Nr. 37/2006 vom 14.09.2006

Erregung auf Abruf

Erstaunliche Erkenntnis aus der Gegenüberstellung zweier Ausstellungen im Kunsthaus Baselland und im Zürcher Migros-Museum: Die besten Zeiten des Feminismus sind nicht vorbei!

Von Rachel Mader

«It’s Time for Action (There’s no Option)» behauptet das Migros-Museum in Sachen Feminismus kühn. Wer nun politische Agitation erwartet - Zeit zu handeln! -, hat weit gefehlt. Was im Pressetext als «gemeinsame Haltung» der ausgestellten Künstlerinnen angepriesen wird, entpuppt sich als Songtitel Yoko Onos. Sie ist eine der zahlreichen Altmeisterinnen, mit der die Kuratorin Heike Munder mehr Geschichte als Gegenwart des künstlerischen Feminismus präsentiert. Mit «Cooling-out - Zur Paradoxie des Feminismus» beschreibt dagegen Sabine Schaschl im Kunsthaus Baselland ihre Perspektive auf die aktuelle Lage. Die von ihr ausgewählten Arbeiten zeigen auf, dass junge KünstlerInnen möglicherweise der Etikette, nicht aber den Inhalten des Feminismus abgeschworen haben.

Viel nackte Haut

Trotz der unterschiedlichen Ausrichtung in Thema und Vorgehen sind beide Ausstellungen aufschlussreiche Beiträge zu aktuellen Debatten in Sachen Feminismus. Eine mehrheitlich historische Perspektive, wie sie im Migros-Museum zu sehen ist, fragt grundsätzlich nach Meilensteinen und bedeutenden Positionen, die das Erbe des Feminismus ausmachen. Munders Entscheid, dabei nicht nur auf die prominentesten Stimmen wie etwa Valie Export oder Carolee Schneemann zurückzugreifen, ist ein verdienstvoller Versuch, auch die Ränder des feministischen Kunstschaffens zu erkunden. Das Ergebnis aber leidet an einer Zusammenstellung von Arbeiten, die weder mit dem Titel noch miteinander viel zu tun haben. Traditionelle Themen der feministischen Diskussion treten in gar eigenwilliger Interpretation auf: Rollenbilder, Sexualität, Pornografie und Schönheitsideale sind die Ingredienzen, mit denen, so hegt man bald einmal den Verdacht, dem Publikum das ernsthafte Thema vor allem schmackhaft und unterhaltsam präsentiert werden soll. Eine der Stärken der Basler Ausstellung dagegen ist just deren Komposition. Die Kuratorin hat es verstanden, feministische Debatten aus dem aktuellen Kunstschaffen zusammenzutragen, die sowohl die gegenwärtige Komplexität der Diskussion als auch sehr deutliche Voten dazu vortragen.

Die Dominanz (zumeist weiblicher) nackter Haut in der frühen feministischen Kunst ist wahrlich auffallend. Marina Abramovic trug bei kaum einer ihrer Performances je Kleider, Yoko Ono liess sie sich in «Cut Piece» von 1964 vom Publikum wegschneiden, und Valie Export entblösste in «Action Pants: Genital Panic» (1969) im geöffneten Schritt nur ihr primäres Sexualorgan, Beine und Oberkörper bekleidet und in den Händen ein Gewehr haltend. Mit dem Anspruch der emanzipativen Aneignung stellten scharenweise Künstlerinnen ihren Körper zur Schau. Mit Annie Sprinkle und Cosey Fanni Tutti werden in der Zürcher Ausstellung Künstlerinnen gezeigt, die den Verkauf ihres Körpers von der Sexindustrie auf den Kunstbetrieb ausgedehnt haben. In zahlreichen ihrer künstlerischen Arbeiten übernehmen sie Bildstrategien aus der Pornoindus-trie und zeigen sie im geläuterten Umfeld als Kunst. So aufschlussreich diese Arbeiten hinsichtlich der Verwertungsmechanismen im Kunstbetrieb sind, in der Ausstellung werden sie zu einem reduzierten und etwas gar reisserischen Einblick in die Frage nach dem weiblichen Körper in der Kunst.

Strippender Pandabär

Diese kuratorische Gewichtung mag auch zur Wahl von Patty Chang, einer der wenigen jungen Künstlerinnen im Migros-Museum, geführt haben. In der Manier aktionistischer Kunst der Sechzigerjahre traktiert sie ihren Busen, der durch eine Melone ersetzt wurde. Steht sie vorerst mit intaktem BH da und erzählt über ihre an Brustkrebs gestorbene Tante, schneidet sie plötzlich den Melonenbusen auf, entleert ihn hastig von den Kernen, schaufelt mit grobem Löffel das Innere aus, isst es und spricht gehetzt weiter. Die Szenerie ist visuell abstossend - und damit hat es sich. Erfrischend nüchtern, intelligent und kein bisschen neurotisch wird die geschlechtsspezifische Körperwahrnehmung von der 31-jährigen finnischen Künstlerin Aurora Reinhard im Kunsthaus Basel aufgegriffen. Sie interviewte drei junge Frauen zu ihrem täglichen Umgang mit ihrem androgynen Äussern. Ihre Situation sehen sie nicht primär als Leiden, sie beschreiben vielmehr ihren strategischen Umgang mit der Rolle Frau oder Mann. Und mit «Madame, je suis une bombe», ebenfalls in Basel zu sehen, greift Elodie Pong (1966 in Boston geboren, lebt in Zürich) auf die Tradition früher feministischer Körperkunst zurück, um davon ausgehend die Absurdität eines sexualisierten Vokabulars vorzuführen. Eine als Pandabär verkleidete Person tanzt in einem heruntergekommenen, einzig durch die bekannte Stange als Striplokal erkennbaren Raum. Die aufreizenden Gesten werden korrekt vorgeführt, doch die tapsigen Füsse und die etwas gross geratene Verkleidung verstärken den unangenehmen Eindruck, der angesichts jeder Stripshow entsteht: dass diese künstlich produzierte Erotik eher einer gut einstudierten Turnübung verwandt ist. Erregung auf Abruf. Die nach einigem Strippen von der Tänzerin direkt und in Nahaufnahme in die Kamera gesprochenen Textfragmente nehmen sich die entsprechende Terminologie vor. «Je suis une bombe, je suis parfaite» rezitiert die atemlose Protagonis-tin etwa die anstrengenden Anforde- rungen an eine zeitgemässe Attraktivität. Mit einer konzeptionellen Arbeit über die mächtigen Pionierinnen der Kosmetikindustrie der 33-jährigen deutschen Künstlerin Pernille Kapper Williams wird die Auseinandersetzung um Normen und Körper im Kunsthaus Baselland um eine ökonomische Perspektive und die Ambivalenzen der Gleichstellung erweitert. Die Biografien der drei erfolgreichen Unternehmerinnen Helena Rubinstein, Estée Lauder und Elizabeth Arden werden mit Dokumenten ergänzt, die ihre wirtschaftliche Konkurrenz, ihre politisch fragwürdigen Verstrickungen und nicht zuletzt ihr Postulat für Schönheit zu einem komplexen und antagonistischen Bild zusammenfügen.

Freche Rapgöre

So ist man geneigt, der These der Basler Ausstellung, wonach die Lage des Feminismus von Paradoxien durchzogen ist, zuzustimmen. Eine der stärksten Arbeiten von «Cooling-out» scheint nachgerade Ausgangspunkt für die Behauptung gewesen zu sein. Dani Gal (1975 in Israel geboren, lebt in Berlin) porträtiert in seinem Video «P-Star» (2005) die neunjährige amerikanische Rapperin Priscilla, die von ihrem Vater zielstrebig gefördert wird. Was dies bedeutet, führt der Film drastisch vor: Wenn das junge Mädchen seinen Alltag schildert, unterbricht sie ihr Vater und beteuert, wie hart Priscilla an ihrer Karriere arbeitet. Kostproben ihres Sprechgesangs stört der offensichtlich sehr ambitiöse Förderer mit Korrekturen. Die Produktion der frechen Rapgöre liegt in seiner Hand, die Vermarktbarkeit macht auch vor einst widerspenstiger weiblicher Selbstinszenierung nicht Halt. Dass sich auch feministische Anliegen verkaufen lassen, ist weder grundsätzlich schlecht noch besonders paradox. Es ist vielmehr Zeichen für die vielgestaltigen Formen, die das sogenannte Gender-Mainstreaming begleiten. Zum Problem wird dies nur dann, wenn weiterhin davon ausgegangen wird, dass Feminismus eine einstimmige Haltung bezeichnet. Das war noch nie der Fall - und ist es heute noch viel weniger. Und genau dieser Vielstimmigkeit hat sich die Basler Ausstellung mit einem sehr anregenden Ergebnis gestellt. Vereinzelte bedeutungslose Arbeiten stellen die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung mit dem Thema dabei nicht infrage.

Die Zürcher Ausstellung ihrerseits krankt nicht primär an uninteressanten künstlerischen Positionen. Vielmehr an einer gar ehrgeizigen Ankündigung, die keinerlei Widerhall findet in der Zusammenstellung der Arbeiten. Diese scheint willkürlich und zu sehr auf Altmeisterinnen und spektakuläres Potenzial fokussiert, was im Bezug auf einzelne Themen kontraproduktiv wirkt: aus Körper wird Pornografie, aus Rollenbildern Schönheitsnormen und aus sozialen Hierarchien bietet nur Pipilotti Rists stetes ohnmächtiges Umfallen in «(Entlastungen) Pipilottis Fehler» aus dem Jahr 1988 einen Ausweg - lustig zwar, aber nicht mehr.

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