doch dazu später.) Die Funktionsweise dieser «Genschere» ist simpel: Sie lässt sich an praktisch jede Stelle im Erbgut dirigieren. Dort zerschneidet sie die DNA-Doppelhelix, also den Erbgutstrang, der das Genom bildet und im Kern jeder Körperzelle vorkommt. Je nach anschliessendem Reparaturvorgang kann so ein Gen «ausgeschaltet», ein DNA-Abschnitt ausgetauscht oder sogar eine zusätzliche Gensequenz eingefügt werden.

Das Problem: Auch die hoch präzise Crispr/Cas-Genschere ist nicht vor Fehlfunktionen gefeit – was schwerwiegende Folgen haben kann. Bestimmte Gensequenzen kommen in der DNA mehrmals vor und weisen manchmal kleinere Variationen auf. Weil die Genschere diese nicht erkennt, schneidet sie mitunter an einer falschen Stelle – ein sogenannter Off-Target-Effekt. Zudem geschieht die Reparatur am Ort des Schnitts nicht immer nach exakt demselben Muster, weshalb es zu Abweichungen von der erwünschten Vorlage kommen kann – einem On-Target-Effekt. Möglich sind auch sogenannte Mosaikbildungen: Sie entstehen, wenn das Genome Editing nicht in allen behandelten Zellen identisch und vollständig stattfindet.

Solche Mosaikbildungen gab es offenbar auch bei He Jiankuis Keimbahneingriffen, wie die Zeitschrift «MIT Technology Review» Ende 2019 publik machte. Was nicht nur bedeutet, dass die angestrebte Immunisierung gegen HIV höchstens teilweise erreicht wurde – zu befürchten sind auch negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Babys, über deren Identität und Wohlergehen bis heute nichts bekannt ist.

Dass avisierte Gene nur unvollständig oder gar nicht ausgeschaltet werden, hängt auch mit komplexen genetischen Wechselwirkungen zusammen. So fand eine Studie heraus, dass ein Gen namens p53 die Genschere behindern kann. Zwar liesse sich dieses Gen selbst mittels Crispr/Cas ausschalten – der Preis dafür wäre aber ein erhöhtes Krebsrisiko. Denn p53 spielt eine wichtige Rolle dabei, die Entstehung von Krebs zu verhindern.

Die allermeisten Krankheiten lassen sich überdies nicht auf ein einzelnes mutiertes Gen zurückführen. Sie resultieren aus einem komplexen Zusammenspiel von vielen Genen, deren genaue Funktion aber meist unbekannt ist. Auch Umwelteinflüsse spielen eine Rolle. Jamie Metzl hält trotzdem am «Crispr-Wunder» fest – denn er ist überzeugt: Der technische Fortschritt im Bereich Big Data und künstliche Intelligenz (KI) wird uns schon bald dazu befähigen, «biologische Systeme zu verstehen» und auch komplexe Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes zu «entschlüsseln». Schliesslich bleibe die Biologie so komplex, wie sie es schon immer gewesen sei, während die Leistungsfähigkeit der technischen Methoden exponentiell steige.

Ein Argument, das ins Zentrum von Metzls Denken führt. Darin erscheint Biologie als eine Form von Informationstechnologie, unsere DNA entsprechend als «ein Code, der in immer grösserem Masse begriffen, gelesen, geschrieben und gehackt werden kann». Genetische Mutationen, die Krankheiten verursachen können, sind da nichts weiter als «die lästigen, aber unvermeidbaren Bugs eines Computerprogramms». Deshalb sollten wir, so Metzl, «nach allen verfügbaren Software-Updates verlangen, um zu erreichen, dass unser System bestmöglich funktioniert».

Das ist nicht als freundliche Aufforderung gemeint. Denn Metzls Universum ist streng utilitaristisch gebaut und folgt einer Kosten-Nutzen-Logik, in der technischer Fortschritt nicht grundsätzlich hinterfragt werden darf. Das beginnt bei der Basis für die «Software-Updates», die das Genome Editing ermöglicht: künstliche Befruchtung respektive In-vitro-Fertilisation (IVF) und Präimplantationsdiagnostik (PID). Bei der IVF werden Eizellen der Mutter im Labor mittels unterschiedlicher Methoden befruchtet. Mittels PID werden die so erzeugten Embryos auf genetische Defekte hin untersucht, bevor einer von ihnen der Mutter eingepflanzt wird.

In der Schweiz wie auch anderswo in Europa sind sowohl IVF als auch PID nur eingeschränkt erlaubt und ethisch umstritten. Dafür fehlt Metzl jedes Verständnis. Er zieht Statistiken aus westlichen Industrieländern heran, um zu zeigen, dass sich ein Grossteil der Frauen, die ein Kind mit Downsyndrom erwarten, für eine Abtreibung entscheiden. Da sei es doch «deutlich weniger heikel», einen unter fünfzehn künstlich befruchteten Embryos für eine Implantation im Mutterleib auszuwählen. Und er geht noch weiter: «Wie viele Menschen werden mitansehen, wie ein Nachbarskind an einer vermeidbaren Erbkrankheit stirbt, ohne den Eltern die Schuld daran zu geben?»

Aus seiner Warte ist es nicht nur egoistisch – es ist gesellschaftlich verantwortungslos, ein solches Kind zur Welt zu bringen. «Regierungen und Versicherungen – jedenfalls in Ländern, in denen es ein vernünftiges Gesundheitssystem und keine nennenswerte Abtreibungsdebatte gibt – werden zudem bedeutende Anreize für die Nutzung von IVF und PID bieten, damit sie nicht für die lebenslange Versorgung von Menschen mit vermeidbaren Erbkrankheiten aufkommen müssen.»

Das Schlüsselwort ist natürlich «vermeidbar». Denn genetische Test- und Untersuchungsverfahren werden immer mehr schädliche Anomalien im Erbgut erkennen – und das nicht erst bei Embryonen, sondern bereits in den unbefruchteten Eizellen. Schon bald würden Eltern deshalb eine Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen und «die Empfängnis durch Sex als ein unnötiges Risiko betrachten», ist Metzl überzeugt. Eltern, die ihre Kinder noch «auf die altmodische Weise zeugen», würden denselben Eindruck vermitteln «wie heutzutage die verbohrten Impfgegner».

Mit dem Stichwort «vermeidbar» rückt auch das Genome Editing zurück in den Fokus und damit die Keimbahntherapie. Ja, auch Jamie Metzl hat He Jiankuis Keimbahneingriffe in einem Interview im «Smithsonian Magazine» als «unethisch» verurteilt – nicht jedoch die Methode an und für sich. Er moniert lediglich den «Prozess», also die Geheimniskrämerei, die mangelnde Aufklärung der Eltern sowie die Stümperhaftigkeit, mit der He den Eingriff vorgenommen hat. Und natürlich, dass er sich nicht eine tödliche Erbkrankheit zur Behandlung ausgesucht hat. Das habe die Keimbahntherapie als legitimen Eingriff um Jahre zurückgeworfen.

Die Politik der «guten Gene»

Für Jamie Metzl bildet die Möglichkeit, «die genetische Beschaffenheit unserer Spezies zu verändern», den Kern der behaupteten humangenetischen Revolution. Sie erlebt ihren Take-off erst, wenn Genome Editing nicht nur dazu benutzt wird, Krankheiten zu verhindern, sondern unsere Gesundheit zu verbessern und unsere Lebensspanne zu verlängern – eben: den Menschen zu optimieren.

Ein Ziel, das Wissenschaftler wie der Molekularbiologe George Church, den Metzl immer wieder als Vorbild und Mentor erwähnt, auf dem Gebiet der synthetischen Biologie bereits verfolgen. Church hat eine Reihe einzelner Gene identifiziert, die zu besonders starken Knochen oder einer grösseren Muskelmasse führen, schmerzunempfindlich machen oder ein Krebs- oder Alzheimerrisiko verringern. Darunter ist auch das Gen CCR5, das eine Virusresistenz bewirken kann – und von He Jiankui so verändert wurde, dass es die Zwillinge vor HIV schützen sollte. Im von Church initiierten «Genome Project-write» arbeitet ein internationales Forschungskonsortium daran, das komplette menschliche Genom mittels biotechnologischer Methoden nachzubauen.

Aktuell ist es bereits möglich, Eizellen aus Stammzellen zu entwickeln, die man zuvor aus Blutzellen der Mutter erzeugt hat. Dadurch liessen sich Hunderte, ja Tausende von Eizellen herstellen und künstlich befruchten. Diese müssten dann mithilfe moderner KI-Instrumente im Labor nur noch maschinell sortiert werden, «um diejenigen zu identifizieren, deren Gestalt und Biologie optimal sind», wie Metzl ausführt.

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, was mit «Hacking Darwin» im Buchtitel eigentlich gemeint ist: Das von Charles Darwin aufgestellte Evolutionsprinzip des «Survival of the fittest» soll abgelöst werden durch eine «Selection of the fittest» – vom Überleben zur Auswahl und Konstruktion des am besten an die Umwelt angepassten Menschen. Standen wir historisch mit der Eugenikbewegung nicht schon einmal an diesem Punkt?

Metzl relativiert: Der Nationalsozialismus habe die Ideen des Darwinismus «pervertiert». «Das Gespenst des früheren Missbrauchs darf aber nicht das Todesurteil für diese potenziell lebensbejahende Technik und die Menschen sein, denen sie helfen könnte.» Denn: «Anders als die Eugenikbewegung der Vergangenheit werden die heutigen Modelle der Präimplantationsdiagnostik und Embryonen-Auswahl nicht staatlich kontrolliert, und es handelt sich um keine rassistischen, diskriminierenden oder sonstigen Zwangsmassnahmen.» Metzl spricht lieber von einer «liberalen Eugenik» und wirft sich dabei sogar als Feminist in Pose. Die reproduktive Freiheit beinhalte auch die Freiheit, bestimmte Merkmale für die eigenen Kinder auszuwählen. Doch wie steht es um die Rechte der potenziellen Kinder – namentlich all jener Embryonen, die sie nicht zur Implantation auswählt?

Diese «Züchtung» des Menschen, wie sie in Metzls utilitaristischem Universum zum Ausdruck kommt, verurteilt Elisabeth Ehrensperger, die Geschäftsführerin von TA-Swiss und frühere Geschäftsleiterin der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin, klar als «unethisch». Bedenklich findet sie insbesondere «den blinden Glauben an die Kontrollierbarkeit des Lebens»: «Das allein hat in seiner Verabsolutierung totalitäre Tendenzen.» Eine humane Gesellschaft – und das steht in unserer demokratischen Verfassung – ist dem Wohlergehen der Schwächsten verpflichtet. «Metzl stellt das einfach auf den Kopf!»*

Das zeigt sich besonders deutlich, wenn Metzl das Thema Chancengleichheit aufgreift. Was, wenn nur wenige Privilegierte überhaupt Zugang zu gentechnischen Verbesserungen erhalten? Eine gentechnisch optimierte Familie könnte ihre Fähigkeiten mit jeder Generation derart steigern, dass der Abstand zu benachteiligten Gruppen unüberbrückbar würde. Doch die Gefahr einer neuen «Herrenrasse» (die Metzl selbstverständlich nicht so nennt) dräut am Horizont: «Selbst wenn derartige Optimierungen nicht gerecht verteilt wären, können wir davon ausgehen, dass eine kleine Zahl optimierter Menschen, wenn sie durch positive Werte motiviert werden, grossartige Beiträge auf Gebieten wie Wissenschaft, Philosophie, Kunst oder Politik leisten könnten, die die Welt für alle zu einem besseren Ort machen.»

Eine Frage des Überlebens?

Auf dass wir dieser monströsen Fantasie näherkommen, fährt Metzl mächtiges Geschütz auf. «Die Natur hat es darauf angelegt, uns durch Unwetter, Raubtiere, Hunger und Krankheit zu töten», so seine Auslegung von Darwin. In Harmonie mit der Natur zu leben, sei deshalb keine Option: Die Natur zwinge uns, «Gott zu spielen». In letzter Konsequenz wird die Optimierung des Menschen so zu einer Frage des Überlebens der Menschheit überhaupt: «Da die Weltbevölkerung wächst, der Klimawandel voranschreitet und mit neuen, unvorhergesehenen Herausforderungen zu rechnen ist, wird die auf präziser Gen-Editierung basierende synthetische Biologie von zentraler Bedeutung für unser Überleben werden.»

Metzl ist überzeugt, dass vor diesem Hintergrund immer mehr Menschen auch «drastische gentechnische Eingriffe» akzeptieren würden. Dazu führt er eine Umfrage der Royal Society aus dem Jahr 2017 an, die zeige, dass drei von vier BritInnen Eingriffe in die Keimbahn befürworten würden; vierzig Prozent fänden auch den Einsatz von Genmanipulation zur Verbesserung menschlicher Fähigkeiten wie Intelligenz legitim.

Und wenn die Menschheit nur mit Gentechnik eine Zukunft hat, dann «muss sie stattfinden dürfen». Das Fenster für ethische Debatten? Es schliesst sich rasant. Metzl droht unverhohlen, «es wäre dumm zu fordern, wir müssten auf perfektes Wissen warten. Das können und werden wir nicht.»

Ehrensperger wiederum warnt: Wer Bedrohungsszenarien derart überzeichne, um so den Imperativ des Handelns zu fordern, tue dies selten im Namen der Demokratie. Die Unesco hat das menschliche Genom als Weltkulturerbe für unantastbar erklärt. Zahlreiche Staaten haben dies ratifiziert und in ihrer Verfassung verankert. Doch der Konsens beginnt zu bröckeln – und wenn Technologien erst einmal verfügbar seien, sagt Ehrensperger, werde es schwierig, ihren Einsatz in einer liberalen Gesellschaft zu verbieten.

Im März haben die Ethikräte Deutschlands, Frankreichs und Grossbritanniens deshalb eine gemeinsame Erklärung zu Genome Editing im Fachmagazin «Nature» veröffentlicht. Darin fordern sie Regierungen auf der ganzen Welt dazu auf, klinische Versuche zum Einsatz von Keimbahneingriffen zu verbieten, bis «die Risiken nachteiliger Auswirkungen für Einzelpersonen, Gruppen und die Gesellschaft als Ganzes angemessen bewertet worden» und «Massnahmen zur Überwachung und Überprüfung dieser Risiken vorhanden» seien.

He Jiankui wurde von der Universität in Shenzhen entlassen und Ende Dezember 2019 gemäss der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Jamie Metzl sitzt noch immer in der ExpertInnenkommission der WHO.

* Korrigendum vom 4. Mai 2020: Im Vergleich zur Printversion sowie zur alten Onlineversion sind in diesem Abschnitt Zitate von Elisabeth Ehrensperger angepasst worden.

Jamie Metzl: «Der designte Mensch. Wie die Gentechnik Darwin überlistet». Edition Körber. Hamburg 2020. 424 Seiten. 38 Franken.

TA-Swiss (Hrsg.): «Genome Editing – Interdisziplinäre Technikfolgenabschätzung». Verlag vdf. Zürich 2019. 472 Seiten. 46 Franken.

Praktische Anwendung

Eine Welt ohne zystische Fibrose?

Die Medizin setzt viel Hoffnung in Genome Editing, um genetisch bedingte Krankheiten zu heilen oder gar zu verhindern. Vier Methoden stehen im Fokus:

Keimbahntherapie: Sie ist praktisch weltweit verboten, in Ländern wie China oder den USA werden aber bereits klinische Experimente im Labor durchgeführt, wobei man die Embryos sich nur bis zum 14. Tag entwickeln lässt. Die Crispr/Cas-Genschere kommt entweder beim Embryo oder bereits in der Eizelle der Mutter respektive dem Sperma des Vaters zum Einsatz. Der Eingriff bedingt also eine künstliche Befruchtung (IVF). Weil er in der Keimbahn stattfindet, also in jener Entwicklungslinie von Zellen, aus denen Keimzellen (Eizellen oder Spermien) entstehen, wird er an die Nachkommen vererbt. Das nährt die Hoffnung, damit Erbkrankheiten dauerhaft eliminieren zu können. Bisherige Resultate zeigen jedoch, dass Keimbahneingriffe von einer zuverlässigen Anwendung noch weit entfernt sind.

Somatische Gentherapie: Sie ist in der Schweiz erlaubt und kommt vor allem bei Erbkrankheiten zum Einsatz, die auf ein einzelnes Gen zurückzuführen sind, immer mehr aber auch bei einzelnen Erkrankungen, die durch das Zusammenspiel verschiedener Gene verursacht werden, darunter rheumatische Arthritis oder Krebs. Sie geschieht nach der Geburt. Beim sogenannten In-vivo-Verfahren wird die Crispr/Cas-Genschere direkt in den Organismus eingeschleust. Meist werden für den Transport in die Zellen Viren verwendet – was zu schweren Nebenwirkungen wie Vergiftungen oder sogar Krebs führen kann. Beim Ex-vivo-Verfahren hingegen werden dem Körper Zellen, zum Beispiel Blutzellen, entnommen und im Labor mittels Genome Editing verändert, bevor sie wieder in den Körper rückgeführt werden. So vermeidet man nicht nur die heiklen Transportmittel, sondern kann auch kontrollieren, ob die genetische Veränderung erfolgreich war.

Mitochondrien-Ersatztherapie: Dieser Spezialfall der Keimbahntherapie ist in Grossbritannien bereits zugelassen. Mitochondrien sind die eigentlichen «Kraftwerke», die Energieproduzenten in einer Zelle. Auch sie enthalten DNA, die von der Mutter weitergegeben wird. Ist das mitochondriale Erbgut fehlerhaft, kann es als Ganzes ersetzt werden. Ausgetauscht wird dabei nicht die mitochondriale DNA, sondern die Eizelle der Mutter mit einer gesunden Spenderinnen-Eizelle, in die zuvor der Zellkern, also das Genom der Mutter, eingepflanzt wurde.

Xenotransplantation: Auch ihr eröffnet Genome Editing neue Chancen. Verschiedene Experimente zeigen, dass Schweine dem Menschen genetisch so angepasst werden könnten, dass das menschliche Immunsystem ihre Organe nach einer Transplantation nicht mehr abstösst.

Franziska Meister

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch