Nr. 21/2020 vom 21.05.2020

Eine alte Warnung, die widerhallt

Kurz vor ihrem Tod war sie plötzlich wieder gefragt: Als Vorkämpferin für feministische Körperkunst prägte Carolee Schneemann gerade auch jüngere Künstlerinnen, wie eine Ausstellung im Unterengadiner Muzeum Susch zeigt.

Von Giulia Bernardi

Carolee Schneemann, 1973: Wann schaut man neugierig hin? Wann beschämt weg? FOTO: ANTHONY MCCALL, COURTESY OF THE ESTATE OF CAROLEE SCHNEEMANN © 2020, PROLITTERIS, ZURICH

Ihre Kunst ist laut und deutlich. Bereits in den sechziger Jahren brachte die New Yorkerin Carolee Schneemann Themen wie die weibliche Selbstermächtigung, Sexualität und Lust zur Sprache. Die Ausstellung «Up to and Including Limits» im Unterengadiner Muzeum Susch, das sich ganz der Vermittlung von Kunst von Frauen verschrieben hat, ist als Dialog angelegt: Dreizehn zeitgenössische KünstlerInnen reagieren auf die kontroverse Körperkunst von Schneemann. Lange als obszön verurteilt, gilt die 1939 geborene und 2019 verstorbene Schneemann heute als feministische Pionierin. Mit Fotografien, Experimentalfilmen und Performances hat sie den Weg für die nachfolgenden Generationen geebnet. Für eine Pipilotti Rist, Andrea Fraser oder Sarah Lucas, die alle in Susch vertreten sind.

Spiegeleier auf der Brust

Sie habe gemalt, bevor sie sprechen konnte, so beschrieb Schneemann ihr eigenes kindliches Selbst. Die Erwachsenen bewunderten ihre Zeichnungen, fragten sie aber auch: «Wirst du, wenn du gross bist, auch eine kleine Mama sein?» «Wenn ich gross bin, werde ich eine Zeichnerin», erwiderte sie. Als sie mit zwölf Jahren auf den Namen Cézanne stiess, beschloss sie, dass dieser von nun an einer Frau gehören würde. Das «anne» darin war schliesslich weiblich. So vereinnahmte Schneemann die Identität eines Künstlers, wie die Künstler es mit dem weiblichen Körper taten. Als Studentin wurde Schneemann von der Kunstschule verwiesen, weil sie ihren nackten Körper gemalt hatte. Dass sie gleichzeitig als Akt für ihre männlichen Studienkollegen posierte, hatte niemand beanstandet.

«Meine gewagtesten Werke wurden jahrelang so betrachtet, als ob jemand anderes, in mir Wohnendes, sie geschaffen hätte», schrieb sie im Rückblick über ihre Serie «Eye Body», in der sie ihren nackten Körper mit Farbe, Fett oder Plastik für die Kamera inszeniert hatte. «Man betrachtete sie, wenn man sie als aggressiv, kühn ansah, als ‹maskulin›.» Sind Sanftheit und Unterwürfigkeit entsprechend weibliche Attribute?

Diese Überlegungen griff die britische Künstlerin Sarah Lucas dreissig Jahre später in ihren Selbstporträts auf, die in Susch zu sehen sind. Auf den Fotografien sitzt Lucas breitbeinig da, mit strengem Blick, Kippe im Mundwinkel, und verkörpert so jene klischierten Verhaltensmuster, die als maskulin gelten. Musste sie als Frau so sein, um in der männlich dominierten Kunstszene überhaupt wahrgenommen zu werden? Gleichzeitig betont Lucas auf einigen Fotografien ihre Geschlechtsmerkmale: Sie posiert mit zwei Spiegeleiern auf der Brust, mit einem toten Hühnchen im Schritt und stellt die unausweichliche Frage: Muss eine Frau die eigene Sexualität unter dem Deckmantel von Humor verstecken oder als Stück Fleisch instrumentalisieren, um vom männlichen Kanon akzeptiert zu werden?

Teilnahme oder Rückzug

Dass der Umgang mit Sexualität ein Abbild gesellschaftlicher Strukturen ist, thematisierte Carolee Schneemann bereits 1964 in «Meat Joy». Die Performance ist als Video im selben Raum wie die Fotografien von Sarah Lucas zu sehen und ist vor allem eines: exzessiv und überfordernd. Eine akustische und visuelle Reizüberflutung. Die DarstellerInnen wälzen sich auf dem Boden, tanzen, lachen, schmiegen sich aneinander, legen sich rohes Fleisch, Würste und Fische auf die nackte Haut. Klar wird: Sexualität ist nie eindeutig, sie kann ekstatisch, komisch oder sinnlich sein. Oder alles zusammen.

Fünfzig Jahre später wurde «Meat Joy» von der Dänin Mette Ingvartsen erneut aufgegriffen. In «69 Positions» beschreibt sie den ZuschauerInnen Schneemanns Performance. Ingvartsen ist dabei mal angezogen, mal nackt, und sie animiert das Publikum, ausgewählte Szenen nachzuspielen. Einige ZuschauerInnen scheuen die körperliche Nähe, andere nehmen teil, ohne zu zögern. Für Ingvartsen ist die Entscheidung zu Teilnahme oder Rückzug immer auch ein politischer Akt. Indem sie uns miteinbezieht, verlangt sie eine Entscheidung. Warum ist es mir unangenehm? Man kann so die gesellschaftlichen blinden Flecken am eigenen Leib beobachten: Wann schaut man neugierig hin? Wann beschämt weg?

1975 zog Schneemann während der Performance «Interior Scroll» eine Schriftrolle aus ihrer Vagina. «Sei darauf vorbereitet», las sie vor. «Dass man dir, wenn du eine Frau bist (und sich die Dinge nicht völlig verändert haben), nie so richtig glauben wird. Dass sie versuchen werden, Teil deiner Sexualität zu sein. Dass sie deine Sexualität oder deine Arbeit leugnen werden.» Diese Warnung hallt in den Räumen des Muzeum Susch wider. Haben sich die Dinge verändert? Nicht wirklich. Bis heute kämpfen wir gegen verhärtete, patriarchale Strukturen an, gegen starre Geschlechterklischees. Deshalb braucht es Künstlerinnen wie Mette Ingvartsen, die Schneemann neu interpretieren. Künstlerinnen wie Andrea Fraser, die beharrlich auf die männlich gesteuerte, sexuelle Ökonomie der Kunstwelt verweisen. Künstlerinnen wie Pipilotti Rist, die weiter darauf bestehen, dass zur weiblichen Sexualität auch Menstruation und Geburt gehören. Solange all dies noch als kontrovers oder gar obszön angesehen wird, sind wir nicht viel weiter. Darum: Sei darauf vorbereitet.

Die Ausstellung «Up to and Including Limits: After Carolee Schneemann» ist noch bis am 28. Juni 2020 im Muzeum Susch zu sehen. www.muzeumsusch.ch

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